Florida, Mai 2002

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Tag 3: Montag, 27. Mai 2002

Hotel-Hmms

Sind Ami-Briefmarken eigentlich generell selbstklebend oder waren das nur die 70 Cent Marken, die ich in Key West aus dem Automaten ließ? Schien mir jedenfalls praktisch zu sein. Ich hatte am Abend noch meine wenigen Postkarten (genau zwei Stück) geschrieben und schlief wie versteinert. Wie können Amis eigentlich bei dem röhrenden Gedröhne der obligatorischen, meist etwas veralteten Hotelzimmer-Klimaanlage schlafen? Wir haben die jedenfalls ausgeschaltet. Die Betten waren groß, etwas hart, aber recht bequem. Gut, es war ein wenig warm (kein Wunder, wenn man das Klimadings ausschaltet), aber nach den anstrengenden Tagen dieser Woche fiel das Schlafen normalerweise nicht sonderlich schwer.

Doch kommen wir zu den American Standard-Hotelzimmern, denn eigentlich sah jedes Hotelzimmer in allen vier Hotels, in denen wir waren, gleich aus. Es gab jeweils zwei große Betten mit zwei kleinen Kissen. Daneben eine kleine, an der Wand befestigte Lampe mit einem großen, altmodischen Schirm, und einem seltsamen Einschaltknopf, der wirklich so richtig seltsam war. Dieser spezielle Einschaltknopf war manchmal ein Knopf und manchmal ein Drehschalter. Er war ca. einen Zentimeter lang, zwei Millimeter dick und in rost-bronzener Farbe gehalten. Der Knubbel-Knopf mit Drückfunktion war allerdings seltener als der mit Drehfunktion. Und das ist dann noch echt kompliziert: Man dreht nach links. Klick, klick, klick - nichts passiert. Man dreht nach rechts. Klick, klick - nichts - nochmal klick, dann geht die erste Lampe an. Nochmal klick, dann geht die erste aus und die zweite leuchtet, noch ein klick, dann leuchten beide, und noch ein klick, dann sind alle wieder aus. Der Reiseleiter meinte, der typische Ami würde im Hotelzimmer erstmal nach der Fernbedienung des Fernsehers schauen, um sich dann damit Licht zu machen. Die Lichtschalter, so seltsam vergilbte Wippschalter, sind nämlich oft in den hintersten Winkeln versteckt. Seltsames Volk. Seltsame Knöpfe.

Neben dem Bett stand zweimal ein kleiner Radiowecker, dessen Ziffern jedoch immer blinkten, als wir ankamen. Also entweder sind Amis nicht in der Lage, so ein Ding einzustellen, oder das Zimmermädchen reist beim Putzen den Stecker raus (was dadurch bekräftigt wurde, dass unser Wecker nach einem Nicht-da-Tag plötzlich wieder blinkte, aber dadurch entkräftigt, dass immer noch ein wenig Dreck herumlag, was die Putz-Hypothese widerlegte - vielleicht sind es ja auch normale Stromausfälle?). In der Ecke stand meist ein großer grauer und röhrender Kasten. Natürlich die Klimaanlage. Auf dem Tisch gab es einen Eimer mit zwei Gläsern daneben. Diesen konnte man draußen irgendwo mit Eis füllen, wenn man sich erfrischen wollte. Zusätzlich gab es einen kleinen, durch eine Tür abgetrennten Raum, so einen begehbaren Kleiderschrank, in dem auch meist ein kleiner Tresor untergebracht war (für den man allerdings bezahlen musste).

Doch nun zu den Badezimmern: Es gab keine europäischen Duschen, sondern nur so seltsame Mini-Badewannen mit Dusch-Möglichkeit. Dabei ist der Duschkopf fest an der Wand angeschlossen, und wenn man Glück hatte, wie das später im Hotel in Orlando der Fall war, konnte man ihn sogar ein wenig hin und her bewegen. Schläuche sind denen unbekannt, wahrscheinlich wurden die aufgrund der versehentlich-erhängen-Gefahr und den damit einhergehenden Millionenklagen gar nicht erst in Betracht gezogen. Auf dem großen Rüssel unten an der Badewannenwand, aus dem das Wasser strömte, befand sich jeweils ein kleiner Hebel, den man für ca. zwei oder drei Sekunden nach oben ziehen musste, damit dem Wasser lange genug der Weg versperrt wurde, um nach oben zu steigen. Während wir in Key West und Miami noch die Wasserstärke und die Temperatur regulieren konnten, wobei die maximale Stärke aber nur aus einem blassen Tröpfel-Strahl bestand (wahrscheinlich muss man im Süden Wasser sparen), hatte man in Orlando nur noch die Möglichkeit, die Temperatur einzustellen. Die Stärke war fest vorgegeben, und hier schon wieder etwas zu stark. Auf dem Drehregler war sogar eine Comfort Zone eingezeichnet, und der Duschkopf hatte eine Drehmöglichkeit, um noch einen Massagestrahl einzustellen. Welch Luxus!

Die Toiletten waren da schon etwas fortschrittlicher, zumindest wenn sie richtig funktionierten, was zum Glück in drei von vier Hotels der Fall war. Amerikanische Toiletten sehen eigentlich so aus wie unsere Toiletten, jedoch ist der Toilettensitz vorne zweigeteilt, hat also eine Lücke. Fand ich irgendwie interessant. Ist das, damit man besser reingucken kann? Oder dass alle Teile auch Platz haben? Hmm. Die Spülung war ebenfalls sehr interessant. Mit vergleichsweise wenig Wasser wurde ein kleiner Tornado erzeugt, der alles, was sich in der Schüssel mit stehendem Wasser befand, nach unten riss. Das ist schon eine ganz gute Erfindung, das muss ich zugeben. Öffentliche Toiletten haben übrigens den gleichen Mechanismus und sehen auch gleich aus. Nur sind dort die Abstände unter, über und zwischen den Türen riesengroß, sodass man sich schon fast beobachtet vorkommen musste, aber auch gleich sah, wenn eine Toilette besetzt war. Die Tür, die mit einem Riegel festgemacht wurde und immer nach innen aufging (was blöd ist in einem derart beengten Raum), schnappte nur sehr labberig ein und der Spalt zwischen Tür und Türpfosten war teilweise bis zu einem Zentimeter breit. Immerhin sind die Restrooms alle kostenlos - man hüte sich ja davor, sich nach einer toilet zu erkundigen...
Ach ja, das Toilettenpapier: Meistens äußerst dünn und labberig, leicht abzureißen (aber kaum gerade), ziemlich unweich. In Orlando hatte man ein Einsehen mit den Gästen und hatte gleich zwei Rollen aufgehängt. Eine mit dem üblichen Papier, die andere mit einem etwas dickeren, weicheren Material.

Doch genug der Klo-Geschichten, weiter zum Beginn des Tages.

Waffle House

Zum Frühstück gingen wir nach nebenan, in das Day's Inn Waffle House, so ein typischer Fast Food Laden, wie man ihn aus den Filmen kennt. Ein paar Leute saßen vorne am Tresen, die meisten jedoch auf diesen beengten Bänken mit kräftig roter, halbrunder Polsterung. Dazwischen schossen immer wieder die Angestellten durch die Gegend, alle schön einheitlich mit rotem Waffle House Käppi bekleidet, superhastig, voller Stress - zumindest sah es so aus.

Also, was bestellen, es ist ja schließlich Ami-Frühstück... Ich entschied mich für eine Waffel, es war schließlich ein Waffle House. Die Waffel war auch ganz in Ordnung, und Kaffee wird ja immer wieder nachgeschenkt, was ganz gut ist. Ach, zum Kaffee: Solch widerliches Gesöff habe ich selten getrunken wie in Amerika. Bäh. Kaffee an sich schmeckt ja eigentlich überall nicht gerade gut, wenn man ihn nicht mit Milch und Zucker etwas aufpoliert, aber hier half nicht einmal diese Behandlung. Aber ich brauche das Zeug ja, um wach zu werden.

In meiner morgendlichen geistigen Umnachtung nahm ich dann plötzlich das durchsichtige Gefäß mit der braunen Flüssigkeit, das auf dem Tisch herumstand, und kippte es mir in die Kaffeetasse. Ich weiß nur noch, dass ich dachte Warum ist der Kaffee denn so dickflüssig?!, bis mich dann die Banknachberin fragte, ob ich gerne Ahornsirup trinken würde. Urgs... zum Glück hatte es fast niemand sonst gesehen, und in der Tasse sah es ja schon fast wie Kaffee aus. Wir zahlten also und gingen. Ich war ganz froh, da wieder raus zu sein.

Rückfahrt

Über die Bundesstraße 1, so heißt die Straße über die Florida Keys, ging es zurück Richtung Norden. Dieses Mal saß ich auf Seite mit Blick auf den Atlantik rechts neben mir. Links war der Golf von Mexico, der sich hier mit dem Atlantik vermischte. Dieses Mal war auch das Wetter wunderschön, sodass mir die Fahrt sehr gefiel. Einige im Bus schliefen, was ich kaum verstehen konnte. Da draußen gab es wundervolles Wasser, immer wieder schöne Inselchen, und die Leute schliefen! Ganz besonders schön fand ich das Farbenspiel des Ozeans zwischen den einzelnen Inseln. Beim Blick von vorne vermischte sich ein helles Blaugrün mit einem dunkelblauen Ton, was sich dann beim Blick zurück irgendwie umkehrte, in andere Blau- und Grüntöne überging, wundervoll und hell glitzernd wie Edelsteine in der Sonne.

Auf der Fahrt sah ich immer wieder Schilder, auf denen Adopt a Highway geschrieben stand. Klar, einen Highway adoptieren - warum nicht, ist ja auch so eine Art Kind und muss ständig gepflegt werden. Der Reiseleiter erzählte noch, wie das mit den Führerscheinen in Florida bzw. Amiland generell läuft. Der Motorradschein zum einen ist völlig kostenlos. Der Auto-Führerschein ist etwas teurer: $45 kosten die beiden Prüfungen zusammen. Fahrstunden gäbe es gar nicht, bzw. nur irgendwelche Sonderkurse für notorische Problemfälle. Bei der praktischen Prüfung kommt der Fahrlehrer manchmal mit, und andere Male muss man einfach ein paar Mal über einen Parkplatz fahren. Bezüglich der Fahrkünste der Menschen war David ziemlich skeptisch eingestell: "Wenn schneit in Florida, Land wäre tot." Aber in Florida müsste schon einiges passieren, damit es dort schneien könnte. Selbst wenn der Himmel bewölkt ist, hat es locker 30 Grad.

Ich betrachtete mir die Umgebung und die vorbeiziehenden Autos. An vielen Gebäuden hingen Amerika-Flaggen herum und große Spruchbänder (GOD BLESS AMERICA) hingen gut sichtbar daneben. Sehr viele Autos hatten diese Aufkleber und viele schleppten eine gut sichtbar an der Antenne oder an einem anderen Stab befestigte Flagge mit sich herum.

Wir hielten auf einem Parkplatz bei McDonald's. Dort gab es viele typische Amerikaner mit Baseballcaps und patriotischen T-Shirts. Für die Frau war da Beautful America (USA-Flagge garniert mit Blumen) und für den Mann meist en USA 2002 (das muss man jedes Jahr austauschen, aber was tut man nicht alles für sein Land). Ein Jugendlicher hatte ein T-Shirt mit dem abgebildeten Land von Saddam, dazu einige Flugzeuge und Träger, Bomben und Gewehre - darüber ein eingerahmter Adler mit dem Schriftzug "OPERATION DESERT STORM" und darunter: "WE WERE THERE!" Na toll, Junge, du warst da ganz sicher nicht, sonst würdest du jetzt vielleicht gar nicht mehr leben...

Auf einem Polizeiwagen prangte ein rotweißer Aufkleber: ZERO TOLERANCE.

Wir fuhren an einigen Baseballfeldern vorbei, auf denen kleine Kids dieses Spiel trainierten, dessen Regeln, obwohl ich sie mir mal aneignen wollte, bis jetzt nicht verstehe. Zwischendurch machten wir noch kurz Halt in einem großen Shopping-Center, der "Mall of America". Ich fand es dort ziemlich langweilig, ich mag shoppen eben nicht besonders. Aber das Mädel hinter der Eistheke, die sich (typisch) natürlich nach dem üblichen "How are you today?" ganz genau erkundigen musste, wo wir herkamen (obwohl sie das eigentlich gar nicht interessierte), war hübsch anzusehen. Immerhin etwas ;-)

Und dann, so gegen Nordende der Florida Keys, habe ich endlich mal ein Schild gesehen, dass es bei uns in Deutschland garantiert nirgends gibt:


Crocodile Crossing direkt neben einem See, dem Lake Surprise. Woher der wohl seinen Namen hat...?

Everglades

Über Miami ging es dann schließlich auf dem Tamiami Trail mitten durch die nördlichen Everglades. Ergo: Links grüne Büsche mit Wasser dazwischen, rechts grüne Büsche mit Wasser dazwischen. Interessant sind die Glades eigentlich nur, wenn man sich einen Tag Zeit nimmt und im Nationalpark hindurchwandert, um die ganzen Tierarten von nahem zu sehen. Aber so etwas stand nicht im Plan unserer Rundreise, da war nur ein Zwischenstop in den Glades geplant, für eine dieser berühmt-berüchtigten Propellerboot-Fahrten.

Das kleine Dings mit angeschlossenem Lokal und Souvenir-Shop wurde von indianischen Menschen betrieben. Die haben anscheinend noch als einzige die Erlaubnis, solche Fahrten anzubieten, die im Bereich des Nationalparks natürlich schon lange vollständig verboten sind. Natürlich schrecken die lauten Boote die Vögel auf, die dann sofort reißaus nehmen. Ist halt etwas für Touristen. Und es war auch ganz nett.

Wir setzten uns also in das Boot, bekamen Klopapier, das wir uns in die Ohren stopfen sollten, und dann ging es los. Der Fahrer saß ein wenig höher und hinter ihm drehte sich der große Propeller, der das Boot kräftig auf Touren brachte:


Ich fragte mich, wie die Alligatoren, die wir angeblich sehen sollten, sich in die Nähe dieser Monstermaschinen wagen konnten. Aber sie taten es tatsächlich. Ein echter Amerikaner tut eben alles, wenn es Marshmallows gibt. Der Fahrer stoppte das Boot, kam herunter und brüllte: "Alligator on the right!" Zuerst war nichts zu sehen, doch dann machte er einige patschende Bewegungen und warf die runden weißen Marshmallows ins Wasser. Ein Alligator machte Luggi Luggi, direkt neben dem Boot:


Das war noch ein junger Alligator, später sahen wir auch noch so richtig große, dicke. Als Baby-Alligator genug geschaut hatte, schnappte er sich die Marshmallows (direkt vor seiner Nase)...


...und machte sich von dannen:


Das Airboat setzte sich wieder in Bewegung und flog durch den Sumpf, der eigentlich kein Sumpf ist. In einem Sumpf steht das Wasser, die Everglades stehen aber nicht. Sie stinken auch nicht. Und Mücken gab es - wahnsinnigerweise, wo jeder bisher was anderes behauptet hatte - auch nicht. Wahrscheinlich ist es in der Regenzeit im Hochsommer schlimmer. Ach ja, der Sumpf: Die Everglades sind im Grunde ein riesiges, langsam von Norden nach Süden fließendes Gewässer (etwa 1 Meter pro Tag).


Nach der Bootsfahrt wurde man noch in eine kleine Show geschleust, in der den Leuten vorgeführt wurde, wie man mit einem Alligator umzugehen hatte, ohne dass es zur Katastrophe kommt und man eine Hand verliert.

Vorsicht, jetzt kommt der Wir lernen was neues-Teil. Es geht um diese coolen Alligatoren, die ich schon in der Einleitung erwähnt hatte. Ich schrieb, dass Alligatoren, zumindest die vierbeinigen, wirklich cool seien. Und das sind sie auch. Denn bis auf ihr nicht mal golfballgroßes Gehirn (was unseren Reiseleiter immer wieder dazu veranlasste, bei Amerikanern von menschlichen Alligatoren zu sprechen) sind sie enorm genial gebaut. Hier einige Fakten: Alligatoren haben zwei Augenlider, eines, das von oben nach unten, und eines, das von links nach rechts schließen kann. Außerdem sind die Augen für den Kampf fast komplett im Kopf versenkbar und werden dann von einer Knochenschicht geschützt. Das Maul eines solchen Tieres hat eine Schließkraft von bis zu 1000 kg pro Quadratzentimeter. Wenn es also einmal zu ist, und das geht per Reflex sofort und richtig schnappend beim Berühren der Zunge, ist es nicht mehr aufzukriegen. Alligatoren liegen oft stundenlang mit offenem Maul bewegungslos unter Wasser (ein Muskel verschließt dabei den Hals, während die Luft beim Landgang in großen Kammern hinter dem Kopf aufbewahrt wird) und warten darauf, bis irgend etwas zwischen ihr Maul kommt. Alligatoren als Kaltblüter können in beschränktem Umfang ihre Körpertemperatur regeln und ihren Herzschlag beeinflussen, ihn herunterregeln bis zu einem Schlag pro Minute. Da Alligatoren außer anderen Tieren auch hauptsächlich ihre eigene Art fressen (der stärkste überlebt), sind sie für Kämpfe und fürs Überleben gut gerüstet. Ihre Zähne wachsen normalerweise unbeschränkt nach, und wenn sie z.B. ein Bein verlieren, können sie die Adern in diesem Bereich verschließen, sodass sie nicht verbluten können. Sie haben sehr gute Ohren, die einen springenden Fisch bis auf 300 Meter Entfernung orten können und ebenfalls gute Nasen und Augen. Auf Kurzstrecken (bis 80 Meter) können sie angeblich schneller laufen als ein Pferd (das glaube ich noch nicht so ganz, jetzt, wo ich diese mickrigen Beinchen gesehen habe) und sie sind dank ihrem kraftvollen, nur aus Muskeln bestehenden Schwanz in der Lage, bis zu 2 Meter aus dem Wasser zu springen.

Wie gesagt, Alligatoren sind cool. Hier noch ein ganz cooles, sich gerade sonnendes Exemplar:


Zuerst dachte ich, der bestünde aus Stein. Ich sah ihn fünf Minuten an und er hat sich nicht ein bißchen bewegt. Gut, der Hals wippte beim Atmen leicht auf und ab, aber sonst war das Tier absolut ruhig. Nach diesen fünf Minuten bewegte er jedoch seinen Kopf um einen Zentimeter zur Seite. Wahnsinn.

Ab nach Fort Myers

Nachdem wir genug von den Alligatoren hatten, fuhren wir weiter Richtung Nordwesten. David erzählte noch ein wenig mehr über die zweibeinigen Alligatoren, die in diesem Land leben. Die Bildung der Menschen soll nicht gerade überwältigend sein, sie seien oft wie "neunjährige Kinder", sehr stimmungsabhängig. 14% der Menschen seien gar Analphabeten, und das hohe Schulgeld verhindert, dass viele Menschen überhaupt studieren können. Schon der Kindergarten kostet oft angeblich um die $500 pro Monat, ein Studium an einer normalen Universät kommt locker auf insgesamt $100.000. Dafür seien die Häuser billiger als bei uns. Für 100.000 bis 200.000 Dollar bekäme man schon ein nettes Häuschen in Miami Beach. Amis arbeiten durchschnittlich 55 Stunden pro Woche und haben gerade mal zwei Wochen Urlaub pro Jahr. Der Kündigungsschutz bei Krankheit ist praktisch nicht vorhanden, wer länger als zwei Wochen weg ist, kann gekündigt werden. Der Stundenlohn in den meisten Jobs wäre ein Witz, weshalb vor allem in Dienstleistungsberufen das Trinkgeld ein fester Lohnbestandteil ist.

Die Freiheit, die Amerika so auszeichnen soll, findet daher vor allem in den Köpfen der Amerikaner statt. Nach dem Stress der Arbeit wird nicht mehr darüber geredet, dann ist man geschafft und möchte abends nur noch ausspannen. Man gibt sich offen, tolerant, baut schnell Freundschaften auf, die genauso schnell wieder vergehen. Man redet nicht über persönliche Probleme, weil die ja jeder hat, und überhaupt würde so etwas ja die anderen mit ins eigene Sumpfloch der Existenz ziehen. Ein Amerikaner weiß oft gar nicht, wie viele Schulden er eigentlich hat, da er das meiste auf Kredit bzw. Ratenzahlung kauft. Und wenn man jemanden fragt, wieviel Sprit sein Auto verbraucht, erhält man als Antwort: "20 Dollar die Woche."

Kein Wunder eigentlich, dass Psychologen und Kirchen einen derartigen Zulauf in diesem Land haben. Auf unserer Fahr kamen wir an so einigen vorbei. Nicht nur die Bibel in jedem Hotelzimmer ("placed by the Gideons"), auch immer wieder Spruchtafeln an den kleinen, überall verstreuten Kirchenhäuschen: "Jesus is coming" oder "He is risen, Morning Worship 10:00".

Genug der Ami-Lebenseinstellung, die wohl ein Europäer nie so richtig verstehen wird, und weiter nach Fort Myers. David erzählte in seinem Ami-Dialekt: "Wir werden wahrscheinlich die einzigen Gasten in diese Hotel sein." Ich hielt das für einen Witz, aber es war wahr. David sprach von einer "Geisterstadt", und das war ebenfalls wahr. Es war der totale Gegensatz zu dem quirligen Key West oder dem coolen Miami Beach. Denn hier war gar nichts.

Im Hotel "Ramada" war unser Zimmer im 16. Stock und wir hatten einen wahrhaft genialen Blick aus dem Fenster:


Und abends beim Sonnenuntergang hinter den Wolken:


Vor der Tür waren die Gepächträger-Typen dabei, kleine Zettelchen auf die Koffer zu kleben, um diese jeweils richtig zuzuordnen:


Dieses Mal hat es sogar - zumindest bei uns - problemlos funktioniert. Allerdings dauerte es, obwohl wir, wie sich herausstellte, die einzigen Gäste waren, über eine Stunde.

Abends saßen acht von uns im Hotel-Restaurant. Wir waren wirklich die einzigen. Alle Tische waren leer, auf der Straße war kein Mensch unterwegs. Nur über die Brücke fuhren die Autos, sonst war da nichts. Ein nett und freundlich aussehender, etwas rundlicher Kellner in Pinguin-Kleidung, der sich anstrengte, möglichst profesionell zu wirken (wenn er z.B. mit der Coladose auf dem in Kopfhöhe mit gespreizten Fingern gehaltenen Tablett ankam), servierte uns die Getränke. Abendessen gab es als Buffet, wohl extra für uns gemacht. Ich fragte ihn: "Are we the only guests tonight?" Und er sagte, nein, da wären noch ungefähr zehn andere, aus dem Bus... natürlich aus unserem Bus.

Das war schon irgendwie cool, wie ich fand. Später am Abend kamen dann noch ein paar schwarze Amerikaner herein, die hier aßen. Ob die auch in dem Hotel übernachteten, weiß ich nicht. Vielleicht waren die Zimmer ja ganz günstig, wer weiß. Als wir schließlich zahlen wollten, kam das zweibeinige Alligator-Gehirn voll zum Tragen: Der nette Kellner hatte sichtliche Probleme damit, statt einem einzigen ganze vier Tickets auszustellen, die servierten Dinge also entsprechend zu trennen. Mehrmals wischte er sich den Schweiß von der Stirn, und als das Kreditkartenlesegerät dann nicht funktionieren wollte, stand er offensichtlich kurz vor einem Zusammenbruch. Der arme... irgendwie tat er mir wirklich leid. Wie macht der das aber nur, wenn das Lokal mal komplett gefüllt ist...? Oder kommt das gar nicht mehr vor? Vielleicht schließt das Hotel schon in der nächsten Woche...

Abends liefen wir draußen noch ein wenig über die Straße. Venus und Jupiter standen als helle Sterne hoch im Westen (da es dort zwei Stunden früher dunkel ist, sieht man sie noch, bei uns sind die beiden Planeten um halb elf schon so gut wie verschwunden) und auf der anderen Seite, im Osten, lugte der schon etwas mehr auf der Seite liegende Mond über den Horizont.

Die etwas jüngeren von uns, ich und noch drei andere, gingen noch ein wenig am Ufer entlang, setzten uns und unterhielten uns ein wenig. Wir waren die einzigen. Sonst war da wirklich niemand. Ich sah zum Hotel. Der riesige Klotz war komplett schwarz, nur ein einzelnes Fenster im 16. Stock war beleuchtet: Das Zimmer, in dem meine Mutter im Bett lag und in einem Buch las. Offensichtlich hatte Fort Myers nur noch den Charakter eines Durchgangsortes für die Touristen, die nach Orlando zu Disney & Co. reisen. Disney hat in dieser Hinsicht so einiges zerstört, aber dazu später mehr.

Offensichtlich war ich der einzige, der die Reise aus eigener Tasche bezahlt hatte. Die anderen bekamen diese jeweils spendiert. Der eine, ein 28jähriger Gruppenleiter in einem Kaufhaus, hatte für sich und seine dabei-seiende Freundin die Reise von seiner Mutter spendiert bekommen (die ebenfalls mitreiste), die andere, eine 20jährige, war mit ihrer rüstigen Oma hier, die ihr die Reise zum bestandenen Abitur geschenkt hatte. "Nein, wenn ich sie hätte bezahlen müssen, hätte ich diese Reise nicht gemacht", sagte der eine. Nuja. Ich fand es trotzdem schön, auch wenn ich nun, da eine große Autorechnung ansteht und mein Bett kommt, recht knapp bin, was Geld betrifft. Aber das gute am Geld ist, dass - sofern man arbeitet - immer wieder was nachkommt ;-). Ach, ich sah auf einem Steg auch noch eine richtig schöne, ca. 5 cm lange Kakerlake, eine der typischen amerikanischen "roaches". Brrrr... ich konnte aber trotzdem ganz gut schlafen :-)

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