Schottland, 14.-20. Juni 2006
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Donnerstag, 15. Juni

Der Donnerstag begann so gegen Mittag. Da Joachim ja zum Studieren in Edinburgh war, zog ich alleine los, um mir die Stadt anzusehen. Ausgerüstet mit einem rudimentären Grobüberblick der wichtigsten Anguck-Punkte und einem Stadtplan machte ich mich auf den Weg.

Eigentlich wollte ich noch kurz in dem winzigen 24h-Laden vorbei, um mir eine Flasche Wasser zu kaufen, weil ich nur noch wenige Schlucke mit mir herumtrug. Doch der Laden war von einer Schulklasse verstopft und der indische Verkäufer hatte alle Hände voll zu tun, diese im Zaum zu halten, sodass ich mich entschloss, irgendwo anders Wasser zu kaufen. Was, wie sich herausstellte, eine folgenschwere Entscheidung war, da ich in der gesamten Innenstadt keinen derartigen Laden mehr fand. Nur noch Souvenirshops mit Kilts und Whiskys.

Stadtrundgang

Der Weg Richtung Stadt führte durch die sog. Maedows, ein kleiner Park südlich der Innenstadt. Schon von dort aus konnte man das Edinburgh Castle sehen, welches wie auf einem Thron stehend die ganze Stadt überragt und aus den verschiedensten Ecken immer wieder sichtbar wird.

In den Maedows spielten viele junge Menschen eine Art Medium-Golf, wie ich das mal nenne, da es weder Minigolf noch echtes Golf war. Kleine Löcher mit Fähnchen waren überall plaziert, und die sanften grünen Hügel ließen höchstens die Sandbunker vermissen. Schottland als Golfer-Nation tut eben was für seinen Nachwuchs.

Das war sicher nicht die schönste Häuserreihe von Edinburgh, aber eine der ersten, die ich auf meinem Weg sah. Schön zu sehen sind die Türmchen an den grau-braun-schwarzen Häuschen mit den hohen Fenstern und kecken Dächern. Dicht an dicht gereiht, nur ab und zu unterbrochen von engen Durchgängen, die "Close" genannt werden.

Das Wetter war wirklich toll. Überwiegend blauer Himmel mit weißen Schäfchenwolken. Über 22 Grad Wärme, was in Schottland Hitze bedeutet. Das hat dann auch darüber hinweg getröstet, dass ich in den Maedows aus Versehen falsch abgebogen war und einen weiten Schlenker durch die wenig interessanten Außenbezirke gemacht habe.

Nach diesem Umweg war ich endlich wieder zurück in den Maedows. Die Füße taten mir jetzt schon weg (ich war Laufen nicht mehr gewohnt), außerdem schwitzte ich, und meine Wasservorräte gingen zur Neige. Weiter ging es durch den Park, dieses Mal in die richtige Richtung. Vom Park aus hatte man einen schönen Blick auf einen größeren Hügel im Osten, den "Arthur's Seat". Joachim meinte, ich könnte da hoch laufen, wenn ich zuviel Motivation hätte. Doch an diesem Tag entschied ich mich dagegen. Erstmal klein anfangen, dachte ich mir. Außerdem wäre mir vielleicht eine witzige Zeit entgangen, wenn ich heute schon Arthur's Seat erklommen hätte...

Dann die Innenstadt. Endlich!

Rechts erkennt man die modernen Rundungen des Museum of Scotland. Links befindet sich der sehr schöne Pub "Greyfriars", und geradeaus, im ersten Bild noch von einem Verkehrszeichen verdeckt, ein Monument zu Ehren von des alten Greyfriars Lieblingshund, "Greyfriars Bobby".

Dieser Bobby, der hier stolz und geduldig wartend, vielleicht auch ein bisschen traurig, auf der Spitze seiner Säule sitzt, blieb, so sagt es die Legende, jeden Tag seines verbleibenden Lebens - 14 Jahre lang von 1858 bis 1872 -, in der Nähe des Grabes seines verstorbenen Herrchens, bis er selbst das Zeitliche segnete.

Hunde, vor allem schottische, sind eben treu. Und echte Pubs müssen eine Geschichte erzählen...

Von allen möglichen Winkeln aus konnte man einen Blick auf das Schloss erhaschen:

An einer Ecke, auf einer Brücke stehend und auf die Strasse herunterblickend, sah ich einen für diese Stadt völlig untypischen Ort: Eine Graffity-besprühte Ruine.

Ach, wie wärs mit Telefonzellen? Ich finde diese ja sehr hübsch, wenn man sie im Vergleich zu den deutschen Zellen betrachtet, die neuerdings nur noch aus einer Säule mit winzigem Blechdächchen bestehen.

Nun war es an der Zeit, auf die Royal Mile einzuschwenken. Eine lange Straße, die fast schnurgerade vom niedrigen Osten der Stadt, vom modernen schottischen Parlament aus, hoch hinauf zum Schloss führt. Diese Straße ist Hauptattraktion für tausende Touristen. Viele Restaurants, viele Souvenierläden. Und natürlich, wie überall, eine faszinierende Architektur.

Zwischendrin, teils offensichtlich, teils versteckt, standen Kühe herum. Zuerst dachte ich, die Schweizer planten, Schottland zu erobern. Doch glücklicherweise handelt es sich nur um ein Kunstprojekt.

Und dann war ich oben am Castle. Ich überlegte, ob ich es mir ansehen sollte, entschied mich aber dagegen, da ich die 8 Pfund für etwas sinnvolleres ausgeben wollte. (Wenn ich gewusst hätte, dass ich das Geld später für absolut geschmackloses Essen verplempern würde, hätte ich mich anders entschieden).

Auf dem Platz vor dem Eingang waren Bauarbeiter gerade dabei, riesige Tribünen für das im August stattfindende Tatoo Festival aufzubauen. Warum so früh? Weil im Juli mehr Reisebusse kommen und sie diese dann stärker behindern würden.

Der Schuss, der aus diesen Kanonen jeden Mittag um 13 Uhr abgegeben werden soll, habe ich nicht gehört. Die Städter können ihre Uhren danach stellen. Nur ich erfuhr es eben erst hinterher.

Und da man ja beweisen will, auch da gewesen zu sein, fragte ich einen netten Engländer, ob er mich ablichten könnte.

Nachdem ich dieses wichtige touristische Highlight (die tollen Sachen kamen zum Glück noch) hinter mir hatte (ich bin eher der Typ, der am liebsten ganz alleine ohne Touristen die hintersten Winkel und Gemäuer einer Burg durchklettern würde, anstatt dem eingetretenen Pfad der Meute folgen zu müssen - und dafür auch noch zu zahlen), stieg ich irgendwo eine Treppe hinunter und sah das Schloss von Südosten, erhabend auf seinem schroffen Felsen stehend.

Weiter ging es mit hübschen Häuschen, hier einer Schule...

...netten Läden wie dem Kiltmacher hier (leider kann man die weibliche Schaufensterpuppe mit dem Minirock-Kilt kaum erkennen)...

...einem Pub, in dem natürlich auch WM gezeigt wird (wie in fast jedem)...

...einer sehr schönen Straße mit farbenfrohen Häuschen in der unteren Reihe...

...hin zur National Gallery, von der aus man auch einen schönen Blick auf den Turm mit der Uhr hatte, die immer um wenige Minuten vor geht.

Dies sei angeblich so, erklärte mir später ein Schotte, der jedem dasselbe erzählte, weil es sein Job war, damit die Edinburgher Bürger immer zur rechten Zeit am Bahnhof stünden, um pünktlich den Zug oder Bus zu erwischen.

Dass das tatsächlich funktioniert, beweist mir immer wieder aufs neue die Digitaluhr in meinem Auto. Und vielleicht hat dies selbst in heutigen Zeiten noch Sinn, wo der Trend von der Armbanduhr wegzugehen scheint und man beobachten muss, wie die Leute umständlich ihr Handy rauskramen, um nachzusehen, wie es um die Uhrzeit steht (um es danach gleich zu verwenden, die Freunde anzurufen und ihnen mitzuteilen, dass man - mal wieder - zu spät oder gar nicht kommen kann, weil man - natürlich - völlig die Zeit vergessen hat...).

Und ich war natürlich auch da. Ein Ministativ ist unverzichtbarer Gepäckbestandteil für Alleine-Reisende.

Ein bisschen Kunst... hat mich zwar nicht wirklich interessiert, aber es sah ganz nett aus, auch weil es zu den ganzen anderen Kühen passte.

Eine echt englische Lampe durfte auch nicht fehlen:

Und der Union Jack sowie Schottlands Fahne auf der National Gallery:

Weiter führte mich mein Weg am National Monument vorbei...

...welches man wohl auch besteigen kann, was jedoch 3 Pfund kostet und mir zu teuer war... hin zu einem nicht fehlen dürfenden Dudelsackspieler, der tapfer weiterspielte und mich auffordernd beobachtete, während ich ein Video von ihm aufnahm.

Nun begann mich langsam Durst und Hunger zu plagen. Ich ging weiter auf der Nordseite der Stadt und musste bemerken, dass es dort unten nicht mehr viel Sehenswertes gab. Mir blieb nur noch, auf den Calton Hill zu klettern, einem nicht ganz so hohen Hügel, von dem aus man ebenfalls eine gute Aussicht auf die Stadt haben sollte.

Doch vorher wollte ich was essen, und da ich gerade an dem modernsten Gebäude der Stadt vorbeigekommen war, setzte ich mich darin in einen großen australischen Pub namens "Walkabout".

Im Pub saß ich am Tisch, studierte die Karte, nach der es unter anderem Känguruh-Fleisch gab, entschied mich dann aber für einen Chicken Salad. Also wartete ich und wartete, doch keiner kam. Überhaupt war der Laden kaum belebt. Irgendwann entschied sich eine Gruppe anderer Gäste, zur Bar zu gehen und dort zu bestellen. Letztlich tat ich dasselbe. Erst später erfuhr ich, dass diese Praxis in Schottland Standard sei. Und dass man in Kneipen auch kein Trinkgeld geben muss und entsprechende Kommentare gnadenlos überhört werden. Gut, dass die bei den Preisen nicht noch mehr Geld wollen, ist ja immerhin noch... positiv? Nun ja, wenn das Essen immerhin schmecken würde. 7 Pfund hat mein Salat gekostet. Geschmeckt hat er nicht. Und die Cola, die ich bekam, war so kalt, dass mein Hals zufror und ich zuerst ein paar Ansichtskarten schreiben musste, bevor ich sie trinken konnte.

Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, ich hätte einfach Pech gehabt in der Auswahl des Pubs oder des Essens.

Ein paar Tage später war mir klar, dass das Pech in diesem Bereich hier Standard ist.


An zwei Orten habe ich versucht, Panoramabilder der "Skyline" von Edinburgh aufzunehmen. Here we go... bitte langsam nach rechts scrollen:


Calton Hill

Gestärkt vom nach nichts schmeckenden Chicken Salad (immerhin hatten die Hähnchenstreifen einen Hauch von Geschmack - man konnte zumindest schmecken, dass es kein Tofu war) machte ich mich auf den Weg hinauf zum Calton Hill, auf dem zwei interessante Monumente aufgestellt waren.

Hier das Nelson-Monument zu Ehren von Admiral Lord Horatio Nelson, der 1805 in der Schlacht von Trafalgar die napoleonische Flotte vernichtend schlug und damit die Vormachtstellung der Briten auf den Weltmeeren sicherte. Dummerweise wurde der Mann dabei von einem Franzosen getroffen und verstarb im Alter von 47 Jahren auf seinem Schlchtschiff, der HMS Victory.

Das waren die guten Zeiten des Royal Empire, und daran müssen sich die Insulaner noch erfreuen. Seit dem Sieg über die Deutschen im 2. Weltkrieg hatten die Briten im Gegensatz zu früher (wo man Kolonien in der ganzen Welt gründen und viele Menschen versklaven konnte) keine gewichtigen Erfolgserlebnisse mehr. Nicht mal im Fußball. So überrascht es kaum, dass Berichte über den letzten Krieg in der Presse immer wieder auftauchen. Seien es Reportagen im Fernsehen, reißerische Schlagzeilen über die "Nazis" im bösen Deutschland, oder einfach nur Interviews mit alten Kriegsveteranen.

Jedenfalls... hier ist das Nelson-Monument, ein Turm, der an ein Teleskop erinnern soll. Eines der wichtigsten Ausrüstungsgegenstände der Seefahrer. Das ist doch ganz okay, es hätte ja auch einer Flinte nachempfunden sein können.

Kaum ist man oben, fällt das Auge sofort auf... Moment mal, wir sind doch hier in Schottland?!

Das ist ein Denkmal zu Ehren der gefallenen Soldaten in den napoleonischen Kriegen, das 1822 von William Playfair hier oben errichtet wurde, nach dem Vorbild des Parthenons auf der Akropolis in Athen.

Das blöde an der Sache ist, dass Mr. Playfair (vielleicht, weil er zu ehrlich spielte) nach 12 Säulen kein Geld mehr hatte und der Bau somit unvollendet blieb. Nur zwei Säulen auf jeder Seite, 8 Säulen vorne, kein Dach... aber hey, er hats zumindest versucht. Und dass bei Bauprojekten ganz "überraschend" das Geld ausgehen kann, passiert auch heute noch immer wieder.

Dass das Monument heute allerdings auch als "The Shame of Scotland" bekannt ist, konnte der gute Mann damals (zum Glück) noch nicht ahnen.

So wandelte ich also auf dem Hügel herum, setzte mich, hatte immer noch Durst, machte Fotos, genoss das schöne Wetter, und da sich die Gelegenheit bot und die Aussicht toll war, musste ich mich natürlich auch ablichten.

Wie das da oben aussieht, kommt in einem Panorama vielleicht besser rüber:

Und gleich noch eins hinterher, mit Blick über die Stadt Richtung "Firth of Forth", der Meeresbucht, an der Edinburgh errichtet wurde:


Schattenspringen

Es war mir nicht entgangen, dass sich mittlerweile eine Gruppe erwachsener, männlicher Koreaner auf dem Hügel eingefunden hatte, von denen einige auf einem Bänkchen saßen und andere herumwanderten und fotografierten. Sie lachten und redeten, und nach wenigen Minuten war mir klar, dass es tatsächlich nur Koreaner sein konnten. Die Stadt wimmelte von ihnen! Nun war es wieder soweit: Die Alarmglocken klingelten erneut.

Ich schlich minutenlang in weitem Abstand um die Gruppe herum und tat so, als sei ich nur an der schönen Aussicht interessiert. In Wirklichkeit kreisten meine Gedanken um den Erstkontakt. Mehrmals war ich nahe dran, einfach hin zu gehen und irgendwas zu sagen, doch in letzter Sekunde wurde ich jeweils von mir aufgehalten. Nein, nicht jetzt, später, wenn der Moment besser ist. Es ist genau wie bei den Frauen: Man wartet ewig auf den "richtigen Moment", der allerdings nie kommt, und dann, irgendwann, sind Koreaner oder Frauen verschwunden, und man muss sich einreden, dass man es ja versucht hätte, wenn die Zielpersonen länger geblieben wären. Hach ja.

Während mein "Mach schon!"-Kampf weiterging, entfernten sich 4 der 5 Koreaner vom Ort des Geschehens, und ich hatte schon Bedenken, dass die Sache damit gegessen war und ich mir wieder Selbstvorwürfe machen konnte.

Jedoch... einer blieb. Er saß auf einem Bänkchen, ganz allein, und sah sich die Umgebung an. In mir sagte eine Stimme: Wenn du jetzt nichts machst, dann machst du gar nichts mehr und dein Tag ist im Arsch.

Also überlegte ich noch einmal, wie das Gespräch verlaufen würde (es verläuft eh nie so, wie man das plant, aber das hindert mich nicht am Planen), nahm all meinen Mut zusammen, überhörte das leichte Kribbeln in meinem Bauch, und ging schnurstracks auf den Koreaner zu.

Er bemerkte mich nicht, als ich neben dem Bänkchen stand. Ich sagte "Shillehamnida", Entschuldigung. Der Koreaner sah mich an, mit einem kritischen, aber erstaunten Gesicht. Weiter, weiter, sagte ich mir. "Hanguk saram i-e-yo?", sind Sie Koreaner? "Ne" antwortete er, was Ja bedeutet. Nun wich die Kritik aus seinem Gesicht und sein Erstaunen wurde größer. Er sagte nichts mehr, vielleicht war er schüchtern. Ich hielt meine Kamera hin und sagte irgendwas wie "Sajineul juseyo" (Bild bitte), weil mir die korrekte Formulierung nicht mehr einfiel. Aber er verstand, grinste und machte ein Foto von mir. Ich grinste auch, weil ich verdammt stolz auf mich war:

Dann ging er zurück auf sein Bänkchen, setzte sich, sah an mir vorbei und sagte erst einmal nichts. Wahrscheinlich war er noch damit beschäftigt, zu ergründen, wie ein Europäer dazu kam, Koreanisch zu sprechen. Ich begrüßte ihn noch einmal auf Koreanisch (Annyeonghaseyo), er fragte mich, ob ich Koreanisch spreche, ich sagte "Nur ein wenig", ich fragte, ob er Englisch spreche, er sagte "Nur ein wenig" - und dann bot er mir den Platz neben sich an.

Er wollte dann wissen, ob ich alleine reise (eigentlich hab ich nur "Honcha" verstanden, was "allein" bedeutet) und ich stammelte heraus, dass mein Freund zu Hause studiert. Er fragte, wo ich her komme, und warum ich während der Weltmeisterschaft nicht in Deutschland sei.

Während ich mir auf diese komplizierte Frage eine Antwort überlegte, trudelten die anderen Koreaner wieder ein, die mich verwundert anblickten. Einer begrüßte mich auf Englisch, dann sagte der Typ neben mir auf der Bank offenbar, dass ich Koreanisch sprechen würde, der Englischsprechende fragte, ob ich es könne, ich begrüßte ihn auf Koreanisch und sagte wieder, schüchtern, aber grinsend: "Nur ein wenig".

Wir kamen ins Gespräch, und da einer der fünf gut Englisch sprechen konnte, gestaltete sich der Kontakt einfacher. Sie fragten mich, ob ich sie nicht in die Stadt hinunter begleiten wolle. Natürlich stimmte ich zu. Und so gingen wir und redeten. Ich wurde viel gefragt, auf Koreanisch, und meistens verstand ich nur Bahnhof. Ich grinste dann einfach bis über beide Ohren und sah die Leute an. Oder ich sagte "Ne". Kurz nachdem ich und der englischsprechende Koreaner uns unsere Namen gesagt hatten (er hieß Myeong-Sup) wurde ich auch schon gefragt, wie alt ich sei. Das ist üblich bei Koreanern, während es bei uns als eher unhöflich gilt. Beim Erstkontakt wird sofort nach dem Alter gefragt, weil man mit seinem Gegenüber anders sprechen muss, je nachdem, ob dieser älter oder jünger oder gleich alt ist. Bei mir war zwar nicht abzusehen, dass ich älter war, aber offenbar hat es sie dennoch interessiert. Und ich wurde ebenfalls höflich angesprochen, weil ich ein Fremder war, und diese natürlich Respekt verdienen - erst recht, wenn sie sich für Korea interessieren.

Auf unserem Weg durch die Stadt, während dem ich nicht viel von der Umgebung mitbekam, weil ich mich voll darauf konzentrierte, was die Koreaner zu sagen hatten, machte mir Myeong-Sup ständig Komplimente, meinte, meine Aussprache sei sehr gut (Asiaten sind eben höflich). Er freute sich, als er davon hörte, dass ich eine koreanische Mailfreundin hätte. Dann meinte er, ich sähe gut aus (das höre ich seltsamerweise nur von Koreanern), und ich solle doch nach Korea emigrieren, eine hübsche koreanische Frau heiraten und einen Job in einer IT-Firma suchen...

Als wir uns in einem Park setzten und einer der Koreaner Bilder unserer holden Runde schoss, sagte mir Myeong-Sup, dass ich, wenn ich nach Korea gehe und in seiner Stadt vorbeikomme, ihn doch bitte anrufen soll. Falls er mir irgendwie helfen könne, meinen Aufenthalt angenehmer zu gestalten, dann möchte er das sehr gerne tun. Dann gab er mir seine Mailadresse sowie seine 3 Telefonnummern - Wohnung, Büro und Handy.

Und natürlich gab es noch ein Foto, das von Myeong-Sup gemacht wurde, aber leider im linken Bereich einen Bildfehler in Form senkrechter Streifen aufweist. Hm, soll er mir eben noch sein Bild schicken.

Die Koreaner wollten dann in die National Gallery, und ich schloss mich ihnen an. Myeong-Sup hatte eigentlich Künstler werden wollen, doch sein Vater sei dagegen gewesen. Deshalb interessierten ihn die zahlreichen alten Gemälde und er fragte uns immer wieder, was der Künstler wohl damit ausdrücken wollte, um es uns hinterher zu erklären.

Ich fragte ihn, ob er verheiratet sei, und er meinte, er sei alt genug dafür, ja. Allerdings würden Koreaner traditionell getrennt reisen, weil der Mann eine höhere Stellung inne habe und die Frauen zu Hause blieben, um den Haushalt zu managen. Das kotzt Hye-Suk, meine Brieffreundin, auch etwas an, obwohl sie es so krass noch nie ausgedrückt hat. Und tatsächlih ist es so, dass gemischte koreanische Gruppen sehr selten sind. Meistens sieht man entweder nur Männer oder nur Frauen, oder Männer bzw. Frauen, die alleine unterwegs sind. Ich muss Hye-Suk zu dem Thema mal noch genauer befragen. Kann doch nicht sein, dass ein Myeong-Sup mit seinem kleinen Sohn ausgiebige Europareisen machen kann, und seine Frau zu Hause bleiben muss. Immerhin sagte Hye-Suk auch schon, dass sich die Zeiten langsam ändern würden.

Nach der National Gallery verabschiedete ich mich von den Jungs, um mich wieder mit Joachim zu treffen. Sie waren ziemlich begeistert von mir, weil sie noch nie einen Europäer getroffen hatten, der Koreanisch lernte, und ich war begeistert, weil ich über meinen eigenen Schatten gesprungen war. Das erste Mal mit echten Koreanern gesprochen. Yeah!


Abend

Da ich mittlerweile, es war bereits später Nachmittag, recht ausgetrocknet war, ging ich auf dem Rückweg noch kurz in den Laden, den ich eigentlich schon am frühen Mittag hatte besuchen wollen. Leider entging mir in den wahnsinnig engen Reihen das Regal mit den Wasserflaschen, weshalb ich mich für 1,5l "IRN-BRU" entschied. Das Zeug hat einen orangenen Farbton und schmeckt absolut zum Kotzen.

Umso überraschter war ich, als Joachim meinte, IRN-BRU hätte ihn Schottland einen besseren Absatz als Coca Cola. Ich hätte ja eigentlich erwartet, dass es vielleicht so schmeckt wie das Essen, nämlich nach gar nichts, aber eben das war nicht der Fall. Vielleicht wird es ja deshalb von den Schotten so geschätzt. Ich jedenfalls habe es weggeleert und mir später stilles Wasser gekauft.

Abends saßen wir in einem Pub und haben was gegessen. Der einzige Vorteil an diesem Essen war, dass es satt machte. Ich hatte irgendeinen Chicken Burger (oder sowas ähnliches). Vom Chicken hat man nicht viel geschmeckt, und die braune Soße, die es dazu gab, hatte einen sehr eigentümlichen Geschmack. Dazu Chips, die englischen Pommes. Diese sind ungefähr doppelt so dick wie normale Pommes und schmecken nach nichts anderem als Wasser. Kein Wunder, dass die Schotten Essig über ihre Chips schütten, damit die Dinger zumindest bein bisschen Geschmack annehmen. Und nein, das ist kein Witz, ich hab das letztlich aus meiner Verzweiflung heraus ebenfalls getan...

Abends mieteten wir übers Internet noch ein Auto für die nächsten zwei Tage und ich schlief erschöpft ein, mit furchtbar schmerzenden Füßen, aber einem Grinsen im Gesicht angesichts meines heutigen Erfolgserlebnisses.


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