Die verwaschenen Bilder der nächtlichen Busfahrt irren noch immer in meinem Kopf umher. Die müden Gesichter der Vietnamesen. Der kleine Kerl neben mir, der kein Problem damit hatte, morgens um Fünf laute vietnamesische Schunkelsongs auf seinem Handy abzuspielen. Und der Unfall, an dem wir vorbei gefahren sind. Ein Toyota-Geländewagen stand verbeult auf der Straße, alle Airbags aufgeblasen. Drum herum dutzende Männer und Kinder, die völlig ungläubig die Szenerie anstarrten. Ein Unfall! Wie kann denn das passieren! So rücksichtsvoll wie wir hier fahren!
Und ich denke an den Gang über den Markt in Ninh Binh, wo ich mich dafür verteufelt habe, die Kamera nicht dabei gehabt zu haben, weil der Akku leer war. So konnte ich nicht die abgeschnittenen und vorgegarten Hundeköpfe fotografieren, deren Augen und fletschenden Zähne Richtung Kunde zeigten. Ich fand das erstaunlich, denn ich hatte nicht erwartet, dass die Vietnamesen Hunde essen. Und tatsächlich: Heute wurden wir darüber aufgeklärt, dass es in Vietnam über 50 verschiedene Volksgruppen gibt, darunter chinesisch-stämmige, die eben auch Hunde essen. Das wiederum passt den Vietnamesen nicht. Sie sagen: "Die Chinesen haben keine Kultur, die essen Hunde!"
Die letzten zwei Tage haben wir Paläste und Grabstätten der Nguyen-Herrscher besichtigt. Hue war die Kaiserstadt und zugleich Hauptstadt von Südvietnam. Aufgrund der diversen Kriege waren keine Gebäude älter als 150 Jahre, und doch sahen sie aus, als würden sie dort schon Ewigkeiten stehen. Die Altstadt von Hue, die an der Nordseite des Parfümflusses liegt, wird von einer meterdicken, zehn Kilometer langen Festungsmauer umschlossen, in die es nur zehn Eingänge gibt, gerade so breit, dass ein Auto hindurch passt. Innerhalb dieses Bereichs, der "Zitadelle" genannt wird und der im amerikanischen Krieg von den Vietcong für mehrere Tage besetzt war, steht die "kaiserliche Stadt", wiederum umschlossen von dicken Mauern.
Innerhalb dieser Stadt in der Stadt residierte der König und relaxte in den groß angelegten Gärten im nördlichen Bereich. Viel ist nicht von den Gebäuden übrig geblieben. Die Zitadelle wurde von den Amerikanern 1968 während der Tet-Offensive mehrfach bombardiert, nachdem die Vietcongs begonnen hatten, die "unkooperativen Elemente" (Reiche, Intellektuelle, Mönche, Priester) auf brutalste Weise zu töten. Über 10.000 Menschen starben in Hue, darunter nur 600 Soldaten, der Rest Zivilisten.
Wir haben uns für einen lächerlichen Dollar Fahrräder gemietet (Corinna regt sich immer drüber auf, dass ein Kilo Wäsche waschen mehr kostet als ein Fahrrad für einen Tag) und sind mit diesen aus der Stadt hinaus gefahren, hin zu anderen Pagodas, Palästen und Gräbern. Das schönste und beeindruckendste war die Grabstätte von Tu Duc, die 1867 fertig gestellt wurde. Der gerade mal 1,53m kleine Tu Duc, der dort lebte und sich begraben ließ, führte ein ausschweifendes Leben. Er hatte 104 Frauen und unzählige Konkubinen, aber keine Nachkommen. Man vermutet, dass er durch eine Pockeninfektion impotent geworden war.
Die Gräber selbst, umschlossen von mehreren Mauerringen, sind nur eine Ablenkung. Um Grabräubern keine Chance zu geben, wurde Tu Duc zusammen mit unzähligen Reichtümern an einem unbekannten Ort begraben. Die 200 Diener, die das Grab aushoben und somit den Ort kannten, wurden kurzerhand geköpft. Harte Zeiten!
Nachdem wir etwa zehn Mal nach dem Weg gefragt hatten, fanden wir auch endlich "Ho Quyen", eine nur 40 Meter durchmessende Arena, in der die damaligen Herrscher Elefanten gegen Tiger antreten ließen. Da den armen Kätzchen die Krallen und Zähne gestutzt wurden, triumphierten die Dickhäuter, die ein Symbol könglicher Macht waren, bei jedem einzelnen Kampf.
Kaum waren wir da, kamen drei kleine Kinder herbei gerannt, die uns Armreifen und anderes kitschiges Zeug verkaufen wollten. Wir haben nichts gekauft, aber die Kleinen, vor allem das Mädchen, waren verdammt süß. Sie war total fasziniert von den Bildern auf unserer Kamera und wollte ganz viele Bilder von uns machen.
Abends sind wir mit zwei Schweizern, die wir in Ninh Binh kennen gelernt hatten, Essen gegangen. Sie schlugen ein Restaurant vor, das etwas außerhalb unserer normalen Preisklasse lag. Aber da selbst diese mit 10 Dollar pro Person noch deutlich im Rahmen lag, ließen wir uns dazu überreden. Leider hatte ich immer noch Magenkrämpfe, und so konnte ich das achtgängige Mahl nicht wirklich genießen. Jeder Gang wurde auf eine besondere Art serviert, dekoriert mit aus Karotten geschnitzten Figuren und aus Tomatenschalen gedrehten Rosen.
Mir hat es gut getan, mich mal wieder ausgiebigst in Alemannisch unterhalten zu können. Für die Berner (der eine kam aus dem Emmental) war das zwar ein seltsames "Baseldütsch", aber wir haben uns gut verstanden. Sogar Corinna hat fast alles perfekt verstanden, was mich durchaus überrascht hat. Wir tranken noch einen vietnamesischen Vodka in der DMZ Bar, sahen ein paar rotnasigen Iren beim Billiardspielen zu, und gingen kurz nach Zwölf zurück zum Hotel. Das hatte natürlich wieder geschlossen, und der Hotelier sah nicht sonderlich begeistert aus, dass er uns aufschließen musste.
Die scheiß Magenkrämpfe hatten mir den ganzen Abend verdorben. Seit drei Tagen kamen und gingen diese, und ich dachte, das müsste doch endlich wieder besser werden. Doch als ich an diesem Abend Blut in der Toilette sah, war mir klar, dass es so einfach dann doch nicht funktionieren konnte...
ICH WAR NOCH NIEMALS KRANK IM URLAUB!
Nur um das mal festzuhalten. Wir sind heute Morgen weiter nach Süden gefahren, in eine kleine Stadt namens Hoi An. Hier haben wir in ein Hotel eingecheckt, das eine Australierin uns am ersten Tag wärmstens empfohlen hatte. Damals winkte ich noch ab und sagte: "25 Dollar! Nein danke, wir reisen auf Budget." Doch heute fand ich, dass mir etwas Ruhe und ein klein wenig Luxus ganz gut tun würde. Hier haben wir ein großes Zimmer, ein marmorgefliestes Bad, einen kleinen Swimmingpool im Garten, es gibt Frühstück im Hotel und kostenlose Fahrräder.
Die netten Damen an der Rezeption haben mir einen Doktor gerufen. Der war bereits nach 15 Minuten da und diagnostizierte eine "Dysenterie" - früher bekannt als "Ruhr". Das ist so was ganz ekliges, wo sich irgendwelche Bakterien im Darm einbuddeln, dort ne wilde Party feiern und dabei Entzündungen verursachen. Er hat mich auf einen Diätplan gesetzt ("keine Früchte, keine Säfte, kein Gemüse, keine Marmelade, kein Alkohol, kein Kaffee" - yikes!) und mir Tabletten gegeben, die die Bakterien töten und die Zysten in meinem Bauch entfernen sollen. Sehr genial. Laut Lonely Planet ist die Krankheit "sehr selten in Reisenden". Und ich, der ich sonst nie was kriege, fange mir genau das ein.
Aber gut. Besser als Dengue und Malaria. Hab eine läppische Million für die Behandlung gezahlt. Aber die 40 Euro krieg ich ja vielleicht von meiner Versicherung zurück. Nun schau ich, dass ich schnell gesund werde, sodass wir die nächsten Tage wirklich genießen können. Die Magenkrämpfe sind schon fast verschwunden, von daher bin ich absolut optimistisch