Die schwüle Hitze Südvietnams hat uns wieder. Nach einer 8 Stunden langen, extrem ermüdenden Busfahrt (von Busfahren hab ich erstmal genug) sind wir vor drei Tagen in Saigon gelandet, das "eigentlich" Ho Chi Minh-Stadt heißt, seit Nordvietnam den Krieg gewonnen hat. Doch alle hier sprechen von Saigon, der "Motorbike City", hektisch und chaotisch. Und gefährlich. Die Vietnamesen sind davon überzeugt, dass die Straßen hier voller Banditen sind. Und ich kann denen nur Recht geben. Böse Stadt. Gefährliche Stadt!
Der erste Abend hier dauerte wieder mal etwas länger, und je nach Stimmung und Situation kann es schon mal passieren, dass man die Zeit vergisst. Deshalb ist aus unserer geplanten Zweitages-Mekong-Delta-Tour nichts geworden. Aber wie sich herausgestellt hat, war das gar nicht schlimm.
Weil corinna sich ausruhen wollte, bin ich alleine losgezogen. Einfach mal Richtung Downtown, Richtung Saigon River. Weil mir der Weg über die zerklüfteten und zugestellten Bürgersteige zu anstrengend war, bin ich durch den kleinen Park gegangen. Ich setzte mich hin, sah mir die Karte an, und dann stand plötzlich ein schwarz gekleideter Transvestit neben mir. Er trug eine riesige verspiegelte Sonnenbrille, hatte langes schwarzes Haar, weibliche Gesichtszüge und lispelte mit einer hellen männlichen Stimme. Er zog ein paar Postkarten raus. "Wanna buy? Wanna buy? Very cheap!" Jaja, sind wir ja gewohnt. "No buy" sagte ich ganz routiniert, beachtete ihn nicht und ging davon.
Doch der Kerl ging mir nach. Plötzlich stand er neben mir. "Where you from, he?" Ich ging weiter. Dann grabschte er mich an, eine Hand griff in meine Rippen, mit der anderen packte er meine Eier und drückte kräftig zu. Er hechelte wie ein tollwütiger Hund und sagte: "Wanna Boom Boom? Sex Sex? He he?" Ich bekam Angst, riss mich von der Sau los, rannte ein paar Meter davon. Dann blieb ich stehen und grinste zunächst in mich hinein, weil ich die Situation so abartig fand, dass sie wieder witzig war.
Und dann merkte ich, dass mein Geldbeutel fehlte.
Ich drehte mich um, doch der Kerl war natürlich über alle Berge. Ich suchte das gesamte Gebiet ab, aber vermutlich war er sofort auf einen Roller gesprungen und abgehauen.
Mann! Ich bin von einem Transvestiten ausgeraubt worden! Scheiße! Und das natürlich gerade, als ich etwas mehr Geld in der Brieftasche hatte. Ich splitte ja meine Wertsachen. Die Kreditkarte und die großen scheine in die Innentasche unter der Hose und das Geld das ich täglich so brauche im Geldbeutel.
Jedenfalls ist nun meine EC-Karte weg und rund 1 Million Dong (die Kreditkarte hab ich noch). Ich weiß nicht mehr, was ich sonst noch drin hatte. Mit der EC-Karte kann der Kerl nichts anfangen, er hat sich aber vermutlich sehr über die Kohle gefreut. Das sind immerhin rund 40 Euro. Und mein schöner Geldbeutel ist weg. Argh.
Das war kein guter erster Tag in dieser Stadt. Seither laufe ich extrem vorsichtig durch die Gegend und halte auch meinen Rucksack mit beiden Händen fest, weil ich Angst davor habe, dass ihn mir irgendein Rollerfahrer wegreißen könnte. Es ist auch recht anstrengend, hier im Backpacker-Viertel unterwegs zu sein. Überall wird man angelabert. "Motobike?" an jeder Kreuzung. "Shoeshine?" "Massa?" "Here, Sir, good restaurant, very cheap!" "Want sunglasses? Very good!" "Come in, good T-Shirt!" Und selbst wenn man in einem Restaurant an der Straße sitzt, steht plötzlich ein Brillen- oder Bücherverkäufer hinter einem und wartet darauf, dass man ihn beachtet. In der Nacht umschwärmen dutzende Kids die Backpacker in den zahlreichen Bars. Man wird frech von ihnen angetatscht, und selbst wenn man böse wird, kommen sie stur immer wieder zurück, um ihre Feuerzeuge zu verkaufen. In der Markthalle ist es noch viel schlimmer. Die Gänge sind gerade mal einen Meter breit, und wenn man hindurch läuft, wird man von allen Seiten begrapscht und sogar festgehalten. Sie fassen einen ans Hemd und sagen "Here, same same, many color!" - und dennoch verkauft jeder Laden in der Halle genau das gleiche wie der daneben. Etwas zu finden, was außergewöhnlich ist, ist nicht einfach. Und wenn, dann ist es ziemlich teuer.
Bücher, Filme, Computerspiele und Software gibt es hier nur im kopierten Zustand. An jeder Ecke. In jeder Stadt. Bücher zu finden, denen man den Kopierer nicht ansieht, ist gar nicht so einfach. Man kann hier auch ganze TV-Serien kaufen, Prison Break, Friends, oder Star Trek. Alle Staffeln auf einer Handvoll DVDs, eingepackt in ein nett designtes Cover. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie scheiße die Qualität sein muss.
Ich war auch in einem Elektronikladen. Fernseher, Computer, Handys. Die gesamte Unterhaltungselektronik ist nur wenig günstiger als bei uns. Ein einfacher Computer kostet 400 Euro, ein kleines Laptop mindestens genau so viel. Ich frage mich ernsthaft, wer sich das hier leisten kann. Das passt überhaupt nicht mehr in das sonstige Preisgefüge hinein. Man kann hier für 300 Dollar einen Roller kaufen, tankt 15 Liter Diesel für einen Euro, aber das Mini-Laptop ist teurer. Sehr seltsam.
Gestern haben wir eine Tour ins Mekong-Delta gemacht. Wir sind uns vorgekommen wie in einem schlechten Vergnügungspark. Nach einer 2 Stunden langen, sehr holprigen Busfahrt, wurden wir zunächst durch einen Souvenirladen auf ein Boot verladen, über den Fluss kutschiert und dort wieder zu den Souvenirs geführt. Dummerweise hat Corinna sich eine Blasenentzündung eingefangen, und so konnte sie das bisschen, was einem an diesem Ausflug überhaupt noch hätte gefallen können, nicht mehr genießen. Der Tourguide organisiert irgendwas, und nach einiger Zeit kam ein Mädel auf dem Roller angefahren und brachte Antibiotika. Ein halbes Päckchen Tabletten für nicht mal 1 Euro. Bekommt man hier ohne Rezept in der Apotheke.
Nach einer "Demonstration traditioneller vietnamesischer Musik" (natürlich mit Bettel-Schälchen) wurden die Touristen weiter gedrückt in ein kleines Restaurant, wo man den Honigtee, den es zu probieren gab, auch gleich kaufen konnte. Und dann die "romantische Fahrt im Ruderboot durch einen der winzigen Kanäle im Mekong-Delta": Die Ruderboote fuhren dicht an dicht hintereinander her, und die Frauen auf den Booten, die auf der Gegenfahrspur zurück fuhren, riefen jedes Mal: "Give money, give money!" So nervig, dass man in Versuchung kam, überhaupt nichts zu geben. Das einzige, was halbwegs authentisch war an diesem Ausflug, war die eine Stunde, die wir mit klapprigen Fahrrädern durch das Dorf fahren konnten. Die Einheimischen haben nicht sonderlich glücklich darüber ausgesehen. Vermutlich dachten sie: "Ah, schon wieder so ein blöder Tourist." Da waren unsere anderen Radausflüge um ein Vielfaches besser.
Coris und auch meine Stimmung war ja eh schon im Eimer, und letztlich wurden wir über den Fluss wieder drei Stunden lang zurück in die Stadt gefahren. Dort checkten wir in ein neues, schönes Hotel ein und konnten die letzte Nacht hier in Vietnam noch einmal richtig gut ausschlafen. Heute lassen wir es ruhig angehen. Ein bisschen shoppen, gut essen, ein wenig schreiben.
Das ist mein letzter Eintrag, der letzte Tag in Vietnam. Heute Abend fliegen wir zurück in unsere Heimat. Die Reise hat vielfältige Eindrücke in uns hinterlassen. Wir haben viele Facetten dieses faszinierenden Landes gesehen. Ich persönlich hatte nicht damit gerechnet, dass hier alles so gut entwickelt ist. Die Spanne zwischen Arm und Reich scheint sehr groß zu sein. In den Dörfern sieht man rostige, halb zerfallene Wellblech-Hütten, in denen Menschen hausen, gleich neben wunderschönen farbigen Streifenhäuschen, die wie Villen in der Landschaft stehen. Dasselbe gilt für die Städte, ganz besonders hier in Saigon. Am Flussufer stehen die schmutzigen Hütten auf Stelzen, und dahinter ragen die Betonklötze der großen Hotels in den Himmel.
Das Essen hat uns ebenfalls überrascht. Aber eher negativ. Zwar haben wir sehr gut vietnamesisch gegessen, aber die Würze und Schärfe, die man sonst von den Asiaten kennt, haben die Vietnamesen noch nicht sonderlich gut integriert. Das einzige Gemüse, das man überall zu kriegen scheint, ist grüner Senf. Die letzten zwei Tage haben wir beim Thailänder und Inder gegessen und wurden umgehauen von den gut gewürzten Speisen.
Und: Sie essen sie doch, die Hunde. Sagte zumindest unser kleiner Tourguide beim Trekking. Er schwor Stein und Bein, dass Hunde-Essen ganz normal sei, im ganzen Land. Andererseits wüsste ich jetzt auch nicht, welche Spezialitäten die Leute im äußersten Nordosten Deutschlands so essen. Ich meine, im Norden schütten sie Zucker in ihren Salat, was uns im Süden nie einfallen würde. Deshalb werde ich das Hunde-Essen vermutlich nochmal irgendwo anders recherchieren
Jedenfalls bin ich glücklich und erschöpft. Wir haben wunderschöne und hässliche Orte gesehen, haben dutzende Höhen und Tiefen durchgemacht, sind sehr sportlich gewesen, sind krank und wieder gesund geworden, und nun geht es zurück in unser Standardleben. Aber auch darauf freue ich mich sehr.
Im Gedächtnis bleiben werden mir die Streifenhäuschen und das Gehupe auf den Straßen, die weiten grünen Landschaften mit den schroffen Felsen und den endlosen Reisfeldern. Und dass es hier verdammt nochmal keine Mücken gibt! Da gebe ich fünfzig Euro für DEET aus, und dann gibts hier keine Mücken! Ich bin vielleicht fünf Mal gestochen worden in 3 Wochen. Das ist ein Witz! Gut, ich bin nicht wirklich böse darüber, aber faszinierend fand ich das dennoch.
Ich danke euch allen fürs fleißige Lesen und die netten Kommentare.
Bis dann!