Florida, Mai 2002

[Einleitung] [Tag 1] [Tag 2] [Tag 3] [Tag 4] [Tag 5] [Tag 6] [Tag 7] [Tag 8]

Tag 1: Samstag, 25. Mai 2002

Flug

Nun geht es los. Naja, fast zumindest. Es geht in Zürich los, an dem Punkt, an dem uns der Freund meiner Schwester aus dem Auto ließ und der Check-In-Schalter der Swiss (jetzt ohne Air) unser vorläufiger Zielort wurde.

Wir durchschritten also nach und nach alle Posten bis zur Abflughalle. Dreimal wollte jemand den Pass sehen, und da es nur einen automatischen Steh-drauf-Schuhscanner gab, mussten wir dieselbigen ausziehen. Egal, wir waren ja frisch geduscht, es war noch früher Morgen, fit wie ein Turnschuh also. (Okay, ein etwas verknitterter Turnschuh war ich schon). Natürlich hatte unser Flieger, eine MD11, 30 Minuten Verspätung. Ich bin ja noch nicht oft geflogen in meinem Leben (nach Zürich, nach London und nach Bukarest), aber jedes Mal - ohne Ausnahme - hatte jedes Flugzeug Verspätung. Da ist sogar die Bahn noch besser.

Irgendwann war dann alles klar und wir nahmen Platz. Natürlich genau in der Mitte, das hatte ich erwartet. Links drei Sitze, Mitte vier Sitze, rechts zwei Sitze. Ich saß auf Mitte zwei, G in Buchstaben-Notation. Das Schwärmen beim Aus-dem-Fenster-auf-Wattemeer-gucken konnte ich also vergessen. Schade drum.

Als die Flugbegleiter (es waren kaum Damen an Bord, sondern nur diese hochgewachsenen, kurzgeschnittenen nettes-Lächeln-wie-aus-Modekatalog-Jungs) die Tür schon fast verschließen wollten, kam ein indischer Junge mit seiner Mutter angetrottet. Dieser setzte sich neben mich, gab mir die Hand und sagte: "Hi, my name is Balil." Ich gab ihm meine ebenfalls und meinte kurz und grinsend: "Jens". Okido, ready for Kulturaustausch.

Erstmal war aber nichts mit Kulturaustausch, nur Stille. Seine Mutter im orangenen Inder-Gewand und diesem lustigen Punkt auf der Stirn ließ sich eine Decke geben, während Balil mit ihr etwas auf Indisch beredete. Nach den folgenden Minuten der Stille dachte ich, ich könnte ja mal ein Gespräch anfangen, dann wird der Flug, der laut Anzeigetafel 7850 km und 10 Stunden dauern sollte, vielleicht etwas interessanter. Nachdem eine Durchsage kam, dass es noch eine kleine Verspätung gäbe, weil ein Gepäckwagen den Weg versperrte, fragte ich Balil: "Have you ever been on a flight without a delay?" Okay, blöde Frage. Meinte er wahrscheinlich auch. Er dachte kurz nach, grinste kurz und sagte: "Aaah... no." Und dann war Stille.

Schließlich machte Balil die Augen zu und verpennte sogar das Mittagessen. Aber in diesem Fall hatte er auch nichts verpasst. Bei diesem seltsamen Flugzeug-Essen muss man immer darauf vertrauen, dass das, was man vor sich hat, wirklich essbar ist. Die Mutter von Balil war da ziemlich skeptisch. Da die beiden rein vegetarisch lebten, soviel bekam ich mit, fragte sie sogar bei dem trockenen Knabberzeug nach, ob da Fleisch drin wäre.

Als die Stunden so verstrichen, die ersten gingen noch ganz gut, schaute ich mich ein wenig im Flugzeug um. Ich saß ziemlich weit vorne, direkt unter einem Fernsehmonitor. Vor mir, in zweieinhalb Metern Entfernung, war noch ein kleines Mickrig-Display angebracht, auf dem man fast nichts erkennen konnte. Der nächste größere Monitor befand sich in der Business-Klasse, die allerdings zehn Minuten nach dem Abflug durch einen Vorhang vor meinem Blick versperrt wurde. Rechts vor mir war die Toilette, und vor der Toilette war eine Schlange. Aus Menschen natürlich. Das ging so den ganzen Flug. Wenn jeder der sicher über 150 Economy-Class-Passagiere in zehn Stunden Flug einmal muss und jweils drei bis vier Minuten braucht, dann kann man von Glück reden, dass der Mensch über (meist funktionierende) Schließmuskel verfügt...

Auf der Sitzreihe neben mir, direkt am Fenster, saßen - unschwer zu erkennen - zwei Schweizer. Der Mann hatte seine Schuhe ausgezogen und kratzte sich immer wieder mit seinen Fingern an den durch Oma-gestrickte-Wollsocken geschützten Füßen herum. Die Frau hatte ihre Füße an die Wand gedrückt und las in halber Liegehaltung den Blick, die Schweizerische Bild-Zeitung. Ich dachte: Die gehören sicher zu unserer Rundreise, ich habs ja befürchtet, nur Rentner, Schweizer Rentner mit Blick-Faszination und Fußkratz-Stimmung...

Zum Glück stimmt meine Intuition nicht immer.

Ich setzte mir die Kopfhörer auf und drückte auf den Knöpfen herum, bis irgend etwas musikmäßiges erklang. Zwischen den Indertönen und Volksmusik-Gedröhne fand ich sogar noch Rockmusik. Doch war diese so verrauscht, dass ich es bald wieder aufgab und mir schließlich mit verrenkter Genickstellung (Blick scharf nach oben) Harry Potter ansah. Irgendwann war mir das zu blöd, vor allem, weil ich den Film damals schon im Kino gesehen hatte und den nicht so toll fand, um ihn nochmal sehen zu müssen, und auch, weil ich keine Kopfschmerzen riskieren wollte. Ich schaltete aus und schaltete ab.

Ich las ein wenig, döste ein wenig, las ein wenig, döste ein wenig. Nach den ersten fünf Stunden war ich ziemlich matt. Das dröhnende Klingen der drei Triebwerke, das ständige Bifiiiiiieeep der Toiletten-Vakuum-Spülung, das Reden der Menschen, die ausdruckslosen Gesichter der Toiletten-Wartenden... alles erzeugte das erdrückende Gefühl, das einen so abtreibt, wie wenn man müde vor dem Fernseher liegt, in einem Zustand zwischen Wachsein und Schlaf. Doch an Schlaf war nicht zu denken. Zu wenig Platz, zu viel Lärm, keine Liegeposition, immer wieder ein wenig Wackeln. Keine Chance. Also döste ich weiter und driftete mehrmals an diese eklige Stelle an der Schwelle zum Unterbewußtsein. Und kam nie darüber hinweg.

Nach ungefähr sechs Stunden bekamen wir ein Formular zum Ausfüllen. Immigration stand da drauf, es war ziemlich klein, und man musste zahlreiche Dinge angeben: Name, Geburtsdatum, Reiseziel, und so weiter. Hinten drauf standen lustige Fragen: Sind oder waren Sie jemals an terroristischen Handlungen beteiligt? Wurden Sie jemals des Völkermords oder dessen Beihilfe beschuldigt? Haben Sie ein Kind entführt? Führen Sie Gemüse oder Schnecken ein? Waren Sie auf einem Bauernhof? Achtung, wenn Sie bei einer dieser Fragen "Ja" angeben, könnte Ihnen die Einreise in die Vereinigten Staaten verweigert werden. Ach was, echt? Dann nehm' ich lieber Nein...

Kurz vor der Landung wachte Balil auf und fragte mich: "Do you have AOL?" Oh, dachte ich, ja, ich habe AOL, die blöden Mist-CDs liegen ständig in meinem Briefkasten und werden dann weggeworfen. Nein, aber eMail habe ich, das geht sogar ohne AOL, Balil, stell dir mal vor. Also tauschten wir die Adressen aus. Er lebt mit seiner Mutter in Miami und war mit ihr zu einer Hochzeit in Indien. Geld haben die beiden, irgendwie mussten die ganzen Goldkettchen um ihren Hals ja bezahlt werden.

Ankunft

Das Flugzeug landete, ein paar Leute klatschten, und wir machten uns auf den langen Weg durch die Miami-Airport-Hallen. Meine Mutter war ziemlich schnell, ich wollte langsam machen und den Blick aus dem Fenster in dieses neue fremde Land genießen. Als wir am Ende des Gebäudes waren und nach links abdrehten, waren da wieder Schlangen. Eine Menge Schlangen. Circa 20 Stück, jeweils über 20 Meter lang. Immigration stand über jedem Schalter, und davor hunderte Menschen aus den verschiedensten Ländern dieser Erde. Alle wollten in die USA. Jetzt, wo ich das schreibe, frage ich mich: Warum eigentlich?

Nach einer Dreiviertelstunde waren wir vorne. Die Dame schaute sich unsere Immigration-Kärtchen genau an und hatte dann gleich etwas zu meckern. Hier bitte ausfüllen, hier bitte ausfüllen. Die liebe Bürokratie. Auf dem Kärtchen stand vorne drauf: Beantworten Sie die Fragen 1 bis 24 und unterzeichnen Sie dann auf der Rückseite. Gelesen, getan. Hinten war allerdings noch einmal ein Feld für Name, Vorname und so weiter, obwohl das vorne schon ganz genau drauf stand. Also mussten wir das nochmal ausfüllen. Dann mussten wir zum Glück auch nicht mehr warten, sondern kamen gleich nach vorne und dann auch durch.

Dann wurde wieder der Pass überprüft und schließlich kamen wir zur Handgepäck-Kontrolle. Agricultural stand da. Auf den Schildern neben der Schlange standen Aufrufe, die Maul- und Klauenseuche zu stoppen bzw. nicht zu importieren, und genau das wurde offensichtlich getan. Haben Sie Gemüse dabei? Waren Sie auf einem Bauernhof? Natürlich war ich schon mal auf einem Bauernhof, aber das habe ich natürlich nicht gesagt - bin ja nicht lebensmüde. Schließlich holten wir unsere Koffer, an denen kurz zuvor ein paar kleine braun-weiße Hundchen herumgeschnüffelt hatten, und begaben uns zum Ausgang, wo uns eine gestresste Dame der Reiseleitung erwartete. Draußen angekommen sahen wir den einzigen, der dieselbe Reise gebucht hatten wie wir. Ein tschechischer Schweizer namens Ladislav. Das hat uns schon überrascht.

Während der Fahrt zum Hotel sah ich ständig begeistert aus dem Wagen. Es sind immer nur kleine Dinge, die anders sind, aber irgendwie ist der erste Eindruck immer faszinierend. Ich sah die ganzen Autos, die ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Ich sah ihr schicken Nummernschilder, von denen jedes Auto nur eines hat, nämlich hinten. Das Florida-Nummernschild hat in seiner Mitte den Umriss von Florida, garniert mit der Nationalfrucht, einer Orange. Manche Nummernschilder waren gold oder silbern eingerahmt und glänzten mit den zugehörigen Autos hell in der Sonne, die durch den bewölkten Himmel blitzte.

Da mich die Nummernschilder so faszinierten, weil es die ersten Ami-Nummernschilder waren, die ich in meinem Leben live gesehen hatte, habe ich im Verlauf der Reise einige Auto-Hintern fotografiert. Denn es gibt anscheinend mehrere verschieden designte Florida-Nummernschilder. Und überhaupt, die Autos: Diese Modelle werden bei uns gar nicht verkauft. Doch stop, zuerst die Schilder:

Hier das normale an einem glänzenden Hyundai (es ist schwierig, in Miami nicht-glänzende Autos zu sehen). Normal bedeutet: Diese Version findet sich an 90% der Florida-Autos. Anscheinend kann man sich in den USA, ähnlich wie bei uns, auch Schilder mit Wunsch-Buchstabenkombis geben lassen, sofern diese noch frei sind. So habe ich z.B. ein "RIDE ME" auf einem schnellen Sportwagen gesehen, oder ein "BIG SIS" auf einem anderen. Leider habe ich diese nicht fotografiert...


Hier ein weiteres, bei dem dem Fahrer offensichtlich die Orange nicht gefiel. Was der Aufkleber bedeutet, weiß ich zwar nicht, aber dass er sein Land mag, das sieht man dem Wagen an. Auf der Scheibe der Schriftzug: "GOD BLESS OUR TROOPS" und neben dem Nummernschild der obligatorische Aufkleber, sichtbar an so vielen Autos, dass man es als deutscher Anti-Patriot kaum glauben kann: "GOD BLESS AMERICA"


Hier ein weiteres (Florida ist "Sexiest to Children" - cool):


Und noch eines, irgendein Basketball-Fan:


Ab ins Hotel

Da die Straßen verstopft waren, brauchten wir etwas länger ins Hotel. Am Montag war Memorial Day, ein Ami-Gedenk-den-Kriegstoten-Feiertag, und die Leute nutzten das verlängerte Wochenende offensichtlich, um nach Miami Beach, einem auf eine Insel ausgelagerten Teil von Miami, zu fahren. Schon auf diesem Weg sah ich das Lebensgefühl der Menschen, die da in ihren Autos saßen, aber darauf werde ich später eingehen.

Im Hotel angekommen, jedes Hotel hier hat eine Auffahrtrampe für Autos vor der Eingangstür, war da natürlich zuerst die große Eingangshalle. Eine Horde schwarzer Mädels kam mir entgegen, alle in sehr knappen Bikinis und mit großen goldenen Ohrringen, ziemlich aufgestylt und alle sich wahrscheinlich unwiderstehlich findend. Die Männer in der Halle bekamen große Augen. Eine rempelte mich leicht an, sagte "Hiiii" mit einem melodischen Klang in der Stimme und verschwand nach draußen Richtung Pool. Als sie schon durch die Tür waren, sagte ich auch noch "Hi", mehr zu mir selbst, und dachte: Junge, du bist in Florida.

Im Hotelzimmer angekommen, die Klimaanlage rauschte im Hintergrund, öffnete ich die Vorhänge und blickte hinaus auf den Atlantik. Boah, dachte ich, das ist wirklich cool. Es war bewölkt, es windete, es war dunkler als es hier normalerweise war, aber es war cool. Der berühmte Strand des Hotel-gesäumten Miami Beach erstreckte sich direkt unter mir bis zum Horizont:


Wir guckten uns also erst einmal um, waren gleich etwas von der miesen Qualität des Badezimmers enttäuscht (vor allem meine Mutter, mir war das mehr oder weniger egal), und warteten auf unsere Koffer. Es gibt in den USA ja den wirklich unnützen und idiotischen Job des Kofferträgers. Und offensichtlich bekommen die es nicht auf die Reihe, die Koffer immer richtig zuzuordnen. Später erzählte uns der Reiseleiter, dass es eigentlich bei jeder Ankunft in jedem Hotel vorkommt, dass einige Koffer in die falschen Zimmer getragen werden.

Als also unser Koffer nach einer Dreiviertelstunde immer noch nicht da war, gingen wir nach unten und ich redete kurz mit dem älteren Mann, der diesen Job inne hatte. Ich sagte ihm die Zimmernummer, "Sixteen O Four" und er bekam große Augen: "Sixteen O Four? Really?" Dann wedelte er mit den Händen herum, besprach hastig etwas mit seinem Kollegen und war dann drauf und dran zu verschwinden. Ich fragte noch: "Wrong room?" und er nickte. Dann war er weg.

Als wir nach einigen Minuten der Verwirrung wieder hinaufgingen bzw. uns von der freundlichen Fahrstuhl-Bedienungs-Dame hochfahren ließen (auch so ein unnützer Hauptsache-ein-Job-Job, den wir nur in diesem Hotel antrafen), stand er schon da und hatte unsere Koffer in der Hand. Na, da waren wir aber froh. Ich schaltete kurz den Fernseher ein und sah "Buffy". Toll, neue Folgen! Nein, keine Zeit, die anzusehen, überhaupt sind die ja so weit, dass ich da nicht mehr richtig mitkomme.

Später, nachdem wir geduscht hatten, gingen wir nach unten. Ich zog meine Michael Schumacher-Design-Sonnenbrille an, obwohl es schon gegen Abend war und ich sie nicht mehr gebraucht hätte. Aber ich dachte, ich müsste auch ein wenig cool aussehen, wenn hier alle irgendwie cool aussehen. Deshalb zog ich sie an.

Wir trafen uns mit Ladislav und schlenderten über den Holzsteg, der am Ufer entlang führte. Alle Menschen, die an uns vorbeigingen, hatten etwas lässiges an sich, irgendeine beachige Leichtigkeit, und ebenfalls eine gewisse Fröhlichkeit. Und doch waren alle anders. Da waren eine Menge Jogger, ein paar Familien, einige Mädels in knapper Bekleidung und ein uriger Typ, der sein Fahrrad zu einer Geflügel-Aufzucht-Station umfunktioniert hatte.

Ab und zu kamen wir an kleinen überdachten Stellen vorbei, an denen es zwei Bänkchen gab, sowie eine Notrufsäule. Interessant, Notrufsäulen gleich am Strand zu haben. Hmm. Und noch interessanter: Die Bänkchen waren alle zweigeteilt:


Warum teilt man Bänke in zwei Teile? Um Menschen zu trennen? Damit sie nicht aneinander geraten? Für Mann und Frau, die sich nicht mehr berühren möchten, wenn sie trotzdem-lächelnd (man muss in diesem Land fröhlich sein) nebeneinander sitzen? Oder sind die Dinger da, um den triefenden Schweiß der Jogger aufzuhalten, wenn jemand nebenan sitzt? Oder einfach nur, um die Fettmassen diverser Amerikaner (darauf werde ich noch sehr genau eingehen) in gewissen Schranken zu halten? Wahrscheinlich werde ich es nie erfahren.

Überhaupt war kaum jemand am Strand. Es war auch wirklich kein Strandwetter. Recht wolkig ("kind of normal weather in Miami", laut Balil) und ziemlich windig. Offensichtlich lagen die richtig großen Strände, auf denen sich die schönen Frauen aus dem Fernsehen tummelten, viel weiter südlich, irgendwo in der Nähe des Ocean Drive. Wir waren an der Collins Avenue. Und da war der Strand ein wenig kleiner.

Wir latschten also immer weiter nordwärts und suchten nach einem Restaurant. So blöd es auch klingt: Wir fanden zuerst keines. Überall nur Hotels. Hotel an Hotel, soweit uns die Füße tragen wollten. Miami Beach ist Hotel-Insel, Touristenhort. Natürlich hat jedes Hotel sein Restaurant, aber da konnten (und wollten) wir natürlich nicht hinein. Also gingen wir weiter. Auf dem Weg sah ich folgendes:


Wie, no lifeguard on duty? Wo sind die hübschen Baywatch-Nixen in ihren roten Badeanzügen? Hmm, war wahrscheinlich Westküste. Kalifornien. Und hier gibts nur den menschenleeren Strand mit diesen sehen-aus-wie-Klohäuschen, und dazu lustige Amis, die am Strand nach Gold suchen (hinten links zu sehen). Hat ja auch was.

Nach einiger Zeit fanden wir ein kleines Strandcafe, in dem die Live-Musik, gerade, als wir kamen, durch ein Tonband abgelöst wurde, und verstießen - ups - gleich einmal fast gegen die Regel, uns plazieren zu lassen. Der Kellner fing uns aber noch rechtzeitig ab und wies uns einen Tisch zu. Wir stutzten zuerst etwas, als wir die Preise sahen (dabei waren dies, wie ich jetzt weiß, gar nicht mal hoch), und ich bestellte ein Sandwich ("Hot Diggydidog") für 9 Dollar.

Ich bin ja ziemlich Sandwich-unerfahren, um das mal so auszudrücken. Unter einem "Sandwich" habe ich mir bisher zwei Scheiben Brot vorgestellt, zwischen denen irgend etwas begraben liegt. Aber das Sandwich, was ich bekam, war anders, größer, viel größer: Es war ein Riesenteller, auf dem Pommes lagen, zusammen mit Gemüse, und daneben eine Riesen-Wurst in einem langen Brötchen. Eigentlich hätten die auf das Brötchen auch verzichten können, aber dann wäre es ja kein Sandwich mehr. Hmm. Es war gut, aber ich hab's fast nicht geschafft. Satt sind wir jedenfalls geworden. Das Trinkgeld, auf diese Komplexität hatten wir uns vorbereitet, war in diesem Restaurant schon inbegriffen. Touristenland.

Während der Vollmond hinter der diffusen Wolkenschicht nur als heller Deckenlampen-Fleck zu sehen war, gingen wir an der Straße (der Collins Ave.) entlang zurück zu unserem Hotel. Wir hatten uns bis zur 46. Straße vorgearbeitet, und unser Hotel war in der 29. Straße. Das sind sicherlich um die 2 Kilometer. Kein Wunder, dass die Amis ihre Nebenstraßen benummern, das ist ein interessantes und einfaches System, um zu sehen, ob man in die richtige Richtung läuft.

Auf der Straße war immer noch stockender Verkehr. Zeit genug, um mir die Leute in diesen Autos anzusehen. Ich hatte ja schon kräftig geguckt, als wir zum Hotel fuhren, aber dieses Mal war ich noch näher dran. Die Autos an sich sind schon alle sehr sportlich gehalten. Und wie gesagt: Sie glänzen wirklich alle. Rostlauben sind hier äußerst selten. Fast so, als würden die auf der Brücke aufgehalten. Dazwischen immer wieder die großen breiten Pickup-Trucks, in denen meist schwarze, überwiegend jüngere Männer saßen. Da Miami ein großer Drogen-Umschlagplatz ist, fragte ich mich, wie viele von denen wohl mit dem Zeug zu tun hatten.

Jedenfalls war ich fasziniert. Ich sah beim Vorbeigehen in die Autos hinein. Aus jedem zweiten drang HipHop- oder Rap-Musik. Die Fahrer (und meistens: ihre Beifahrerinnen) wippten mit den Köpfen (besonders lustig: Vier Schwarze in einem Wagen und alle immer im gleichen Takt wipp, wipp, wipp - das Bild ist so typisch, ich musste immer wieder grinsen) oder tanzten gar in der beschränkten Umgebung. Die Mädchen waren meist sehr hübsch, dicke Menschen sah ich auf dieser Straße in diesen Autos kaum, die Jungs waren meist sehr cool, also: Etwas finsterer Blick, eine schwarze Sonnenbrille, umgedrehtes Baseballcap, dazu immer wieder diese HipHop-Handbewegungen. Diese Stadt, oder eher diese Straße für sich, hatte einen gewissen Beat, ein beschwingtes Lebensgefühl. Jeder Mensch hier schien irgendwie fröhlich zu sein. Oder eben cool. Oder beides. Ich sah viele junge Leute am Steuer, meist in teuren Autos. Ach ja, wir sind ja in Amiland, da gibts schon ab 16 den Führerschein. Aber wie können die sich die Wagen leisten? Daddy-Car? Wahrscheinlich.

Wir kamen an einigen schwarzen Jungs und Mädels vorbei, die zwischen den Autos umhergingen und T-Shirts mit einer aufgedruckten Hasch-Pflanze verkauften. Soweit ich das mitbekam, kriegten sie fast nichts los. Überhaupt waren wir fast die einzigen Fußgänger. Wo waren denn all die Touristen? So spät war es überhaupt noch nicht, aber der Gehsteig war wie ausgestorben. Wäre ich allein gewesen, hätte ich mich wohl ziemlich unwohl gefühlt. Ich war nach diesem Erlebnis (ich fand es schon ein wenig packend, um mal auf die Einleitung anzuspielen, aber ich bin ja nur ich und kein typischer Typ) auch ganz froh, endlich zurück im Hotelzimmer zu sein und einzuschlafen. Davor betrachtete ich noch eine Weile die wunderschön beleuchtete Uferpromenade:



Wir schliefen gut bis um etwa 2 Uhr, als im Nebenzimmer Rapmusik ertönte und die Wände zum Vibrieren brachte. Immer wieder yeah, yeah und dann natürlich (man muss ja etwas variieren) fuck, fuck. Natürlich wollte ich nicht an deren Tür klopfen und sie bitten, etwas leiser zu machen (das wäre vielleicht wirklich ein packendes Erlebnis gewesen), deshalb nahm ich das zweite Kissen und drückte es mir aufs andere Ohr. Doch da dies dann zu warm war, war ich froh, als das Geheule um 4 Uhr stoppte. Wir konnten also schlafen.

Und damit endete der erste Tag :-)

Hier gehts weiter zu Tag 2!