Schottland, 14.-20. Juni 2006
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Sonntag, 18. Juni

So, die Zeit der vielen Bilder ist vorbei - ab jetzt wirds wieder etwas textlastiger. Vor allem an diesem Sonntag, denn das Wetter war schlecht, und so entschied ich mich für eine Museumstour. Ich war wieder allein, da Joachim noch einiges tun musste für sein Studium. So zog ich mit ein oder zwei Zielen vor Augen ab etwa 13 Uhr alleine los. Gut war, dass ich den Regenschirm dabei hatte.

Verregnete Stadt

Man kann es sehen wie man will, aber Edinburgh macht, wie ich finde, auch bei Regen noch eine halbwegs gute Figur und bietet eine Menge interessanter Ansichten.

Ich habe mich jedoch gewundert, wie ein solcher Laden das ganze Jahr über Weihnachtsdekoration verkaufen kann...

Die ständige Videoüberwachung, im nächsten Bild schön zu sehen, ist ebenfalls ein integraler Bestandteil britischer Städte. Ob auf Straßen oder Plätzen, im Bus oder Museen, die Kameras zeichnen ständig auf, was passiert...


Parlament

Diesen Sonntag ging ich nun auch bis zum anderen Ende der Royal Mile und sah mir das schottische Parlament an. Eines der modernsten und zugleich umstrittensten Gebäude in Edinburgh. Zwar will es nicht zu den ganzen historischen Gebäuden passen, wirkt aber dennoch interessant, weil es aus jedem Winkel ein bisschen anders aussieht.

Direkt gegenüber des Parlaments befinden sich ein Schloss, in dem die Queen ab und an hausiert, die Queen's Gallery und eine alte Kapelle.


The Dynamic Earth

Hinter dem Parlament liegt, etwas versteckt, eine angeblich beliebte Attraktion von Edinburgh, "The Dynamic Earth". Ich dachte, es könne ja nicht schaden, sich das mal anzusehen. Wenn ich gewusst hätte, wie es werden würde, hätte ich die knapp 9 Pfund Eintritt gespart.

In diesem "Museum" wird man prinzipiell durch verschiedene Räume geschleust und reist so von der Entstehung der Erde bis in unsere Zukunft. Den Übergang zwischen den Räumen bilden übermotivierte junge Frauen, die grinsend die staunenden (?) Grüppchen begrüßten. "Hello, time travelers! Welcome to the distant past!" - oder, wenn man gerade den "Urknall" überlebt hatte: "Hello, survivors! How are you?!"

In den Räumen selbst gab es Videowände, die Filme über die Erde ausstrahlten, z.B. die Entstehung der Vulkane oder Gletscher. Ab und an kam noch ein Spezialeffekt hinzu, sodass z.B. bei einem Vulkanausbruch der Boden wackelte. Das alles erinnerte mich an diverses Zeug aus dem Epcot Center in Florida. Die Amis, die dort waren und etwas über die Entstehung der Erde erfuhren, waren total aus dem Häuschen.

Doch für Leute, die das eh alles schon wissen, bot diese Attraktion nichts wirklich interessantes. Amerikaner und Kinder dürften jedoch ihren Spass daran haben.

Außer den Räumen mit den Videowänden gab es auch noch einen Ausstellungsraum, in dem Bilder an der Wand hingen oder Nachbildungen von Urzeittieren ausgestellt waren. Nicht gerade spannend, nicht gerade aktuell. Und dann war da noch eine Tussi im Tropenhut vor der Nachbildung eines Regenwaldes, die - während Roboteraffen im Hintergrund herum- torkelten - erzählte, wie wichtig die Regenwälder für das Erdklima seien. Sogar eine Regenzeit gab es, mit echtem Wasser. Wow.

Im letzten Raum saß man auf drehbaren Stühlen unter einer Kuppel, auf die ein Video projeziert wurde. Ein junger Mann erschien und sagte, dass man hier in diesem Raum wichtige Entscheidungen über die Zukunft der Erde treffen würde. Also erschien eine Nachrichtensendung, und jemand stellte die Frage, wie man der Energieknappheit begegnen sollte. Entweder durch den Bau von Atomkraftwerken oder durch die Förderung regenerativer Energien. Man hatte zwei Knöpfe, die man drücken konnte. Dann wurde das Ergebnis präsentiert und man sah, wie die Stimmenverteilung im eigenen Sitzblock aussah. Okay, alle für Regenerativ. Gut. Dann kam ein Zeitsprung, 10 Jahre oder so. Man sah schottische Hügel, die mit Windrädern gespickt waren, und protestierende Menschen. Nun wurde es als Problem der regenerativen Energien dargestellt, dass die Highlands durch Windräder verschandelt würden. Also gab es wieder zwei Möglichkeiten, wie man das Problem lösen könne: Entweder Energiesparen per Gesetz vorschreiben oder Atomkraftwerke bauen. Nun gut, also Energiesparen. Dies führte dann - nach einem weiteren Zeitsprung - zu Bildern, in denen man sah, wie Edinburgh die Lichter ausgingen. Nicht mal die schöne Schlossbeleuchtung durfte an bleiben. Übel. Und die nächste Entscheidung bestand dann nur noch aus den Möglichkeiten, entweder Öl- und Kohlekraftwerke auszubauen, oder eben in Nukleartechnik zu investieren. Diesmal tippten die meisten auf die Atomkraft. Und dann erschien der gewitzte Moderator wieder und verkündete frohen Mutes: "You see, it's not so easy to make decisions about our future." Ach was?

Diese 9 Pfund waren zum Fenster rausgeschmissen. Und Dynamic Earth hat nicht mal satt gemacht...


back in the city

In einem städtischen Hinterhof fand ich noch ein paar nette Ansichten, die ich verewigen wollte:

Und in der Royal Mile gab es den "The World's End"-Pub. An dieser Stelle verliefen früher die Stadtmauern, und für viele Städter war demnach an dieser Stelle die Welt zu Ende.

Der Uhrturm mal wieder:


The Royal Museum

Da es immer noch regnete, entschloss ich mich, das Royal Museum zu besuchen. Dieses und das Museum of Scotland (direkt nebenan) sind kostenlos, so konnte ich nichts falsch machen. Und das Foyer sah auch sehr ansprechend aus:

Was die Ausstellungen betraf, irrte ich mehr oder weniger ziellos durch di Gänge, und sah mir letztlich ein paar Hundert präarierte Rieseninsekten an.

Das war zwar ganz nett, aber es war nichts, was ich nicht schon in anderen Museen gesehen hätte. Und so entschied ich mich, doch noch etwas zu besuchen, was ich nur hier in Edinburgh sehen konnte.


Camera Obscura

So zahlte ich die 7 Pfund Eintritt zur Camera Obscura, welche sich direkt vor dem Castle befindet. Die Werbeschilder versprachen optische Täuschungen und derlei Kram. Und dieser Laden war dann auch endlich sein Geld wert.

Schon im Eingangsbereich konnte man geniale Hologramme bewundern. Nicht nur die üblichen, die man so kennt, sondern solche, die sich je nach Betrachtungswinkel verändern. So gab es einen Hund, der eine Frisbee fing, ein Zug, der auf einen zu fuhr, oder eine hübsche Frau, die sich auf einem Bett räkelte. Genial gemacht.

In den drei Stockwerken gab es dann auch einiges zu sehen. Es wurden zum Beispiel alle möglichen Arten optischer Täuschungen vorgestellt, von den Anfängen bis zur Gegenwart. Sogar historische 3D-Aufnahmen konnte man betrachten. Vieles davon war sehr witzig und vor allem unterhaltsam. In einem Raum konnte man mit einem Joystick zwei Kameras steuern, die auf dem Dach des Gebäudes angebracht waren. Hier konnte man hautnah erleben, wie der Job eines Überwachers aussehen könnte, von denen es auf der Insel eine Menge geben muss. Der Zoom war so stark, dass man problemlos auf die Gesichter der vorbeigehenden Menschen zoomen konnte. Faszinierend.

Nachdem ich ewig lange die faszinierenden Holografien betrachtet hatte, ging ich aufs Dach. Dort waren starke Fernrohre aufgestellt, mit denen man einen schönen Blick über die Stadt hatte.

Hier gab es dann auch noch eine Vorstellung der Camera Obscura, dem eigentlichen Anwendungszweck des gesamten Gebäudes. Die Camera Obscura besteht aus einem kleinen Kuppelgebäude auf dem Dach. In diesem befindet sich ein großer weißer runder Betonteller. Auf diesen Teller fiel Licht durch einen runden Schacht, der von oben über einen Spiegel dort hinein gelenkt und durch Linsen vergrößert wurde. Auf dem weißen Teller zeigte sich dadurch ein ziemlich gutes Abbild von Edinburgh um das Gebäude herum. Die "Kamera" ließ sich über einen Stab drehen und schwenken. Quasi der Vorläufer der modernen Überwachungskameras. Der schottische junge Mann nutzte diese Präsentation, um ein paar interessante Dinge über Edinburgh zu erzählen, und machte dann noch ein paar Späßchen, indem er mit einem Blatt Papier Menschen vor dem Castle-Eingang "aufnahm" und sie danach wieder auf den Teller zurück "legte". Das sah witzig aus.

Nach der Präsentation machte ich noch ein paar Fotos von diesem Dach aus.

Und zwei Panoramen:


Abend

Nach diesen Eindrücken ging ich zurück zu Joachim, um noch kurz einzukaufen. Im Laden gab es eine seltsame Situation an der Kasse. Die Kassiererin nahm eine meiner beiden gekauften "Highland Spring"-Wasserflaschen und gab sie einem anderen Mädel. Diese haute mit meiner Flasche ab. Zuerst dachte ich, sie würde vielleicht nach dem Preis sehen, aber die Frau an der Kasse rechnete schon mal ab - und ich musste noch zwei Minuten warten, bis das Mädel mit meiner Flasche wieder zurück war. Sie hatte sogar zwei dabei. Eine legte sie an auf eine Theke, die andere gab sie mir zurück. Den Sinn dieser Aktion habe ich nicht kapiert. Von Effizienz und Geschwindigkeit hat man in schottischen Supermärkten eh noch nichts gehört, was die Wartezeiten an der Kasse nicht verkürzt...

Kurz darauf zog ich mein rotes Korea-Fan-Trikot an, das mir meine Brieffreundin geschickt hatte, und wir machten uns auf den Weg ins 3 Sisters, um das WM-Spiel Korea gegen Frankreich zu sehen.

Dieses Mal bekamen wir sogar einen Sitzplatz, doch dummerweise hatte ich meine Kamera vergessen. Ich aß dort einen Burger, der sogar nach etwas schmeckte (oder sollte es gar sein, dass ich mich langsam an den Nicht-Geschmack gewöhnte und meine Phantasie helfend einsprang?), und hielt - natürlich - nach Koreanern Ausschau.

Und tatsächlich, nicht weit entfernt saß ein koreanischer Junge mit seiner Freundin, er ganz eindeutig im roten "Reds go together"-Shirt. Als seine Freundin mich sah, stupste sie ihren Freund an, damit er mal gucken soll. Außer diesen beiden konnte ich zunächst nur noch eine Koreanerin an einem anderen Tisch ausmachen. Aber dann... als Korea endlich den Anschlusstreffer schaffte, sprangen wir auf und jubelten. Das war sehr witzig, da nur etwa 5 von 100 Leuten dies taten, weil die meisten für Frankreich waren. Der junge Koreaner sah mich begeistert an, als ich mit dem Schlachtruf "Dae-han-min-guk!" (Republik Korea!) aufwartete. Und als das Spiel dann vorüber war, umarmte er mich voller Freude und rief mehrmals "Thank you, thank you!"

Jaja, schön, schön. Zu schade, dass die Spieler gegen die Schweiz verloren haben. Ich hätte es ihnen nur zu gern gegönnt.

Nach dem Spiel musste ich noch mit einer Mitdreißigerin gegenüber diskutieren. Sie, gebürtige Iranern, war sehr ironisch, als sie sich vorstellte: "I'm from the Middle East, but I'm NOT a terrorist! I don't wear a bomb belt under my jacket." Sie wollte wissen, warum ich für Korea jubeln würde, wo ich doch Deutscher sei. Ich versuchte es ihr zu erklären, was nicht gerade einfach war, da sie mich immer davon überzeugen wollte, dass ich wegen der "European Community" für die europäischen Mannschaften zu jubeln hätte. Häh? Gut, sie lebte in Frankreich, war klar, dass sie für Frankreich war. Ihre Freundin schaltete sich dann noch ein und erzählte, sie sei schon in Korea gewesen, und die Leute seien sehr nett gewesen, woraufhin die Iranerin meinte, alle Asiaten seien Rassisten.

Während ich noch argumentierte, klopfte mir jemand von hinten auf meine Schulter. Und da war schon wieder eine Koreanerin, die das alles mitgekriegt hatte. Sie wollte auch von mir wissen, warum ich für Korea sei, und freute sich natürlich darüber, obwohl sie schon 3 Jahre lang in Schottland lebte. Außerdem lernte sie neben Deutsch und Englisch die Sprachen Norwegisch, Dänisch und Schwedisch, und will nun noch mit Französisch anfangen. Allerdings bringe sie viel durcheinander, was nachvollziehbar ist. Als sie ging, sagte sie noch "Eat Tupu". Tupu ist Tofu und, entsprechend mit Geschmack zubereitet, eine Spezialität in Korea - auch die Lieblingsspeise meiner Brieffreundin.

Als ich mich wieder umdrehte, war das Gespräch zwischen Joachim und den beiden Mädels vorbei. Anscheinend hatten sie urplötzlich das Thema gewechselt und diskutierten nun über attraktive Männer. Im Nachhinein dachte ich mir, dass die beiden gut in "Sex & the City" gepasst hätten. Derselbe Look, dieselbe Gestik, dieselbe Offenheit und Diskussionsgeilheit über Männer. Außerdem weit gereist, nirgends wirklich zu Hause. Ja, hätte gepasst.

Als wir gingen, rief mir die Iranerin noch ein "You are a traitor to your country!" hinterher. Das hatte sie natürlich nicht ernst gemeint, und so ging ich lachend nach Hause und fiel - wieder mal erschöpft - ins Bett.

Was ich da noch nicht ahnen konnte, war, dass der nächste Tag viel interessanter werden sollte, als ich mir hätte vorstellen können.


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