Abenteuer im Schwarzwald Vietnams

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Freitag, 6. August 2010

Abenteuer im Schwarzwald Vietnams

Geschrieben von Jens in Vietnam 2010 um 16:45
Da Lat in den Bergen
Eigentlich müsste man Geld für eine zwölfstündige Nachtbusfahrt bekommen. Übereinander gestapelte Liegen, 40 cm breit, nicht ganz waagerecht zu stellen, aber immerhin so, dass man irgendwie liegen kann. Dieses Mal war ich weise und habe mir in Hoi An Ohrstöpsel gekauft. Mit diesen konnte ich immerhin ein klein wenig schlafen, und die Busfahrt war, obwohl ich von zwei englischen Backpackern eingekeilt war, die lauten Hip Hop auf ihren iPods hörten, durchaus nicht so schlimm, dass ich hinterher jammernd auf die Straße gefallen wäre. Stattdessen stiegen wir in Nha Trang in den nächsten Bus und fuhren nochmal fünf Stunden lang in die Berge nach Dalat.

Überbaute Franzosen
Überbaute Franzosen
Diese Fahrt war weit schlimmer. Nach dem Motto "Einer geht noch, einer geht noch rein" hielt das Ding ständig am Straßenrand, Passagiere wurden raus und rein gequetscht. Und als wir dachten, dass es unmöglich wäre, jetzt nochmal jemanden einzuladen, wurde ein Vietnamese freundlich dazu gedrängt, für ne Weile im Kofferraum mitzufahren. Das Buslein schlängelte sich in Jogging-Geschwindigkeit die löchrigen Serpentinen hinauf, keuchend und knarrend. Ab und zu drückte der Fahrer auf die Tube, schnitt die Kurven, und zweimal baute er einen Beinahe-Unfall. Sein Rückspiegel streifte einen uns entgegen bretternden Lastwagen. Der Fahrer sagte "Oh", drückte den Spiegel zurecht und fuhr weiter.

Crazy House
Crazy House
Jedenfalls sind wir nach 17 Stunden Fahrt heil angekommen, hier in Dalat, im Hochland Vietnams auf über 1400 Metern. Die Franzosen haben während der Besetzung hier oben ihre Villen gebaut, um der Schwüle des Tieflandes zu entfliehen. Mit 20-25 Grad ist es frisch und angenehm. So frisch, dass einige Vietnamesinnen sich hier nicht nur wie Eskimos kleiden, sondern dazu auch noch Handschuhe und Wollmützen tragen. Dank des anderen Klimas gedeihen hier oben auch Gurken, Kartoffeln und die Erdbeeren, für die die Region bekannt ist.
Zimmer im Crazy House
Zimmer im Crazy House
Das bedeutet, dass man hier auch anderes Essen in den Restaurants bekommt, die generell sehr günstig sind. Wir haben nun bereits zwei Mal in einem tollen, gemütlichen, schön eingerichteten Restaurant gegessen. Wir hatten jeweils Salat oder Suppe, Hauptgericht, zwei bis drei Getränke, und haben zu zweit 10 Euro bezahlt. Auch außergewöhnlich: Das ist vermutlich der einzige Ort in Vietnam, wo die Säfte auch ohne Eis angepriesen werden.

Crazy House - Architektonische Spinnerei einer Vietnamesin
Crazy House - Architektonische Spinnerei einer Vietnamesin
Der Reiseführer sprach von einer "beautiful city in the mountains". Die haben wir hier nicht gefunden. Das hier sieht aus wie der Schwarzwald, auf den eine vietnamesische Stadt mit all ihren schicken und hässlichen Streifenhäuschen, Reklametafeln und Rollerfahrern herunter geprasselt ist. Damit das Stadtbild nicht ganz zerfleddert wird, gibt es hier einen See, der jedoch zur Zeit aufgrund des Baus einer Brücke trocken gelegt ist. Die kitsch-romantischen Schwanen-Boote, mit denen sich verliebte Pärchen umher treiben lassen können, stehen wie ausgemustert auf dem braunen Grund. Die alten französischen Villen werden erhalten, aber nicht gepflegt. Mit ihren Ziegeldächern, langen Schornsteinen und gelbbraunen Fassaden wirken sie wie kleine Hexenhäuschen, eingekeilt und erdrückt vom Beton und Chaos des modernen Vietnam.

Im "Dreams Hotel", in dem wir untergebracht sind, haben wir leider kein Fenster, aber die Inhaber sind sehr freundlich, die Dusche ist toll, es gibt sogar einen kleinen Spa-Bereich mit Sauna und Whirlpool, und das Frühstück ist genial. Das waren uns die 5 Dollar Aufpreis zu einem anderen Hotel wert. Und wegen der Stadt, die vielleicht "beautiful" ist nach vietnamesischen Standards, waren wir ohnehin nicht her gekommen.

Nicht so schöne Ecke
Nicht so schöne Ecke


Stadtbild mit "Eiffelturm"
Stadtbild mit "Eiffelturm"


Pferdekarren? Ohne Moped vornedran?!
Pferdekarren? Ohne Moped vornedran?!



Kaffeefarm
Kaffeefarm
Nach dem Relaxen im gemütlichen Hoi An wollten wir raus aufs Land. Bei "Groovy Gecko Adventure Tours" haben wir vorgestern eine Trekking-Tour durch das hügelige Umland gebucht. Wir waren zu zweit mit unserem Führer, ein junger witziger Kerl namens Huan. 20 Kilometer Wandern durch die Kiefernwälder, zweimal auf schwingenden Brücken über den braunen Fluss. Die Planken waren teils 30 bis 50 cm voneinander entfernt, und dennoch fahren die hiesigen Farmer mit ihren Rollern darüber. Fast alle Wege, die durch den Wald führen, haben in der Mitte eine 20 cm breite Betonspur für die Mopeds.

Trekkingtour
Trekkingtour
Wir liefen durch Kaffeeplantagen hindurch, sahen zu, wie die frühen Bohnen in der Sonne getrocknet wurden, und hatten viel Spaß mit Huan. Er erzählte uns viel über die Umgebung, die Pflanzen und auch über seine Vergangenheit. "Zweimal die Woche" würde er mit seinen Freunden trinken und arbeiten. Einmal von Montag bis Freitag, und das zweite Mal am Wochenende. Außerdem sei er sehr gut in "Running Kung Fu": So schnell wie möglich wegzulaufen, wenn ein Kampf droht. Und das hatte einen durchaus ernsten Hintergrund. Er war in einer ländlichen Gegend Zentralvietnams aufgewachsen. Während seiner Schulzeit kämpften verschiedene Jugendgangs gegeneinander, oft auch mit Messern. Nun ist er ganz froh, dass diese Zeit vorbei ist. Er arbeitet viel, um bald sein Tourismus-Studium fortsetzen zu können.

Die Brücke war nicht TÜV-geprüft
Die Brücke war nicht TÜV-geprüft


Kaffee Arabica ganz nah
Kaffee Arabica ganz nah


Keine Drogen. Wirklich nicht!
Keine Drogen. Wirklich nicht!
Es war wirklich genial, mit ihm zu wandern. Wir haben zweimal ein Wettrennen den Berg hinauf gemacht, von denen ich immerhin eines gewann. Und er wollte unbedingt mit mir Armdrücken. Mehrere gefühlte Minuten lang saßen wir da, drückten, und nichts bewegte sich. Er war stark. Wenn ich nicht seit einem Jahr Krafttraining machen würde, hätte er mich innerhalb von zehn Sekunden bezwungen. Doch so wartete ich ab, bis er müde wurde, drückte zu und hatte ihn besiegt. Er war total fertig und lag jammernd und lachend auf dem Boden. Cooler Kerl.

Schwankende Brücke
Schwankende Brücke


...
...


Auch Corinna hatte ihren Spaß. Sie warf mit Stöcken nach ihm und drohte ihm Schläge an, weil er ihr gesagt hatte, sie bräuchte nun keinen Gehstock mehr, als es wieder einmal ziemlich steil den Wald hinab ging. Wir wären ja gerne noch mit ihm was trinken gegangen, aber ich fürchte, er hatte Angst vor starken Frauen :-).

Huans flexible Finger
Huans flexible Finger
Beim Picknick auf dem höchsten Punkt der Tour mit einem schönen Blick hinab ins Tal erzählte er uns einige interessante Dinge über das Leben in einem kommunistischen Staat. So gebe es zwar viele Gesetze für alles mögliche, doch in den ländlichen Gebieten habe die Polizei keine Chance, diese durchzusetzen. Viel kriegt man als Tourist ja nicht mit vom Kommunismus. Mir sind nur die verwaschenen roten Schilder aufgefallen, die in jedem Dorf am Straßenrand hängen, meist zusammen mit dem Konterfei von Ho Chi Minh und einem Spruch, den er gesagt haben soll. Oder mit braven, gut gekleideten Frauen inklusive glücklichen Kindern, die neben einem stolzen Soldaten stehen und erfreut mit erhobenem Haupt in die große Zukunft Vietnams hinein blicken.
Blick vom Picknickplatz
Blick vom Picknickplatz

Außerdem werden die Leute morgens um Fünf in jedem Ort von der "Stimme Vietnams" geweckt. Parolen und patriotische Musik, die über Lautsprecher durch die Gassen schallt, kurz bevor das Getümmel in den Straßen losgeht. Interessant fand ich, dass jede Familie nur zwei Kinder haben darf. Es sei denn, das zweite ist ein Mädchen. Dann darf man noch ein Mädchen bekommen. Wie so oft in Asien wurden früher die Jungen als Familienoberhaupt bevorzugt und Mädchen abgetrieben. Und nun versucht der Staat, durch diese Regel wieder mehr Frauen zu bekommen.

Im Dorf bei einem der 50 Völker Vietnams
Im Dorf bei einem der 50 Völker Vietnams


Frauen-Power
Armer Huan


Da wir nach der Tour nicht müde waren, buchten wir sofort eine andere für den gestrigen Tag: Canyoning! Wir beide hatten das noch nie gemacht, doch die Bilder versprachen einen tollen, erlebnisreichen Tag.

Abseilen an der Steilwand
Abseilen an der Steilwand


Beim Planschen am Wasserfall
Beim Planschen am Wasserfall


Netter Wasserfall
Netter Wasserfall
Und das war es auch. Mit Schwimmwesten und Helmen ausgestattet hangelten wir uns einen halben Tag lang an glitschigen Pfaden den Fluss entlang, wateten hindurch, schwammen und tauchten. Wir seilten uns an 15 und 18 Meter hohen Felswänden ab und sprangen bei einem Wasserfall zunächst aus 4 Metern Höhe in den Fluss. Die Tour steigerte sich immer mehr, wurde an jedem Punkt ein Stückchen besser. Der absolute Höhepunkt war das Abseilen mitten in einem 20 Meter hohen Wasserfall. Der Fels war glitschig, das Wasser prasselte auf uns hinab. Die letzten paar Meter ließen wir uns rückwärts in den Fluss hinein fallen. Ein geiles Gefühl!

Nase zu und durch: Watersliding
Nase zu und durch: Watersliding
Zwischendurch machten wir zwei Mal "Watersliding": Sich hinlegen und vorwärts oder rückwärts einen kleinen Wasserfall hinunter flutschen. Sehr lustig. Das meiste Adrenalin brauchten wir jedoch beim Sprung von einer 11 Meter hohen Felswand. Wir hätten auch aus 7 Metern springen können, aber wie das nun mal so ist, wenn man mit Jungs unterwegs ist (außer uns waren noch zwei Franzosen in der Gruppe), packt man seine Ängste in einen kleinen Sack, verschließt ihn mit einem dicken Knoten, nimmt Anlauf, springt, fliegt, spürt wie das Angstsäckchen sich langsam öffnet und sein kribbelnder Inhalt sich im Magen ausbreitet, und dann landet man auch schon im Fluss, taucht unter, schluckt Wasser, erreicht die Oberfläche, ringt nach Luft, schaut hinauf, kann es nicht glauben, und man ist glücklich. Absolut verrückt.

Corinna im Wasserfall
Corinna im Wasserfall


Ich im Wasserfall
Ich im Wasserfall


Ein Franzose im Wasserfall
Ein Franzose im Wasserfall


Corinnas mutiger 11m-Todessprung
Corinnas mutiger 11m-Todessprung
Leider ist Corinna etwas vorwärts geneigt auf dem Wasser aufgekommen und hat sich eine Prellung im Brustbereich zugezogen. Sie bekam zunächst keine Luft mehr, aber da sie immer mehr und mehr möchte und niemals aufgibt, hatte sie sogar den Gedanken im Kopf, noch einmal zu springen. Als die Tour nach einem letzten Abseilen in einem rauschenden Fall namens "Waschmaschine" zuende war, wollte sie bereits die nächste Tour für den heutigen Tag buchen: Mountainbiken. Da es mir aber auch nicht so gut ging, da ich mir eine leichte Erkältung eingefangen hatte, verschoben wir die Entscheidung lieber auf den heutigen Tag.

Cori in der "Waschmaschine"
Cori in der "Waschmaschine"
Heute geht es uns relativ gut. Ich bin dank ein paar Pillen Grippostad wieder fit. Corinnas Brust und Rücken schmerzten zwar noch ein wenig, aber dennoch setzte sie alle Hebel in Bewegung, damit wir mittags noch eine Mountainbiking-Tour machen konnten. Denn wenn Corinna eines auf den Tod nicht leiden kann, dann ist es rumzusitzen und nichts zu tun zu haben. Diese Frau ist nicht tot zu kriegen. Obwohl ich äußerst gut mithalte, traute ich mich heute Morgen ja kaum zu erwähnen, dass ich etwas Muskelkater in den Oberschenkeln habe (Antwort war: "Ey, warum haste denn Muskelkater, wir haben doch noch gar nichts gemacht!"). Da wir unsere Pläne jedoch ändern mussten und nun den Dschungel-Nationalpark auslassen (der in dieser Saison nicht so spektakulär sein soll), werden wir vermutlich noch ein paar recht lockere Tage in Saigon und dem Mekong-Delta verbringen.

Mountainbiken
Mountainbiken
Da die Touren normalerweise morgens starten, sahen die zwei Guides für unsere Radtour nicht gerade begeistert aus. Noch schlimmer: Sie waren nicht im geringsten motiviert. Wir waren allein mit den beiden, und drei von den vier Mountainbikes hatten irgendwelche Probleme. Beim einen war die Schaltung kaputt, beim nächsten hing das Pedal schief und der Sattel saß nicht fest. Aufgrund irgendwelcher Kommunikationsprobleme (die beiden konnten sehr schlecht Englisch) fuhren wir viel zu lange durch die Stadt und auf irgendwelchen Baustellen herum. Erst als Corinna sich beschwerte (gut gemacht, Corinna!), fuhren wir aufs Land hinaus. Aber auch dort war es nicht wirklich schön und die matschigen Wege waren vom vielen Regen sehr zerklüftet und hatten riesige Gräben. Jedenfalls war ich ganz froh, dass auch Corinna ein bisschen an ihre Grenzen kam. So konnte ich den starken Mann markieren und mit letzten Kräften den Berg hinauf strampeln, bei dem unsere Guides und Corinna absteigen mussten. Überhaupt waren die beiden Kerle alles andere als fit. Oft genug mussten wir das Tempo angeben, weil wir nicht mit 3 km/h durch die Landschaft duseln wollten.

Die letzte Tour war nicht der Bringer, aber die anderen beiden waren absolut genial. Wir ziehen aus diesen Tagen alles raus, was nur so geht. Nun haben wir sogar das "Valley of Love" gesehen, ein künstlich angelegter See mit Schwanenbooten, lustigen Buschhütten, kleinen Blumengärtchen und Statuen von nackten Frauen. Ein toller Ort für vietnamesische Pärchen, die Lust auf ein bisschen Kitsch haben. Trekking, Canyoning und Mountainbiken können wir zwar auch (und vermutlich noch viel besser) im Schwarzwald oder in der Schweiz machen, aber dennoch ist es saugeil und macht eine Menge Spaß. Außerdem würden wir in Deutschland für eine Tour in einer kleinen Gruppe wie dieser vermutlich weit mehr als die 20-28 Dollar bezahlen, die es hier gekostet hat.

Kommentar (1)
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Wow, da habt Ihr aber ein paar Adrenalingeladene Tage hinter euch...
#1 Oliver am 09.08.2010 08:34 (Antwort)

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