Von der Insel aus sind wir ein paar Stunden nach Süden gefahren, in eine Kleinstadt namens Ninh Binh. Als wir aus dem Bus stiegen, ließ ich mich von einem Mann bequatschen, der sein Hotel als "peaceful and cheap" ankündigte.
Nun ja. Es gibt eine einzige laute Straße, die diesen kleinen Ort durchquert. Ein vierspuriger Highway, auf dem die schwersten Laster fahren. Das Hotel lag direkt an dieser Straße. Da wir keine Lust hatten, weiter zu suchen, blieben wir jedoch dort. Nachts ab 1 Uhr oder so war es relativ ruhig. Doch da bei den Vietnamesen der Tag um 5 Uhr beginnt und um 22 Uhr endet, wurde gleich morgens wieder ein wildes Hupkonzert veranstaltet. Man kann das gar nicht anders bezeichnen. Ein Laster fährt die Straße lang und drückt zehn Mal hintereinander auf seine dröhnende Hupe. Kann natürlich auch sein, dass das Regierungsbeamte sind, die ihre kommunistischen Landbewohner zur Arbeit aufwecken. Wer weiß das schon.
Abseits der Straße war es endlich ruhig. In Ninh Binh wird man als Tourist nicht wie in den bekannteren Städten von allen Seiten bedrängt, sondern höchstens mal interessiert angeschaut. Wir bummelten über den Markt und aßen in einem vom Lonely Planet empfohlenen Restaurant. Dort hatte die Gastfreundschaft jedoch gerade Urlaub. Alle Mitglieder der Familie saßen müde in der Gegend herum, starrten an die kahlen Wände, und selbst auf unser Winken und Rufen wurde erst nach Minuten reagiert. Noch dazu war das Essen nicht gut, und später (vermutlich davon) bekam ich Magenkrämpfe, die bis heute nicht ganz verschwunden sind.
Gestern liehen wir uns ein paar klapprige Oma-Fahrräder und fuhren aus der Stadt hinaus. Wir hatten einen der wenigen Tage erwischt, an denen es fast den ganzen Tag hindurch regnete. Erst um Zwölf verließen wir das Hotel. Kaum waren wir vom Highway runter, wurde es ruhiger. Seelenruhig. Und das krasse war: Wenn ein Auto oder ein Roller von hinten kam, wurde nicht mal gehupt. Gut, die Straße war zehn Meter breit und es war keinerlei Verkehr. Vermutlich eine alte wichtige Nachschubstraße aus Kriegszeiten.
Wir fuhren weiter zu den Trang An-Grotten, eine neuere Attraktion, bei der man noch nicht so von Verkäuferinnen bedrängt wird wie im Nationalpark. Wir stiegen zu zweit in ein Boot und ließen uns von der Ruderin zweieinhalb Stunden über den wahnsinnig ruhigen Fluss und durch rund zehn Grotten hindurch schippern. Die Decken der Grotten waren teils so niedrig, dass wir uns ducken mussten. Faszinierend war, wie die Ruderer die Boote geschickt so lenkten, dass die Köpfe der Touristen heil blieben.
Bei dieser Fahrt hat es in Strömen geregnet. Wir saßen in unseren Regenponchos auf dem Boot und ruderten kräftig mit. Fotografieren war kaum möglich, und die anderen Bilder sind aufgrund des Wetters nicht gut geworden. Doch trotz allem war das mit das beste, was wir hier in Vietnam gemacht haben. Die Karstfelsen, unter denen die Grotten hindurch gingen. Das Schilfgras am Ufer. Die vernebelten Berge. Die unterschiedlichen Farben des Wassers. Ruhig. Wunderschön. Beeindruckend.
Auf der Rückfahrt fuhr Corinna in einen kleinen Weg hinein, der uns durch kleine Dörfchen führte. Hier sahen wir zum ersten Mal das "echte" Landleben. Die Streifenhäuschen (vorne hui, Seite pfui) gab es auch hier. Alle Kinder winkten uns zu, riefen "Hello". Es war ziemlich witzig. Und die Landschaft dort draußen toppte alles, was wir bisher gesehen hatten.
Natürlich war Corinna auch hier neugierig, und so ging sie in diesem Dörfchen in ein Restaurant hinein, in dem gerade rund 20 Jugendliche gemeinsam aßen. Alle waren total von den Socken, dass wir tatsächlich dort essen wollten. Wir bestellten uns etwas, was die anderen auf dem Tisch hatten und wurden ein paar Mal fotografiert. Ich schätze, vor uns haben sich dort nicht viele Touristen hin verirrt.
Da wir nicht abwarten wollten, wie das Wetter am nächsten Tag sein würde, ließ ich mich zu etwas überreden, was ich auf eigene Faust nie getan hätte: Mit dem Nachtbus weiter in den Süden zu fahren. Für den typischen Backpacker, der überall pennen kann, ist sowas ja kein Problem. Aber ich, der ich da eben wahnsinnig empfindlich bin, ist das die Hölle. Doch da die Distanzen hier in Vietnam groß sind und Zwischenstopps ebenfalls anstrengend, ließ ich mich widerwillig auf die Tortur ein.
Es war schrecklich. Die schlimmste Erfahrung in meinem Urlaub. Fast zwölf Stunden saßen wir in diesem scheiß Bus, von 21:30 Uhr bis 9:00 Uhr. Ganz vorne im Bus hing ein Fernseher, auf dem die doofsten Kung Fu-Filme liefen, die man sich vorstellen kann. Vermutlich Hongkong-Produktionen. Das wär mir ja egal gewesen, aber die Vietnamesen synchronisieren diese Filme auf eine sehr... nun ja, "simple" Art und Weise. Es gab nur einen Sprecher und eine Sprecherin für alle Charaktere. Noch dazu wurden alle "Ah" "Uff" "Batsch" "Klatsch" "Iiiks" "Yei" und so weiter - Kung fu - Laute ebenfalls so synchronisiert. Ich habe noch nie etwas nervigeres gehört als das. Nicht dass ich überhaupt hätte schlafen können, aber zumindest hätte ich gerne etwas gedöst.
Nicht mal einen ordentlichen Toilettenhalt gab es in der Nacht. Einmal um 2 Uhr morgens hielt der Bus mitten auf der Straße an. Die vietnamesischen Männer stiegen aus und stellten sich total verstreut zum Pinkeln auf die Straße. Ich war froh, dass meine Magenkrämpfe nicht schlimmer wurden, doch es war dennoch eine Qual. Morgens um 6 Uhr gab es nochmal eine Pinkelpause. In einer Art Restaurant, wo das Damenklo aus einem kahlen Raum mit Abflussloch an der hinteren Wand bestand. Und wo es diese hübschen Bodentoiletten gab - eines der Dinge, die ich in Asien niemals vermissen werde.
Ich weiß nicht, wie ich das überstanden habe. Ich war verspannt und hatte Kopfschmerzen, ich war müde und konnte dennoch nicht gut schlafen, als wir endlich im Hotel waren. Doch mittlerweile, jetzt nach einem Tag, scheint alles wieder gut. Wir sind in Hué gelandet, eine Stadt in Zentralvietnam. Weil wir im fünfsten Stock sind und WLAN nicht bis ganz oben reichte, hat der Hotelier heute im strömen Regen draußen auf dem Dach herum gekraxelt und hat ein Netzwerkkabel zu mir ins Zimmer gelegt, an das ich den Access Point anstöpseln konnte. Sehr schön. Guter Mann!