Florida, Mai 2002

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Tag 2: Sonntag, 26. Mai 2002

Good Morning, Florida

Nach dieser Nacht und der morgendlichen Badezimmer-Quälerei (ich hasse aufstehen) (über die Badezimmer-Konzeption schreibe ich später noch ein wenig) ließen wir uns von dem Fahrstuhl-Jungen, der die Fahrstuhl-Dame an diesem Tag ersetzt hatte, nach unten befördern. Wir gingen zum Frühstücksbuffet (wo wir nicht plaziert wurden) und suchten irgend etwas essbares.

Das war allerdings nicht allzu einfach. Es standen eine Menge Töpfe herum mit irgendwelchen warmen Dingen darin. Aber verdammt nochmal, wo waren die Brötchen? Ich will doch nur Brot, Butter und Marmelade, und schon bin ich absolut zufrieden. Gibt es nicht? Grmbl. Irgendwie haben wir es dann doch geschafft, uns für teures Geld etwas zu wenig Zeug in die Bäuche zu futtern und warteten vergeblich auf die Touristenströme, auf die ich mich schon eingestellt hatte. Außer uns, zwei Franzosen aus unserer Gruppe sowie ein paar wenigen Amis war niemand da. Trotz Memorial Day. Seltsam, seltsam. Als die Dame an der Kasse unsere Kreditkarte sah, war sie ganz erstaunt darüber, dass wir aus Deutschland kamen. Eigentlich dachte ich, dass viele Deutsche hierher reisten, aber offensichtlich war das nicht der Fall. "Your mother doesn't speak English very well?" Nein, tut sie nicht, aber das hat sie dann doch verstanden. Da die Kassiererin über ein Jahr in Deutschland war, gab sie die Karte mit einem "Dankeschön" zurück.

Ab nach Süden

In der Lobby trafen wir dann David, unseren Reiseleiter. Der lud uns in einen Bus, der nach und nach eine ganze Menge Leute aus den verschiedensten Hotels abholte. Zum Glück nicht nur Rentner, dachte ich mir. Mir fiel ein Stein vom Herzen, ich war nicht der jüngste, dafür sah ich am jüngsten aus - aber dazu später mehr. Insgesamt war die Gruppe sehr stark gemischt. Von Anfang 20 bis Mitte 70 war alles vertreten. Wobei wir uns alle fragten, wie ein Mitte 70 mit auf so eine Reise gehen konnte, vor allem, da er nicht mehr allzu rüstig war, im Gegensatz zu seiner jüngeren Frau, die voller Energie steckte. Ich fragte mich, wie Hans, so sein Name, das aushalten konnte. Wahrscheinlich wurde er vor die Wahl gestellt: Entweder du gehst mit, Hans, oder ich verlasse dich!

Wir fuhren also durch die Straßen von Miami Richtung Süden. Eine Bank fiel mir ins Auge, über der in großen goldenen Buchstaben "Banana Republic" stand. Ich fand das superlustig, doch die meisten Mitreisenden bekamen solche Details überhaupt nicht mit. Während der ganzen Fahrt, die uns über wunderschöne Inseln und Brücken führte, wobei zahlreiche verschiedene Vögel durch die Gegend flogen und das Wasser in den tollsten Grün- und Blautönen glitzerte, waren einige (zum Glück nur wenige) eher darauf bedacht, den Reiseleiter anzuquatschen, weil ihnen ein "4-Sterne-Bus" versprochen wurde und der Bus, mit dem wir fuhren, nicht mehr der modernste war. Seine Sitze waren zerschlissen, einige Armlehnen waren abgebrochen, und seine Klima-Anlage war ein paar wenigen (natürlich denen mit der lautesten Stimme) zu stark eingestellt. Ach, kann man das Ding nicht abstellen?. David war solche Dinge zum Glück gewohnt und sagte ganz ausdrücklich, dass man es niemals jedem Reisenden recht machen konnte. Na zum Glück. Ich fand die Sitze sehr weich und bequem, die Klima-Anlage kühlte gut, die Beinfreiheit war ausreichend, und mehr brauche ich gar nicht, um mich auf einer solchen Busfahrt halbwegs wohl zu fühlen.

Über etwa 40 Brücken geht die Fahrt über die lange Inselkette der Florida Keys. Dabei laufen oftmals zwei Brücken parallel: Die neue, auf der die Autos fahren, und die alte, die Anfang des Jahrhunderts von Henry Flagler gebaut wurde, der als steinreicher Millionär die Vision hatte, die Inseln über eine Eisenbahnstrecke zu verbinden. Immer wieder sieht man kleine Inselchen im Wasser, auf denen kleine Häuschen stehen. Muss nett sein, hier zu leben. Zumindest, solange kein Hurricane kommt.


Hier sieht man sie auch schon, die Seven-Miles-Bridge, die - ach was - sieben Meilen lang ist und sich in dem Teil der Keys befindet, der sich Marathon nennt. Die alte Flagler-Brücke läuft dabei weitgehend parallel zu der neuen, auf der wir fuhren. Immer wieder sah man Angler auf der alten Brücke und kleine Bootchen, die in der Nähe herumfuhren. Es war kein allzu schönes Wetter, als wir losgefahren waren. Doch je weiter wir nach Süden kamen, desto mehr klarte der Himmel auf und ließ die stechende Sonne hindurch.

Wer den Film True Lies mit Arni Schwarzenegger gesehen hat, weiß eigentlich genau, wie es auf dieser langen Brücke aussieht. In dem Film jagen ein paar Limousinen über die alte Flagler-Brücke, während Arni versucht, seine Frau mit einem darüber fliegenden Helikopter aus einer dieser Limousinen zu befreien, bevor diese an folgendem Punkt ins Meer stürzten:


Ob man die Brücke extra wegen dem Film zerstört hat oder ob diese schon vorher kaputt war? Wäre vielleicht interessant zu erfahren...

Als wir schon ziemlich weit südlich waren, sah man einen dicken weißen Fisch auf einem Inselchen herumliegen. David fragte sich, wo der andere Fisch war, der sich normalerweise in der Luft befinden müsste. Ich habe ihn gesehen, er hat sich nämlich getarnt:


Seht ihr den kleinen Mini-Knubbel genau in der Bildmitte? Das ist einer der beiden Zeppeline der Küstenwache von Key West. Da diese Insel schon in der Vergangenheit ein Zufluchtsort für Schmuggler jeglicher Art war, brauchte man ein günstiges System, um das gesamte Areal aus der Luft überwachen zu können. Da Flugzeuge zu teuer waren, baute man zwei Zeppeline, die mit teuren Instrumenten ausgestattet jede Bewegung auf und unter Wasser verfolgen können. Zum Beispiel entdeckte man mal ein russisches U-Boot mit über 4000 kg Heroin an Bord.

Key West

Als wir in der Innenstadt von Key West ankamen, wurden wir erstmals von Touristenströmen erdrückt. Natürlich waren die meisten Amerikaner, die hier ihr Wochenende verbrachten. Überall ertönte Musik und man sah eine Menge Exzentriker und irgendwie Verrückte. Hippies mit langen Mähnen saßen an der Straße und flochten Hüte aus grünen Gräsern. Dicke Leute mit Ärschen wie Scheunentore stolzierten vorbei, aber auch das absolute Gegenteil, viele sehr schlanke und junge Mädchen. Böse oder ausdruckslose Blicke sah man kaum, irgendwie schienen alle enorm fröhlich zu sein. Der Bus wurde ab und an von Roller-Bikini-Gangs überholt, die den Leuten heftig zuwinkten und dabei hupten, was das Zeug hielt. Oder von einer Horde Jungs und Mädels auf einem Pickup-Truck, der, laute Musik spielend, vorbeifuhr.

Key West ist sicherlich eine enorme Touristenstadt. Aber es ist auch so völlig anders als normale Städte, dass offensichtlich viele Menschen da hin wollten. Immerhin darf man hier auf der Straße Alkohol trinken - für die USA ist das schon ziemlich verrückt. Und außerdem soll der Sonnenuntergang hier so toll sein, der beim "Sunset Festival" auf dem Mallory Square zelebriert wird. Cool, dann kriege ich ja meinen Sonnenuntergang. Dachte ich zumindest.

Zuerst stand eine sündhaft teure ($20) Stadtrundfahrt mit dem Conch Train an. Diese kleinen, auf Rädern fahrenden Züge fuhren in der Stadt herum und wild sprechende Fahrer, in unserem Falle hieß sie Sandy, erklärten alles. Zumindest denjenigen, die gut Englisch verstanden. Selbst ich hatte bei der schnellen Sandy so meine Probleme. Sie holte nicht einmal Luft zwischen den Sätzen.


Amis und Nicht-Amis waren leicht zu erkennen an den Stellen, an denen 90% der Leute aufgrund von Sandys Worten lachen mussten und der Rest stumm blieb. Das Zügchen hatte noch eine enorme Geschwindigkeit drauf, sodass kaum Zeit blieb, irgend etwas wichtiges zu fotografieren. Wir kamen zum Beispiel an dem Haus vorbei, in dem Ernest Hemingway einige Jahre seines Lebens verbrachte. Doch als Sandy "now look to your right" rief, waren wir schon hinter dem nächsten Baum. Den südlichsten Punkt der USA, zumindest den südlichsten, zivilisierten Punkt (es gibt da noch so eine kleine Insel weiter südlich), sahen wir auch ganz kurz. Er wurde von einer dicken Boje markiert, die vor lauter drumherum stehenden Menschen kaum zu sehen war. Ach ja, den südlichsten Mülleimer der USA haben wir natürlich auch gesehen.

Die ganzen Häuschen in Key West sind sehr schön gestaltet und haben wohl alle einen gewissen Altertumswert. Wenn nicht so viele Touristen hier wären, könnte man da sicherlich nett wohnen. Allerdings wurde es den Bewohnern wohl auch oftmals zu blöd, denn an vielen Häuschen stand der Schriftzug "For Sale". Hier zwei typische:



Auf der Rundfahrt sah ich auch noch ein nettes Schildchen, das an einem Stop-Schild befestigt war. Hier gehen anscheinend keine Hunde oder Katzen verloren (sind Hunde hier eigentlich verboten? Ich hatte keinen einzigen gesehen, seltsam), sondern Papageien:


Das muss so in der Nähe des südlichsten Mülleimers gewesen sein. Glaube ich. Egal. Wir liefen noch ein wenig herum und drängelten uns durch die Menschenmassen hindurch. Pinkfarbene Taxis gibt es hier. Mit Nachtclubwerbung auf dem Dach. Ts ts. Und das in den USA ;-)


Das Ding, was da hinten auf dem Kofferraum befestigt war, hat mich zum Nachdenken gebracht. Was ist das bloß?! Es sind zwei Stäbe, die irgendwie verbunden sind. Angelausrüstung? Abschlepphaken? Gewehr-Stützen? Menschen-Aufspieß-Anlage? Seltsame Welt hier. Seltsam seltsam. Und die Schweiz war natürlich auch vertreten:


Da konnte man wahrscheinlich einkaufen, immerhin war eine Einkaufstüte über dem Eingang abgebildet. Denn was kann man schon anderes tun in Key West außer Einkaufen, Essen, Trinken und Herumbummeln? Gut, okay, was kann man in anderen Städten auch anderes tun... hmm. Blöder Einwand. Streichen, bitte.

Nachdem wir ins Hotel gefahren wurden, um uns frisch zu machen (dieses Mal wurde einer unserer Koffer mit Ladislavs vertauscht, sodaß wir zum Glück einfach so wechseln konnten), ging es abends noch einmal in die Stadt. Einige machten eine sündhaft teure Bootsfahrt, auf der es kostenlosen Alkohol geben sollte (was einige auch ausnutzten), und ich und meine Mum schlenderten ein wenig herum. An der Uferpromenade gab es einen schönen Blick auf das Meer. Außerdem lagen hier riesige Kreuzfahrtschiffe vor Anker.




Links im Bild zu sehen die kugelige Gestalt eines typischen Amerikaners. Dazu aber später mehr ;-). Rechts im Bild zu sehen das Disney-Schiff. Hier noch ein Blick darauf, nachdem die Sonne untergegangen war:


Und hier ein typisches Anglerboot: Die Lethal Weapon.


Als wir so durch die Gassen gingen und nach einem günstigen Lokal suchten, kamen wir an Sloppy Joe's Bar vorbei, die berühmte Bar, in der sich Ernest Hemingway die Birne zugedröhnt hatte (um danach seine Bücher zu schreiben). Wir gingen aber nicht hinein. Mir war es dort eindeutig zu laut, zu überfüllt, und vor allem (jeder hatte einen Maßkrug Bier auf dem Tisch) zu alkoholisch. Ich bevorzuge die ruhigeren Orte, aber die waren hier nicht gerade dick gesät. Plötzlich sprang Papa von Papa's Restaurant vor uns auf die Straße und quasselte zwei Minuten lang sehr schnell etwas über irgendein Essen. Ich habe fast nichts verstanden, und während er fragend schaute, sagte ich: "We think about it." Taten wir dann auch beim Anblick der Speisekarten und gingen hinein.

Ich bestellte wieder ein Sandwich, meine Mutter hatte eine Pizza (sah ziemlich seltsam aus). Kurz bevor wir unsere Teller leer hatten, verschwand die Sonne hinter dem nächsten Haus. Nicht mehr lange bis zum Untergang, dachte ich, deshalb beeilten wir uns. Doch als der Kellner schließlich mit meiner Kreditkarte verschwand, verschwand die Sonne hinter dem unsichtbaren Horizont. Es wurde dunkel, immer dunkler, es war eigentlich erst kurz nach acht, und als wir schnellen Schrittes am überfüllten Ufer ankamen, war die Sonne schon längst verschwunden. Nichts mit Sonnenuntergang. Mist.

Der Anblick war trotzdem sehr schön. Wir standen noch eine Weile an der Promenade, wo wir allerdings immer wieder angerempelt wurden. Gleich daneben war natürlich ein Restaurant, eben eines, von dem aus man den Sonnenuntergang beobachten konnte, was sich natürlich auch in den Preisen bemerkbar machte. Aber wie gesagt, es war trotzdem noch ganz nett:



Den Rest der Zeit verbrachten wir mit Schlendern. Ein paar Pickup-Trucks mit menschlicher, tanzender Fracht fuhren vorbei. Aus jeder Öffnung drang andere Musik. Ein paar Schweizer kamen die Straße hinauf, alle mit rotem T-Shirt, darauf das weiße Kreuz. Unverkennbar. Ich kaufte noch ein paar Briefmarken auf der hiesigen Post und wir hörten, sitzend auf einer Treppe, noch eine Weile einem urigen Typen mit Zylinder, schwarzem Umhang und einer Öllaterne zu, wie er einer Gruppe amerikanischer Schüler Gruselgeschichten über eine verfluchte Puppe erzählte. Die älteren Herren aus unserer Gruppe, die mit auf der Bootsfahrt waren, saßen ebenfalls da und lallten besoffen herum. Eine Frau hatte sich ganz abgesetzt, war mit ein paar Amerikanern in den Kneipen untergetaucht, fuhr nicht mehr mit uns zurück ins Hotel. Am nächsten Morgen hatte sie einen Riesenkater und lag vor dem Bus auf der Straße herum, sich mit beiden Händen an den Kopf fassend. Einer der Herren hatte vor lauter Alkohol auf dem Bootchen noch seine Spiegelreflex-Kamera verloren. Selbst schuld, so ein Idiot ;-)

Ein paar Motorrad-Hippies fuhren vorbei, deren Bikes alle klangen, als hätten sie heftige Vergaserprobleme. Es krachte wie wild. Hauptsache laut, hauptsache auffallen.

Das Hotel, das Day's Inn, hatte diesen amerikanischen Motel-Charakter. Die Zimmer waren von außen erreichbar, so etwas sieht man bei uns ja eigentlich nicht. Ich hatte einen leichten Sonnenbrand, weil ich morgens vergessen hatte, die Sonnenschutzcreme aufzutragen. Das holte ich mittags nach, wodurch es zum Glück nicht allzu schlimm wurde. Ich habe kaum Farbe angenommen während dieser Tage. Lichtschutzfaktor 12 blockt schon ziemlich gut. Meine Hautärztin hatte ja schon Panik, als sie unbedingt wissen wollte, wohin ich in Urlaub fahre ;-). Egal. Die Nacht war ganz ruhig. Es hat heftig geregnet (man sieht ja auf den obigen Bildern schon, wie sich abends die Wolken zusammenballten), um morgens wieder der Sonne freien Lauf zu lassen.

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