Schottland, 14.-20. Juni 2006
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Freitag, 16. Juni

Am Freitag kämpften wir uns um kurz nach Sieben aus dem Bett, um rechtzeitig unseren Mietwagen abholen zu können. Nach einem langen Marsch erreichten wir um etwa 9 Uhr die Autovermietung. Der Wagen sollte uns ca. 100 Euro für zwei, eigentlich drei Tage (weil Sonntag) kosten, zuzüglich dem Sprit, den wir verfahren. Gebucht hatten wir über holidayautos.de, weil man von denen die Selbstbeteiligung im Schadensfall von 300 Pfund wieder erstattet kriegen würde.

Da der Vermieter das Mini-Auto Daewoo Matiz (war das günstigste) nicht verfügbar hatte, gab er uns einen Opel Corsa, der in Schottland seltsamerweise Vauxhall Corsa heißt und auch ein anderes Firmenlogo hat. Das konnte uns nur recht sein, und mir konnte es recht sein, dass Joachim bereits Erfahrung mit dem Linksverkehr hatte. Ständig kam es mir so vor, als führen wir auf der falschen Straßenseite. Es war beängstigend. Doch die Furcht legte sich, als wir nach mehreren Schlenkern (wegen Einbahnstraßen und Baustellen) endlich aus der Stadt raus waren und unsere Fahrt Richtung der "Isle of Skye" ganz oben im Nordwesten beginnen konnten. Ein gutes Stück Weg lag vor uns, aber wir waren motiviert, und das Wetter war zwar übler als an den Tagen zuvor, jedoch hat es nicht geregnet.

Auf der folgenden Karte habe ich unsere Route in Blau eingezeichnet. Die Schildchen mit den Nummern entsprechen den Überschriftsnummern in diesem Reisebericht.

Da ich bei der Fahrt durch die Natur am liebsten die Bilder sprechen lassen möchte, haben es ca. 140 davon in diesen Bericht geschafft, verteilt über die nächsten beiden Tage. Das hat den Vorteil, dass ihr von langen Labereien verschont bleiben werdet. Naja, nicht vollständig, denn zu erzählen habe ich trotzdem einiges.

Ab nach Norden!

Auf der Fahrt nach Nordwesten wurde die Landschaft um uns herum zunehmend hügeliger. Und nach rund 2-3 Stunden erreichten wir das erste der zahlreichen Löcher, die wir in den nächsten Stunden noch sehen würden.

02 - Loch Ericht

Es war phantastisch. Das weite Land, die sanften Berge, das satte Grün gemischt mit Braun, in der Ferne der Anfang des langgezogenen Lochs, dazu die dramatisch und typisch schottisch tiefhängenden Wolken. Ein guter Ort für ein weiteres Panorama:


03 - weites Land

Alle paar Kilometer mussten wir anhalten, weil wir überwältigt waren von der weiten Natur um uns herum. Dass es immer besser und besser werden würde, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Wieder einmal lässt sich die Weite nur mittels eines Panoramas halbwegs vermitteln.

Erschreckt hat uns an dieser Idylle nur, dass ganze drei Mal Düsenjets im Tiefflug über uns hinwegdonnerten. Muss den Piloten Spass gemacht haben, so eine Verfolgung durch die Highlands...


04 - Brückenwärter

Wenn die Schotten eines beherrschten, dann war es das Schlösserbauen. Während man in der Stadt ganz unvermittelt plötzlich riesige Prachtbauten zu seiner Seite erblicken kann, die in jedem anderen Land touristische Highlights wären, hier aber ganz normal als Schulen, Universitäten oder Krankenhäuser verwendet werden, so trifft man auf dem Land auch immer wieder auf kleine oder große Bauten, die in ihrer Wirkung einfach einzigartig sind.

Wie hier dieses winzige Häuschen an einer Brücke über einen kleinen Fluss, das uns plötzlich auf der linken Straßenseite begegnete.

Wie man an dem Schild "Gatelodge" erkennen kann, lässt sich dieses Häuschen offenbar mieten. Im ersten Bild sieht man sogar eine Satellitenantenne. Wäre doch auch mal was für ein Wochenende.


05 - verstecktes Schloss

Wir fuhren weiter am Loch Laggan vorbei, von dessen Ufer man einen schönen Blick hatte:

Und dann, plötzlich, blitzte am gegenüberliegenden Ufer des Lochs ein riesig wirkendes Schloss durch die Bäume hindurch. Ich habe versucht, es mit vollem Zoom einzufangen, doch es gelang nicht wirklich:

Nach einer Internet-Recherche in den letzten Tagen bin ich mir nun ziemlich sicher, dass dies das "Ardverikie Castle" war. Die Bilder im Internet waren aber jeweils von vorne aufgenommen, deshalb gelang die Zuordnung nicht so einfach.

Da uns mittlerweile der Hunger plagte, kehrten wir in irgendeinem kleinen Ort in einem rot angestrichenen Fastfood- Restaurant namens "Little Chef" ein. Die Bedienung dort war kaum motivierter als ein Highland-Rind, und das Essen war, wie mittlerweile erwartet, wieder so geschmacklos, dass man die Pommes, äh Chips, mit Essig verunreinigen musste. Einzig der Salat hatte etwas Geschmack. Das hat mich überrascht.


06 - Landschaft, Landschaft, Landschaft...

Sanft gewellte Grashügel mit weißen Schäfchen, durchsetzt von Baumflächen, und im Hintergrund in Wolken gehüllte Berge. Genial.

Menschen leben hier auch...


07 - Loch Lochy

Das Loch Lochy (cooler Name) liegt direkt südlich von Loch Ness. Die beiden Löcher sind auch durch ein Flüsschen miteinander verbunden. Allerdings fuhren wir am Loch Ness nicht vorbei, sondern bogen bei Invergarry Richtung Westen ab.


08 - Loch Garry

Um etwa 16 Uhr kamen wir an einem der schönsten, bekanntesten und fotogensten Löcher Schottlands vorbei, das so ziemlich in jedem Schottland-Reisebericht auftaucht. Das Loch Garry, unverkennbar wegen der Brücke, die an einer Stelle die beiden Ufer miteinander verbindet. Von einem hoch gelegenen Parkplatz aus hatte man einen guten Blick ins Tal.

Wir waren natürlich da... Jens umrahmt von Blümchen -- dummerweise (oder absichtlich?) lag der Fokus auf den Blümchen:

Ein Panorama war auch hier fällig:


09 - Loch Loyne

Nur wenige Minuten später erreichten wir Loch Loyne, das sich ein Stück entlang der Straße orientiert, um dann jäh ins Landesinnere abzubiegen. Um einen besseren Blick zu haben, ging ich ein etwa 200 Meter weiter an einen Platz, der mit Steinen und Steintürmchen überfüllt war.

Von dem Ritual, an einem schönen Ort diese Türmchen zu stapeln und sich dabei etwas zu wünschen, hatte ich bis dahin noch nichts gehört - weshalb ich es auch nicht getan habe. Meine Brieffreundin meinte dazu ganz überrascht: "Wow, Koreans do this, too!"

Und auch hier: Ein Panorama. Schön zu sehen ist der angepflanzte Wald, um das kahle Land etwas aufzuforsten. Deshalb wirkt er an diesem Hügel so unnatürlich.


10 - Eilean Donan Castle

Nicht weit von der Brücke zur Isle of Skye entfernt liegt eines der touristischen Highlights eines Schottland-Trips, das "Märchenschloss" Eilean Donan Castle. Als wir dort um kurz nach 17 Uhr ankamen, hatte sich das Wetter nochmal verschlechtert, und so war das schöne Bergpanorama hinter dem See, das der Reiseführer versprach, noch nicht einmal zu erahnen.

Die kleine Burg war trotzdem sehr nett, hat aber natürlich Eintritt gekostet. Nicht mal auf die Brücke durfte man, ohne zu bezahlen. Das war es uns nicht wert, schließlich hatten wir immer noch einen weiten Weg vor uns.


11 - Skye, Loch Ainort

Als wir auf Skye ankamen, fanden wir dort am Loch Ainort um knapp 18:30 Uhr einen herrlichen Steinstrand vor. Die Weite und Größe, die dieser Ort ausstrahlte, war mal wieder überwältigend. Das Loch Ainort ist eigentlich eine Meeresbucht, wirkt jedoch nicht so, da sie auf Meeresseite von einer kleinen Insel flankiert wird.

Hier zunächst das Panorama:

Am Strand konnten wir uns ein bisschen die Beine vertreten, immerhin waren wir schon über 7 Stunden gefahren. Mir hat es Spass gemacht, Muscheln zu suchen, die teilweise bizarr verwachsen waren.

Ein bissel Ausruhen auf dem unbequemen Stein... mein Ministativ hat sich bestens bewährt.

Joachims Posse hier war zu genial:

Während Joachim danach einsam herumspazierte und schließlich ein Glückstürmchen baute...

...entschied ich mich gegen das Stein- und für ein Leuchttürmchen:


Zwischenstation

12 - Skye, Portree

Nach einer weiteren Dreiviertelstunde Fahrt, während der ich unter anderem kurz blauen Himmel sah...

...erreichten wir das niedliche Städtchen Portree mit über 1800 Einwohnern (die ganze Insel hat ca. 9000) und entschlossen uns, dort die Nacht zu verbringen. Ich löste einen Parkschein für über 1 Pfund, und bemerkte erst hinterher, dass man hier nur bis 18 Uhr zahlen musste. Weshalb der blöde Automat dann trotzdem das Geld genommen hat, habe ich mich gefragt. Nach ein bisschen Überlegung kam mir das dann allerdings gar nicht mehr so seltsam vor.

Wir hatten vor, eines der zahlreichen "Bed & Breafast"-Angebote anzunehmen, die hier anscheinend von fast jedem Haus angeboten wurden. Überall hingen die Schilder aus, bei denen der Schriftzug "Vacations" allerdings, je länger wir herumwanderten, von herauskommenden Familienvätern in "No Vacations" geändert wurde.

Wir entschieden uns gegen das billige Backpacker Hostel, in das gerade ein typischer Rucksackurlauber mit verfilzten Rastalocken einkehrte, gingen an zahlreichen Häuschen vorbei, deren B&B-Schilder mit "Seaview" und "en suite" (extra Bad) warben. Diese sahen aber zu gut aus, außerdem waren keine Preise ausgehängt, und so trauten wir uns nicht, dort zu fragen.

An einem anderen Haus, in das sich kurz vor uns ein Ehepaar einquartiert hatte, fragten wir, ob diese zufälligerweise noch ein Zimmer hätten. Die ca. 45 Jahre alte Frau, die uns die Tür öffnete, hatte leider keins mehr frei, aber sie könne uns eins verschaffen. Schnell griff sie zum Telefon und kam kurz darauf zurück. Ihre Freundin Ann würde uns gleich abholen, wir sollten einfach auf dem Parkplatz warten.

Nach etwa 10 Minuten kam Ann in einem alten Kombi angefahren und grinste uns durch die Autoscheibe an. Ihre verfärbten Zähne (einer davon sehr grau) wurden sichtbar, und mit den eng anliegenden, kurzen Haaren, reihte sie sich nahtlos ein in die "Gruppe der gleich aussehenden Frauen", wie ich sie bald nannte. Der englisch-schottische Look dieser weiblichen Altersgruppe (40-55 oder so) ist einfach unverkennbar.

Wir stiegen in das alte Auto ein, das unter anderem mit "Give Blood!"-Aufklebern beklebt war, und wurden zunächst erschlagen von lauter Opernmusik, die Ann zum Glück sofort leiser drehte. 20 Pfund wolle sie pro Person haben. Okay, sagten wir, das ist der übliche Preis für B&B.

Unseren Wagen konnten wir später direkt vor Anns Haus parken. Sie zeigte uns das Zimmer, in dem ein Doppel- sowie ein Einzelbett standen. In dem winzigen Haus gab es noch einen weiteren Raum oben an der Treppe, der gerade an einen Engländer vermietet war. Unten befanden sich Wohnzimmer, Küche und das von allen gemeinsam genutzte Bad. Natürlich auch hier mit den bescheuerten Wasserhähnen (und hier war das kalte Wasser wirklich kalt) sowie einem Durchlauferhitzer an der Dusche, den man an einer kleinen Schnur hinter der Tür zunächst einschalten musste, und der dann einen wechselwarmen Duschstrahl produzierte, in dessen Warmlaufphase man sich zunächst verbrühte und dann von einem kalten Schauer überrascht wurde... zum Glück kannte ich diesen Mechanismus schon aus der WG-Wohnung.

Ann fragte uns, wann wir frühstücken wollten, und wollte dann auch wissen, ob wir "Black Pudding" mögen. Ich hatte keine Ahnung, was das sein soll und freute mich schon auf etwas süßen Pudding am Morgen. Joachim jedoch verzog das Gesicht und meinte, dies sei nicht wirklich sein Fall (ihm graute davor, aber er wollte höflich bleiben). Und so schloss ich mich ihm an. Denn Black Pudding sei, wie er mir erzählte, kein Pudding, sondern eine rote, gebratene Blutwurst.

Das Zimmer war, typisch britisch, sehr kitschig eingerichtet. Immerhin, meinte Joachim, sei dies hier Hellblau mit rosa Akzent, statt Rosa mit hellblauem Akzent, was er schon mal erleben durfte. "Am nächsten Tag fühlten wir uns schwul", meinte er.

Nachdem wir uns einquartiert hatten, kämpfte sich der stark untersetzte Hausherr in nicht mehr weißen Malerhosen die Treppe hinauf. Wir fragten ihn, welche Route über die Insel die schönere sei, die nördliche oder die nordwestliche. Er verstand nicht so recht, was wir wissen wollten, nahm sich dann jedoch die Karte und zeigte nacheinander auf mehrere Stellen: "There's a destillery... and there's a very good destillery..." -- ich musste mir einen Lachkrampf verkneifen, aber letztlich ließ er sich noch zu der Aussage hinreißen, dass es auf der nördlichen Route mehr zu sehen gäbe. Und wir bräuchten nicht leise zu sein, wenn wir zu Bett gingen, "because everyone is at the Festival". In der Tat hatten wir am Weg zu Anfang der Insel ein riesiges Zelt gesehen, in dem zwei oder drei Tage lang sogar recht bekannte Gruppen auftreten sollten. Ein Highlight für die Inselbevölkerung. Kein Wunder, dass jeder da hin ging. Für die Tür brauchten wir auch keinen Schlüssel, da diese ständig offen stünde. Na dann...

Ich weiß ja nicht... sicher ist so ein B&B-Angebot eine sehr gute Geldquelle (die Frau hat in einer Nacht 60 Pfund verdient), die im Sommer wahrscheinlich einen großen Teil der Familieneinnahmen ausmacht, aber dafür sein Haus mit wildfremden Menschen zu teilen? Ich meine, das Vertrauen, welches da herrscht, ist wirklich heftig. Tür auflassen, erst am nächsten Tag bezahlen, gemeinsame Nutzung des Bades... ich wollte das nicht. Gut, die Kundschaft dort besteht hauptsächlich aus Touristen, die die Insel sehen wollen, und nicht aus Menschen mit bösartigen Absichten (die haben es in einer anonymen Großstadt evtl. einfacher). Von daher ist das Risiko schon minimiert. Außerdem kann man bei zwielichtig aussehenden Gestalten ja noch kurzfristig behaupen, das Zimmer sei bereits belegt.

Am Abend sahen wir uns das Städtchen an. Die Straße, die man auf Portree-Bildern am meisten sieht, ist diese hier:

Das sah wirklich sehr süß aus. Gelegen in einer malerischen Bucht mit ein paar Booten auf dem Wasser...

Und weiteren netten Häuschen auf dem Hügel:

In dem blauen Häuschen auf dem ersten Bild befand sich ein winziges Seafood-Restaurant, in dem wir zunächst essen wollten, aber keinen Platz mehr fanden (bzw. gab es noch Plätze, doch wurden wir geben zu gehen, weil die Köche wohl nicht hinterher kamen). Stattdessen traf Joachim dort einen anderen Deutschen, den er aus Edinburgh kannte. Das war schon Zufall. Und am nächsten Tag trafen wir ihn wieder, auf unserer Rundtour über die Insel. Witzig.

Das Panorama der Bucht darf auch hier nicht fehlen. Leider fehlt links das letzte Bild...

So schön das auch aussah, genießen konnten wir diese Stadt nicht. Überall schwirrten winzige Mücken herum, die sich offenbar von meinen gegeelten Haaren magisch angezogen sahen und sich dort einnisteten. Immer wieder spürte ich mikrofeine Stiche an meinem ganzen Kopf. Seltsamerweise hat sich kein anderer Mensch, den wir in den Straßen sahen, in die Haare gefasst. Diese Mücken hassten mich. Eine andere Erklärung gab es dafür nicht. Schrecklich!

Zu Abend aßen wir in einem italienischen Restaurant, in dem wir fast die einzigen Gäste waren, da wir dort erst kurz nach Acht einkehrten und die Briten normalerweise viel früher essen. Durch ein Fenster zur Küche konnten wir beobachten, wie eine Handvoll junger Männer unsere Pizzen machten, die zwar kaum einem Vergleich mit echten italienischen Pizzen standhielten, aber immerhin gut schmeckten - das war eine herausragende Erfahrung. Das erste gute Essen in Schottland. Interessanterweise hatte ich eine "hot & spicy" Pepperoni-Pizza bestellt. Jedoch war diese nur ein bisschen hot, und die Pepperoni stellte sich als eine Art Wurst heraus. Seltsam, seltsam diese Briten... Gegen Neun waren wir fertig und die Kellnerin war wohl ganz froh, dass sie nun schließen konnte. Ab 21 Uhr gab es nirgends mehr was zu essen.

Den Abend beschlossen wir in einem Pub. Auch in Portree hatten die Kneipen Flachbildschirme an den Wänden. Offenbar fand hier ein großes Aufrüsten im Zuge der WM statt.

Nachts konnte ich nicht wirklich gut einschlafen (obwohl das Bett groß und halbwegs bequem war), und Joachim träumte wahrscheinlich von der Horror-Erfahrung, zum Frühstück Black Pudding essen zu müssen.


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