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Mittwoch, 21. Juli 2010

Mein Vietnam

Geschrieben von Jens in Vietnam 2010 um 23:50
Das ist mein Vietnam
Das ist mein Vietnam
In Hanoi muss es ein florierendes Geschäft mit Hupentönen geben. Ich habe bestimmt einhundert verschiedene Hupen gehört. Vom simplen Tuuut bis zum melodiösen Wudi-wadi-woop war alles dabei. Auch nachts um Drei. Vor dem Fenster des Hotels. In der Gasse, wo man sich fragt, was die da nachts um Drei eigentlich treiben. Und dabei auch noch hupen!

Ab auf die Boote
Ab auf die Boote
Ich konnte nicht schlafen letzte Nacht. Ich hatte Kopfschmerzen, ich habe geschwitzt, und ich habe nur die Geräusche von der Straße gehört. Die ganze Zeit. Ich Ruhe-gewohntes Landei bin das nicht gewohnt. Bei mir höre ich höchstens mal Lancelot eine andere Katze anfauchen. Städte sind wahrlich nichts für mich. Nachdem uns heute einer erzählt hatte, dass Hanoi im Vergleich zu Ho Chi Minh-Stadt (Saigon) "gemütlich" sei, war uns klar, dass wir dafür keine Zeit einplanen müssen.

Klar ersichtlich, wer hier arbeitet
Klar ersichtlich, wer hier arbeitet
Vietnam ist für mich in meiner Vorstellung etwas ganz anderes. Ich wollte die Natur sehen. Ich wollte raus aufs Land. Heute in der Stadt habe ich eine 600 Meter lange Hupen-Verboten-Zone gesehen (selbstverständlich hat sich keiner dran gehalten, man könnte auch alle Schilder wegwerfen, es würde nichts ändern). Aber da, wo wir heute waren, hupte keiner. Denn das heute war "mein" Vietnam. So wie ich es mir ausgemalt und gewünscht hatte. Aber selbst das verlief nicht ohne Komplikationen.

Außenposten?
Außenposten?
Wir hatten eine Tour gebucht. Ich mache sowas nicht gerne, weil man sich bei Touren an einen fixen Plan halten muss. Man ist dazu verdammt, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein. Und dass dies problematisch ist, zeigte sich heute Morgen. Ich war ENDLICH eingeschlafen, irgendwann um Vier, und als ich wieder aufwachte und auf mein Handy sah, war es Zehn vor Acht. Um Acht sollte uns der Fahrer abholen.

Endlich raus aus der stinkenden Stadt
Endlich raus aus der stinkenden Stadt
Was dann geschah, war: PANIK! Nicht dass ich große Angst gehabt hätte, es selbst nicht in zehn Minuten vom Bett in die Hotellobby zu schaffen (man ist als Backpacker ja eh nicht so auf peinlichste Körperhygiene fixiert), nein: Ich hatte da ja noch eine Frau auf dem Zimmer. Auch wenn meine Erfahrungen in der Hinsicht begrenzt sind, schwirrte doch ein Gedanke in meinem Kopf herum: Können Frauen es schaffen, innerhalb von zehn Minuten aus dem Schlafmodus in den "Ich bin fertig"-Zustand zu wechseln?

Wie so vieles in diesen Tagen war auch das faszinierend. Corinna hat nicht mal mit der Wimper gezuckt, als ich sie weckte. "Okay, beeilen wir uns halt", meinte sie lapidar, verschwand kurz im Bad und war nach fünf Minuten bereit zum Abflug.

HALLO? Da werden Weltbilder auf den Kopf gestellt!

Talentierte Ruderin
Talentierte Ruderin
Jedenfalls sind die Leute hier pünktlich. Punkt 8 klingelte das Zimmertelefon. Unser Minibus kurvte eine Stunde lang im Viertel herum, drückte sich wie jeder Fahrer auf halsbrecherische Art durch die Massen, benutzte etwa zwei Mal pro Minute seine lustige Wudi-Wudi-Woo-Hupe, und dann fuhren wir nochmal zwei Stunden, bis wir endlich da waren.

Untalentierte Ruderin :-)
Untalentierte Ruderin :-)
Außerhalb von Hanoi besteht das Umland quasi nur aus Reis. Reisfeld an Reisfeld. Auf den Feldern vereinzelte Frauen mit ihren hellen, konischen Hüten. Und Friedhöfe! Die Reisbauern werden im Reis geboren, leben mit und von dem Reis, und schließlich werden sie im Reis begraben.

Die Häuser sind eine Kuriosität. In der Stadt sind viele gebaut wie Türmchen, exakt gleich breit, etwa vier Meter, meistens drei Stockwerke hoch, und ziemlich tief. Streifenhäuschen. Eins ans andere gebaut. Ursache dafür ist die Steuerberechnung. Je schmaler die Hausfront, desto weniger Steuern. Diese Häuschen sind teils äußerst kreativ gestaltet. Jedes ist ein wenig anders.
Spiegelfluss
Spiegelfluss
In der Großstadt ist das ja alles noch verständlich, doch das seltsame ist: Diese Häuschen stehen auch in den Dörfern. Irgendwo mitten drin. Sie wirken wie abgeschnittene Betonblöcke, mausegrau auf der Seite, an der das nächste Streifenhäuschen theoretisch irgendwann dran kommen könnte. Ich werde das noch mit entsprechenden Bildern dokumentieren (aus dem Bus zu fotografieren funktioniert nicht), aber wer weiß: Vielleicht gibt es hier eine kommunistische Landordnung, die ein zu besiedelndes Landstück in eine exakt gleiche Anzahl von Streifenhaus-Parzellen aufteilt.

Ruderperspektiven
Ruderperspektiven
Doch jedenfalls... heute haben wir die "Perfume Pagoda"-Tour gemacht. Mit Ruderbooten fährt man eine Stunde lang einen Fluss entlang, vorbei an einer Szenerie, die für mich das richtige Vietnam ist. Waldbewachsene, erodierte Kalksteinberge ragen am Horizont auf. Winzige Wasserwege durchschneiden die dicht bewachsene Umgebung. Und es ist ruhig. Nur das Plätschern der Ruder im Wasser. Und das ständige vietnamesische Geschnatter zwischen unserer Ruderin und dem Ruderer des Nachbarboots. Es gibt Momente, da würde ich gerne diese Sprache verstehen.

:-)
:-)
Zum Beispiel in dem Moment, als Corinna versuchte, die Kontrolle über das Boot zu erlangen. Zunächst drehten wir nach links ab, und irgendwann fuhren wir rückwärts. Die Vietnamesen hier rudern vorwärts, d.h. die Kraft wird durch das Ausstrecken der Arme aufs Wasser übertragen. Das muss man erstmal können. Kurz bevor Corinna den Bogen raus hatte, wurde sie von der Ruderin wieder zurück auf ihren Platz verwiesen. Die anderen Boote waren schon hundert Meter weiter. Da hatte sie was aufzuholen.


Buddhistischer Tempel
Buddhistischer Tempel
Als der szenische Trip vorbei war, gabs in der Touristen-Essens-Halle was zu futtern, und irgendein Junge stellte eine Dose Cola vor meine Nase, die nicht im Preis inbegriffen war, und touristische 25000 Dong kostete (1 Euro). Diese kleinen Zusatzpreise gibt es hier überall. Das "Trinkgeld" zum Beispiel, das die Ruderin eintrieb. Wer keine 10.000 Dong gab, wurde von ihr wild auf die "Gebühr" hingewiesen. Und das Geld für die andere Frau, die angeblich den morschen Holzsteg pflegt, der den Touristen ja zu Gute käme, damit sie nicht durchs Wasser waten müssen, um auf die Boote zu kommen. Ein paar Dong hier, ein paar Dong da. Was solls. Ich frage mich manchmal schon, ob ich jetzt wirklich 50 Cent statt 20 Cent für irgend etwas bezahlen soll. Schlimm!

Buddhistischer Tempel
Buddhistischer Tempel
Nach dem Essen sahen wir uns einen Tempel an und machten uns dann an den Aufstieg zur "Perfume Pagoda". Ein alter buddhistischer Tempel in einer Höhle oben im Berg. Um da hin zu kommen, gibt es den steilen Fußweg und eine Seilbahn. Wir fanden das etwas bescheuert, wie jedermann mit der Gondel hoch zu fahren (das kann ja jeder), und so gingen wir (als einzige aus der Gruppe!) den Pfad hinauf. Der Guide meinte: "30 Minuten rauf, oben 10 Minuten gucken, 20 Minuten runter." Haha. Der Lonely Planet sagt: "Man muss unbedingt zwei Stunden für den ganzen Weg einplanen."


Ich war auch da - mit neuem Hut
Ich war auch da - mit neuem Hut
Und das führte dann zur nächsten blöden Situation des Tages. Als wir nach einem kleinen Umweg und dem Geknuddel mit zwei jungen Hündchen total nass geschwitzt oben ankamen (ein vietnamesisches Mädchen fragte mich, wo ich denn gebadet hätte), hätten wir eigentlich schon wieder den Rückweg antreten müssen. Corinna kümmerte das weit weniger als mich und sah sich den Tempel an. Der lag wirklich sehr schön, und es war faszinierend, wie die heiße Luft vor dem Eingang der Höhle zu mystischem Dunst wurde. Ich plagte sie mit "Wir müssen umkehren, sonst schaffen wirs nicht mehr rechtzeitig", und sie meinte: "Ach, wenn der uns so wenig Zeit gibt, dann hat er das zu verantworten. Wird ja wohl nicht so schlimm sein, wenn wir zehn Minuten später sind."

Hunde, überall. Lenken noch stärker ab als Schuhe und Kleider :-)
Hunde, überall. Lenken noch stärker ab als Schuhe und Kleider :-)
Nun ja. Wir haben diskutiert. Und wollten dann mit der Seilbahn hinunter fahren. Die aber nicht fuhr, weil noch irgendeine blöde Gruppe sich verspätet hatte. Wir warteten fast zwanzig Minuten darauf, bis der Seilbahnfritze seine Knöpfe drückte. Mann! Und als wir dann endlich unten waren, erlebte ich, wie ein Vietnamese auf höchst freundliche Weise angepisst sein kann. Er meinte, wenn wir uns 30 Minuten verspätet hätten, wäre er ohne uns los gefahren und wir hätten die Nacht hier bleiben müssen. Schön. Der Gruppe jedenfalls waren die 15 Minuten zum Glück egal. Sie haben uns jedenfalls nicht mit Steinen beworfen und im Fluss ertränkt.

Rückfahrt
Rückfahrt
Trotzdem war das eine etwas blöde Situation, vor allem für mich, der ich häufig sogar Alpträume habe, in denen ich ständig irgendwo unpünktlich bin. Ich werde schauen, dass wir in den nächsten Wochen organisierte Touren nur noch dort machen, wo wir anders nicht hin kämen (wie eben hier).

Und nun geh ich endlich schlafen. Corinna hat sich schon Ohrstöpsel reingetan, weil sie mein schnelles Tippen sonst vom Dösen abhält :-). Morgeh gehts raus aus dieser Stadt, in den Westen, auf eine Insel. Hoffentlich hält das Wetter. Bis jetzt hatten wir Glück. Nicht mal einen Moskito habe ich gesehen. Das ist auch so was verrücktes. Wo sind die denn alle hin?!
Kommentare (3)
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Hey Jens

Super Tagesbericht...
Wie wärs wenn du dir Ohrstöpsel zulegst für touristische 100000 Dong ;-)
Dann kannste Nachts wenigstens schlafen!
Ich hoffe für euch das das Wetter hält, nehmt soviel aus dieser Reise mit wie möglich. Bei uns jedenfalls siehts Wetter heute nicht so toll aus. Hoffentlich zieht das nicht bis nach Vietnam rüber ;-)

Gruss,
Oli
#1 Oliver am 22.07.2010 08:47 (Antwort)
Hey, wo ist eigenltich hier der Facebook "gefällt mir" Button und der Knopf zum twittern? ;-)

Und der Hut ist echt schick, schöner als den den ich mir letztens gekaufthabe.
#2 Nico am 22.07.2010 21:54 (Antwort)
"Die Reisbauern werden im Reis geboren, leben mit und von dem Reis, und schließlich werden sie im Reis begraben."

Danke für DIE Warnung! Da bleibe ich doch auch in Zukunft beim Langkornreis von Uncle Bens! :-)

Hoffentlich muss ich jetzt beim Reis-Essen nicht immer an verottete Vietcong denken... ;>
#3 Michael Kleerbaum am 25.07.2010 11:33 (Antwort)

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