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Donnerstag, 28. Juni 2007

Abgebrannt

Geschrieben von Jens in Korea 2007 um 10:36
Samchoek
Am Dienstag stand ich früh auf, um den 8:17-Zug nach Donghae zu kriegen. Das klappte auch alles hervorragend und die koreanischen Wagen stellten sich als recht bequem und räumlich großzügig heraus. Die Beine werden da nirgends eingeklemmt, und der Gang zwischen den beiden Sitzreihen ist breiter als in den deutschen Zügen. Ähnlich ist es übrigens in den Fernbussen, und das, obwohl die Koreaner durchschnittlich immer noch ein wenig kleiner sind als die Europäer (obwohl die meisten Männer so groß sind wie ich und mich manchmal auch überragen, sind die Frauen kleiner als bei uns).

Während der dreieinhalbstündigen Zugfahrt, in der das Bähnchen durch die bergige Landschaft tuckerte (Papa hätte das bestimmt sehr genossen), sah ich auch mal "richtige" koreanische Dörfer, und muss daher mein Statement "sehen aus wie kleine Städte" zurück nehmen. Echte Dörfer bestehen aus kleinen Häusern, die in traditioneller Form mit Ziegeln gedeckt sind, es gibt keine Neonreklame, und es gibt dort (fast) nur alte Menschen.

Blick aus dem Zugfenster
Mein Ticket für 9 Euro wollte auf der Fahrt niemand sehen, nicht beim Einsteigen, nicht beim Ausstiegen, und auch nicht während der Fahrt, obwohl immer mal wieder ein Bahnmitarbeiter durch die Gänge wanderte, gefolgt vom Getränkeverkäufer mit seinem Wägelchen. Dasselbe übrigens, als ich heute mit dem Zug eine Viertelstunde lang fuhr. Wieder wollte keiner das Ticket sehen. Seltsam.

Also ich hätte da Angst...
In Donghae angekommen führte mich ein netter englisch sprechender KoRail-Mitarbeiter zur Haltestelle, wo ich den Bus nach Samchoek nahm. Dort fand ich recht schnell ein Motel, das sich erst beim näheren Hinsehen als nicht ganz so sauber herausstellte (Krümel und Haare auf dem Bettlaken), aber da ich eh nur eine Nacht dort verbringen wollte, nahm ich das hin. Beschweren ist ja immer so ne Sache, wenn man unterschiedliche Sprachen spricht.

Geniale Landschaft um Hwansoendonggul
Mit dem Bus fuhr ich dann nachmittags in die Berge zur berühmten Hwansangdonggul. Laut Koreanern die "größte Höhle Asiens", laut dem Reiseführer "eine der größten Höhlen Asiens". Nach einem schweren und steilen Anstieg, der 30-40 Minuten dauerte, und während dem ich heftig schwitzte und meine langen Hosen verfluchte und mir gleichzeitig wünschte, Funktionskleidung zu tragen wie die zahlreichen koreanischen Wanderer, erreichte ich den riesigen Eingang zur Höhle, und sofort ging die Temperatur von knapp 30 auf ca. 10-14 Grad herunter. Heftig. Nachdem mein T-Shirt trocken war und ich zusammen mit ein paar älteren Koreanern Fotos gemacht hatte, ging ich die Höhle bestaunen.

Hwansoendonggul - endlich raus aus der Hitze!
Und das war wirklich, wirklich geil. So eine riesige Höhle hatte ich noch nie gesehen. Stahltreppen führten durch den Fels, 1.6 Kilometer weit. Durchzukommen dauerte rund eine Stunde. Und da sehr wenige Besucher dort waren (das bin ich ja mittlerweile schon gewohnt), konnte ich mir alles in Ruhe ansehen und ein paar Fotos machen, die das alles natürlich nicht so eindrucksvoll wiedergeben können.
Hwanseondonggul - angeblich Asiens größte Höhle
In der Höhle liebte ich dann meine lange Hose plötzlich wieder, und nach etwa einer Stunde war ich froh, wieder in der Wärme zu sein (die ich bald wieder nicht mehr leiden konnte - ein Teufelskreis).

Hwansoendonggul
Abends gegen 19 Uhr war ich zurück in der Stadt und suchte ein Restaurant, was sich mal wieder als extrem schwierig herausstellte. Ein paar wenige waren randvoll, sodass ich mich nicht traute, einen Vierertisch allein für mich zu beanspruchen, und die anderen standen alle leer. Also ging ich einfach in eins hinein. Falsche Entscheidung. Die Inhaberin war grässlich hässlich, hygienisch sah es dort nicht unbedingt aus, und das Essen war halbwegs okay, aber keineswegs gut.

Danach ging ich direkt ins Bett - mal wieder kaputt vom vielen Gehen.

Am Strang in Joengdongjin
Am Mittwoch schlief ich lange, weil ich nicht so recht wusste, wo ich hingehen sollte. Ich entschied mich für einen bekannten Strand, der etwas weiter im Norden lag. Denn obwohl Samchoek direkt am Meer liegen sollte, sah ich dort kein Meer, was ich etwas blöde fand. Ich nahm den Bus nach Donghae und wollte dort zur Bahnstation fahren, um mit dem Zug nach Joengdongjin zu kommen. Doch ein Kommunikationsproblem mit dem Taxifahrer (ich dachte er wollte nur fragen, wo ich vom Bahnhof aus hinfahren möchte) führte dazu, dass er mich direkt dort hin brachte. Zunächst dachte ich noch, das wäre vom Preis her relativ okay (13 Euro), doch dann tippte er was am Taxameter ein und plötzlich stand da was von 26000 Won (ca. 20 Euro). Argh! Der hat sich bestimmt gefreut, der Sack.

no comment
Zunächst tigerte ich an den Strand, weil noch nicht 12 Uhr war und man in Motels üblicherweise erst nach 12 Uhr einchecken sollte. Das außergewöhnliche dort sind zwei Schiffe aufe einem Hügel. Ein riesiges Kreuzfahrtschiff und ein kleinerer Segler. Ein sehr surrealer, aber irgendwie genialer Anblick. Das große Schiff ist ein Luxushotel, und das kleine ein Grammophon-Museum.

Mein Motel in Jeongdongjin - hoffentlich kommt kein Erdbeben
Als ich wartete, sprach mich ein geistig etwas behinderter Koreaner an, mit dem ich mich eine Weile mehr oder weniger unterhielt. Der traf mich dann noch ein- oder zweimal, und als er mir einmal grinsend an die Brustwarze griff, ergriff ich die Flucht.

Im Motel wollte die Inhaberin 40000 Won haben (1 Euro sind übrigens ca. 1200 Won), was mir zuviel war, weshalb ich auf 35000 runterhandeln wollte. Gekriegt hab ich das Zimmer dann für 30000. Auch recht.

Amerikanisches Schlachtschiff im Tongil-Park
Am Mittag fuhr ich mit dem Bus zum "Unification Park". Im Reiseführer stand, dass die Busse alle 30 Minuten fahren würden, aber sie tatden das leider nur stündlich. Die meisten Koreaner waren natürlich mit dem Auto oder mit Tourbussen angereist, sodass die damit keine Probleme hatten. Bei den Nahverkehrsbussen muss man zudem im richtigen Augenblick den Halt-Knopf drücken, und wenn man nicht weiß, wo man hin möchte bzw. wie der Zielort aussieht, ist das alles andere als einfach. In meinem Fall jedoch drückte ich sofort, als ich ein großes Kriegsschiff am Strand sehen sah.

Ein echtes nordkoreanisches U-Boot
Im "Vereinigungspark" (Tongil-Park) kann man sich einen über 100 Meter langen amerikanischen Kreuzer ansehen, der 1944 gebaut wurde, in 3 Kriegen (2. WK, Koreakrieg und Golfkrieg) im Einsatz war, und irgendwann den Südkoreanern vermacht worden war. Es soll das einzige Schiff dieser Art sein, das so komplett trocken gelegt besichtigt werden kann.

Das war auch ganz interessant, aber viel interessanter (und der Grund, weshalb ich dort war) war das kleine nordkoreanische U-Boot.

Im nordkoreanischen U-Boot
Die Nordkoreaner hatten 1996 eine Spionageaktion gestartet. 26 Soldaten zwängten sich in das winzige 30 Meter lange U-Boot, und dummerweise liefen sie vor der Küste von Joengdongjin auf Grund. Der Commander verbrannte alle geheimen Dokumente, erschoss 11 Crewmitglieder, und flüchtete mit den anderen in die Berge.

Ha, noch ein Streifenhörnchen erwischt! :-)
Im Verlauf der nächsten 4 Wochen wurden alle bis auf einen Nordkoreaner vom südkoreanischen Militär aufgespürt und getötet, nur einer wurde lebend gefangen genommen. In dem Faltblatt, das man im Park bekommt, steht übrigens nicht "nordkoreanische Soldaten", sondern "rote Banditen". Und da die Südkoreaner einen weiteren Angriff dieser Art befürchten, ist die Küste von Joengdongjin bis hinauf zur Grenze mit Zäunen und teilweise Stacheldreht bewehrt. Ab und zu sieht man Panzersperren oder einen Wachturm.

Im U-Boot war nichts hinter Glas oder Plastik verborgen, alles war anfassbar. Man trug einen Helm, weil es sehr eng war, und es ist kaum zu glauben, wie 26 Leute dort hinein gepasst haben sollen. Wirklich faszinierend. Und eine ziemlich dramatische Geschichte.

Wenn man da drin bleibt, vergeht das Leben schneller
Zurück in der "Stadt" (die mehr ein Dorf war) suchte ich eine Bank und fand nach ein paar Anläufen die "AutoBank". Ich war fast total abgebrannt, weil die Taxifahrt so teuer geworden war, und brauchte dringend Kohle. Der Automat dort gab mir aber keine. Die Mädels, die dort arbeiteten, konnten kein bisschen Englisch, aber sie versuchten alles, um mir zu helfen. Als wir es dann auch noch auf der Post probiert hatten und der Automat immer nur hübsche Zettelchen mit "ERROR" ausdruckte, und der Postmitarbeiter nach etwas Recherche ebenfalls nur ein hilfloses "No" aushauchte, schickte mich die junge Frau nach Gangneung, eine größere Stadt in der Nähe. Ich solle es dort versuchen. Nun denn. Ich hatte ja noch ca. 14000 Won.

Dean Koontz vertreibt Geldsorgen
Also dachte ich an was anderes und ging an den fast leeren Strand. Das Wetter war nicht umwerfend, aber okay. Ich legte mich hin und las ein Buch. Für ein, zwei Stunden kann ich sowas tun, dann muss ich wieder irgendwas machen. Ich bezahle doch nicht so viel Geld, nur um mich irgendwo auf die faule Haut zu legen ;-). Außerdem hat sich bereits genügend Hornhaut an meinen Füßen gebildet, sodass ich die Blasenpflaster wohl nicht benötigen werde.

Abseilleine als Rettungshilfe
Abends aß ich eine Bohnensuppe (die hier sogar schmeckte) für 5000 Won. Blieben mir also noch 9000. Beim Herumreisen gibt es eigentlich nur eine Regel: Wenn man Geld hat, kann nichts passieren. Aber sobald man keins mehr hat, kommt man in eine Notlage. Und das war erst der Anfang. Denn ich war zuversichtlich, in der Stadt sofort irgendwo Geld zu kriegen.

Bye, bye, Joengdongjin!
Am nächsten Tag, ich hatte schlecht geschlafen, weil ab 4:30 Uhr irgendwo ein Hahn krähte (alle 30 Sekunden) und immer mal wieder ein lauter Zug durch fuhr, kaufte ich mir am Bahnhof einen kleinen Snack, der anderswo vielleicht 2500 Won gekostet hätte. Aber hier wollte die Dame 5000 Won haben. Blieben mir also noch 4000. Das Bahnticket schlug mit 3100 Won zu Buche, also hatte ich noch ein paar Münzen übrig. Argh!

Der damit - ich - rechts - nirgends - ran - fahre - Sicherheits - Spiegel
In Gangneung wanderte ich dann mit meinem schweren Rucksack durch die Innenstadt und war glücklich, sofort eine Bank zu finden. Doch deren Automat gab mir auch nur "ERROR"-Zettelchen. Ich versuchte eine andere Bank, die Shinhan-Bank, bei der ich auch in anderen Städten schon Geld bekommen hatte. Die freundlichen Mitarbeiterinnen dort versuchten mal wieder einiges, aber es half nichts. Ich wurde zu einer anderen Bank geschickt. Die Hana-Bank, eigentlich eine der größeren, hatte auch nur Automaten, die "Domestic"-Credit-Cards (also in Korea ausgestelle) annahmen. Eine Mitarbeiterin dort konnte ein bisschen Englisch, schwitzte aber dabei, weil es ihr total peinlich war, Englisch zwar zu können, aber solche Schwierigkeiten beim Sprechen zu haben. Zusammen mit meinen paar Brocken Koreanisch funktionierte die Kommunikation dann aber wesentlich entspannter. Sie malte mir eine Wegbeschreibung auf zu einer Bank, die einen "Global ATM" besitzen sollte.

Reiskuchen frisch vom Markt
Also ging ich dort hin, doch diese Bank war gerade im Umbau begriffen. Ich probierte es aus, aber natürlich ging wieder nichts. Langsam verzweifelte ich. Ich musste doch irgendwo in dieser Stadt mit meiner Visa-Karte Geld bekommen können! Also wieder die Mitarbeiter heiß gemacht. Der freundliche ältere Herr, der jeden neuen Gast empfängt und nach seinen Wünschen fragt, wollte mir letztlich, als alle Stricke gerissen waren, sogar 10000 Won in Bar anbieten! Ich lehnte natürlich ab, denn mein Problem löste sich dadurch ja nicht. Eine Mitarbeiterin probierte dann mit mir jeden einzelnen der 6 Automaten aus, denn einer davon sei ein "Global ATM", nur das Schild fehle noch, wie sie zu wissen glaubte. Natürlich ging keiner... Aber ein Ass hatte sie noch im Ärmel: Noch eine andere Bank. Vielleicht haben die einen Global ATM. Bitte bitte...

Nur um das Gerücht zu zerstreuen, in Korea gäbs nur schlanke Menschen
Nach nochmal einer 20 Minuten Laufen fand ich tatsächlich einen "Global ATM" im Foyer eines riesigen Gebäudes. Wahrscheinlich der einzige in der ganzen Stadt. Ich hob gleich 400.000 Won ab, damit es eine Zeitlang reichen würde. Mann, was war ich erleichtert! Aber immerhin habe ich wieder was gelernt: Auftanken immer nur in den großen Städten ab 1 Million Einwohnern. Ich dachte eigentlich, dass 200.000 ausreichend sein sollten, denn groß wirkte die Stadt schon auf mich. Doch vermutlich lohnt es sich bei der riesigen Anzahl ausländischer Touristen gar nicht, so was aufzustellen. Irgendwie verständlich :-)

Mittlerweile bin ich noch viel weiter im Norden angekommen, aber darüber schreibe ich an einem anderen Tag. Denn das Wetter ist öde, und Bergwandern macht dann keinen Spaß. Deshalb weiß ich noch nicht, was ich morgen tun werde.
Kommentare (2)
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Hach, das klingt alles echt spannend! (Gut, bei der Sache mit dem Geld hätte ich vielleicht nicht gerade tauschen wollen...;o) Kriegt man auch richtig Lust aufs Ferne-Fremde-Länder-Bereisen...

Wie ist das eigentlich: wieviel koreanisch sprichst du dort tatsächlich? Stell ich mir ziemlich schwierig vor, das Ganze wirklich auszusprechen, wenn man vorher nur mit sich selbst und dem Buch geübt hat. (Oder war das gar nicht so?)

Na dann: freu mich schon auf den nächsten Bericht!
#1 EmilYY am 28.06.2007 21:31 (Antwort)
Mann Jens,

wenn du eins wirklich gut kannst, dann ist es, spannend zu schreiben. Bei deiner Geldautomatenjagd stehen einem ja die Haare zu Berge! Super, dass du am Ende doch noch fündig geworden bist.

Und trotz alledem hast du ständig die Gelegenheit zum Fotografieren von wundervollen Hügellandschaften und koreanischen Kuriositäten. Du wirst wohl zum echten Überlebenskünstler... Ich bin mal gespannt, wie deine letzte Urlaubswoche ausgeht - hoffentlich nicht weniger reich an Eindrücken.

Übrigens, das Bild vom Streifenhörnchen ist sowas von knuddelig :-)

-- Simon
#2 Simon am 28.06.2007 21:37 (Antwort)

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