Schottland, 14.-20. Juni 2006
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Mittwoch, 14. Juni

Endlich, endlich darf ich mit Schreiben anfangen. Die letzten Tage habe ich damit verbracht, hunderte Fotos zu ordnen und nachzubearbeiten. Das schottische Wetter hatte eine so wechselhafte Laune wie manche Frauen während ihrer Tage, was dazu führte, dass der Himmel auf den Fotos oft weiß und das Grün Grünblassblau geworden war.

Nun bin ich (fast) zufrieden. Ich habe mich auf etwa 200 Fotos beschränkt, auch wenn es schwer war. Stundenlang habe ich teilweise recherchieren müssen, um nachträglich noch herauszufinden, welches Loch auf welchem Foto zu sehen war.

Los geht die Reise am Basler Flughafen. Wegen zweieinhalb Stunden Flug sollte ich von Mittags bis Abends unterwegs sein. Zudem schlichen sich mit der Zeit leichte Kopfschmerzen in meinen Schädel, was das Warten nicht angenehmer machte. Mit EasyJet war ich noch nie geflogen, aber es klappte alles nach Plan, nicht mal die Flugzeuge hatten größere Verspätungen.

Was mir nach diversen Kontrollen seltsam vorkam, war die Empfindlichkeit der Metalldetektoren. In Basel bin ich durchgegangen, es hat gepiepst, ich bin zurück, hab die Armbanduhr abgelegt, nochmal durch, es hat wieder gepiepst, meine Taschen überprüft, kein Metall mehr am Körper gehabt und es hat trotzdem gepiepst. Anstatt allerdings - was sinnvoll gewesen wäre - mit einem kleinen Metalldetektor den Ursprung des Pieps aufzuspüren, wurde ich von Hand abgetastet. Erstens finde ich es heftig, wie schlampig hier gearbeitet wurde (ich hätte problemlos ein Messer in meiner Schuhsohle verstecken können) und zweitens frage ich mich, warum der Apparat gepiepst hat. Nach längerem Überlegen sind mir drei Lösungen eingefallen: a) der Detektor war defekt, b) der männliche Abtaster war schwul und hatte das Gerät manipuliert, oder c) mir wurde von Aliens eine Sonde in den Körper eingepflanzt. Da die Geräte an den anderen Flughäfen allerdings keinen Laut mehr von sich gaben, konnte ich Möglichkeit c) nachträglich (glücklicherweise, ich hatte schon Schiss) ausschließen.

In London Luton war Zwischenstation. Für satte 4 Stunden. Was bedeutete, über 3 Stunden nichts zu tun zu haben. Was tut man nicht alles, um für 140 Euro nach Edinburgh zu kommen. Ich verbrachte meine Zeit mit Lesen, mit einem kleinen Spaziergang durch den Flughafen und den Außenbereich (was bei dem beschissenen Wetter keine Besserung meiner Kopfschmerzen brachte), und irgendwann war es endlich soweit.

Auf dem Weg zum Gate, ich ging gerade an Wandpostern vorbei, die Aufnahmen der Londoner City zeigten, hörte ich hinter mir ein vertrautes Wort: Yeogi. Das bedeutet "Hier" auf Koreanisch. Sofort war ich hellwach. Ich drehte mich um und erblickte eine Mutter mit ihren zwei ca. 15-17 Jahre alten Töchtern. Die schwarzen Haare der Mutter waren knapp schulterlang, die schwarzen Haare der Mädchen waren länger. Typisch Koreanisch, dachte ich mir, und sofort klingelten die Alarmglöckchen in meinem Kopf. Koreaner, echte Koreaner!

Sicher hatte ich schon öfter Koreaner gesehen in meinem Leben, aber bisher hatte ich nie gewusst, wie man sie von Chinesen und Japanern unterscheiden konnte. Außerdem hatte ich mich nie für sie interessiert. Mittlerweile kenne ich die feinen Unterschiede im Kleidungs- und Frisurenstil, und natürlich kann ich die (sehr unterschiedlichen) Sprachen problemlos zuordnen.

Sofort fühlte ich, wie der Gedanke "Du könntest zum ersten Mal mit Koreanern sprechen" in meinem Kopf erschien. Aber ich wusste nicht, wie ich das anstellen sollte. Ich konnte ja nicht einfach die drei Mädels anquatschen und sagen, Hi, ich bin Jens, wie gehts euch so, ich wollte nur mal mit Koreanern sprechen, ich wünsche euch viel Spaß, und tschüss. Nein, das wäre peinlich gewesen.

Und so geschah es, dass ich im Flugzeug (zufälligerweise) genau eine Reihe hinter den dreien saß. Auch da überlegte ich noch, wie ich es anstellen könnte. Ich überlegte so lange, bis sich unsere Wege am Flughafen in Edinburgh für immer trennten. Ich habe mich dafür gehasst, so schüchtern und unspontan gewesen zu sein. Zu dem Zeitpunkt wusste ich jedoch noch nicht, welche Möglichkeiten sich mir in den folgenden Tagen noch eröffnen würden.

In Edinburgh, wo die Gepäckausgabe seltsamerweise im öffentlichen Bereich lag, der für jeden Dahergelaufenen zugänglich war, wurde ich von Joachim abgeholt. Endlich war ich da, das Wetter war überraschenderweise sehr gut, und aus dem Shuttle-Bus zur Stadtmitte betrachtete ich gespannt die Stadt, die da an mir vorbeizog.

Nach einem mir dort noch lang vorgekommenen Fußmarsch erreichten wir Joachims WG-Wohnung. Ungewöhnlich groß (die Wohnung, nicht sein Zimmer), und vor allem ungewöhnlich hoch, wie es in Altbauten üblich ist. Damals hatte man noch keine Überbevölkerung.

Ein Aspirin später (was nichts half) und etwas Akklimatisierung machten wir uns auf den Weg in die Stadt, um in einem Pub, dem "3 Sisters", das Fußballspiel Deutschland-Polen zu sehen. Es war zwar ein gutes Stück Weg bis da hin, aber mit den Tagen habe ich mich ans Laufen gewöhnt. Den Bus zu nehmen wäre ja langweilig gewesen und hätte genau 1 Pfund gekostet (weil Busfahrer kein Rückgeld geben und jeder Weg dasselbe kostet).

Es war sehr interessant, durch diese Stadt zu gehen. Fast nur historische Gebäude in einem satten, bräunlichen Grau, die von jeder Seite anders aussahen und mit zahlreichen Spielereien wie Türmchen, Kuppeln und Vorsprüngen versehen waren. Doch dazu morgen mehr.

Das "3 Sisters" hatte einen Außenbereich, der dummerweise so bevölkert war, dass wir stehen mussten. Auf eine Leinwand, die hoch genug hing, wurde das Fußballspiel projeziert.

Die deutschen Fans waren zwar vorhanden, wurden zahlen- und vor allem lautstärkemäßig allerdings von den polnischen Fans weit übertroffen. Überhaupt zeigte sich schon dort, dass in der Stadt Menschen aus allen Teilen der Welt zu finden waren.

Die Stimmung war sehr gut, und die Polen haben es auch überlebt, von den Deutschen besiegt zu werden. Und das, obwohl ein polnischer Fan (im brasilianischen Fan-Trikot und Nike-Jogginghose) unter starkem Alkoholeinfluss mehrmals mit dunkler Hooligan-Stimme seine Landsmänner anstachelte. Vielleicht ist es ganz gut, dass er kurz vor Ende des Spiels (als es noch 0-0 stand) den Ort des Geschehens verließ - wäre er länger geblieben, hätten ihn die Türsteher gebeten zu gehen. Dass Deutschland in der 91. Minute noch den Siegtreffer landete, hat er höchstens noch am Jubel aus der Ferne mitbekommen.

Nach dem Spiel waren wir noch kurz in einem Pub, zusammen mit einigen Freunden von Joachim. Ich war jedoch zu müde und hatte immer noch Kopfschmerzen. Von daher war ich ganz froh, als wir uns entschlossen zu gehen. Allerdings wurde Joachim noch von einer jungen Spanierin aufgehalten, die sicher 10 Minuten redete und redete, und uns dann mit "I talk too much, don't worry, I let you go" und Küsschen links und rechts verabschiedete. Als wir vor dem Pub dann auch noch an ihren beiden Freundinnen vorbei waren, die ebenfalls viel redeten und viele Küsschen verteilten (was dem ersten Tag noch einen recht positiven Beigeschmack verlieh), konnten wir endlich schlafen gehen.

Allerdings gestaltete sich das Zähneputzen schwierig, weil die schottischen (und auch englischen) Wasserhähne in heutigen Zeiten eine kollossale Fehlentwicklung darstellen. Offenbar sind die Waschbecken dafür ausgelegt, dass man sie mit kaltem Wasser von rechts und heißem Wasser von links füllt, um sich dann mit dem eingefüllten Wasser zu waschen. Demnach sind die Wasserhähne sehr weit auseinander und so nahe am hinteren Beckenrand, dass man seine Handrücken fest an die hintere Waschbeckenwand pressen muss, um sie unter fließendem Wasser zu reinigen. Wenn man Glück hat, kommt aus dem Heißwasserhahn warmes Wasser - oder aus dem Kaltwasserhahn zumindest kein eiskaltes. Wenn man Pech hat, verbrennt man sich rechts die Finger und kriegt links blaue Hände. Das seltsame an der Sache ist, dass offenbar auch neue Waschbecken oft so gebaut werden. Die moderne Technik des Einhandmischers hat sich noch nicht auf die Insel verirrt...


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