Gestern Abend kam ich in Andong an, einem 150.000-Seelen-Städtchen nördlich von Daegu. Diese Stadt ist auch tatsächlich ganz überschaubar. Außer mir gibt es noch 2 andere Wessis, ein älteres Ehepaar. Diese beiden hatte ich heute 3x an total unterschiedlichen Orten gesehen. Genau wie mich die Einheimischen immer wieder erkannten, wenn ich auf der Suche nach einem Restaurant an ihnen vorbei wanderte. Das ist das Los, wenn man fremd ist und fremd aussieht - und gelbe T-Shirts trägt.
Heute Morgen fuhr ich in das Hahoe Folk Village. Die Busfahrt in einem alten Bus dauerte rund 40 Minuten. In Hahoe leben Menschen in alten Häusern, und zwar solchen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Von der Regierung werden sie ein bisschen gesponsert, damit sie das freiwillig tun. Für Touristen eine tolle Gelegenheit, einen Eindruck davon zu bekommen, wie die Koreaner damals gelebt haben. Die einfachen Menschen in stohgedeckten Hütten (deren Dach man alle 2-3 Jahre auswechseln musste), die reicheren Schichten in ziegelgedeckten Villen.
Und obwohl man ab und zu Satellitenschüsseln, ein paar bessere Strassen und anderes modernes Zeug sieht, so sah es hier tatsächlich im Großen und Ganzen so aus, wie es damals gewesen sein könnte. Und auch die Umgebung, tief im Landesinneren, war absolut einen Blick wert. Wenn man mutig ist, kann man dort sogar in einem der Haushalte übernachten. Was aber bedeutet, in den winzigen Zimmern der Häuser auf dem harten Boden zu schlafen und die Bodentoiletten außerhalb zu benutzen. Muss ja nicht sein

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Sehr schön immer wieder zu sehen ist übrigens die Fußbodenheizung. Kein koreanisches Haus ohne Ondol, unter dem es in Korea bekannt ist. Und das seit sehr, sehr langer Zeit. Früher, als man noch kein warmes Wasser in Plastikschläuchen unter den Böden durchfließen liess, machte man ein Feuer in Nischen unter dem Haus. Der heiße Rauch wärmte die Wohnquartiere dann von unten und wurde über einen Kamin abgeführt.
Deshalb sind alle traditionellen Häuser auch etwas erhöht, der Eingang ist nie ganz ebenerdig.
Zurück in der Stadt ging ich in den Bahnhof, um mir ein Ticket für die morgige Weiterreise zu besorgen. Als ich unentschlossen vor der Anzeigetafel stand, kam ein strahlender Ticketverkäufer auf mich zu, der Englisch konnte - oder zumindest dachte, es zu können. Er redete etwas von "photo" und "one cut" und ich hatte keine Ahnung, was er eigentlich genau meinte.
Er stellte mich vor den Verkaufsschalter, die Damen dahinter traten gefügig in den Hintergrund, und er übernahm die Kontrolle. Während die Mädels die englische Konversation beobachteten, verkaufte er mir voller Vergnügen das Ticket. Und rechts hinter mir stand eine Frau, die diese faszinierende Begegnung der 3. Art fotografierte.
Manchmal muss man die Leute nicht verstehen

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Danach fuhr ich zum Andong Folk Village, das in der Nähe des Andong-Damms liegt, am Ufer des riesigen Andong-Stausees. Dies sind Häuser, die originalgetreu erhalten werden und in eine schöne Kulisse eingebaut wurden.
Als ich schon wieder auf dem Weg zurück war, merkte ich anhand einer Karte, dass ich noch gar nicht alles gesehen hatte. Das interessanteste lag nämlich ganz oben auf dem Hügel. Es war sehr anstrengend, da hoch zu gehen, weil mir die hohe Luftfeuchtigkeit und die Wärme hier (obwohl die Sonne nicht mal schien) ziemlich zu schaffen machten.
Ganz oben also waren ein paar leere Restaurants, ein paar wenige Autos, und keine Menschen. Aber dafür das Filmset für eine Dramaserie auf KBS, die in der Joseon-Dynastie spielte. Für diese Serie war ein komplettes Dorf mitsamt einer Art Palast originalgetreu nachgebaut worden, das man nun (sogar kostenlos) besichtigen kann.
Teilweise waren auch noch Bagger dort, die Gruben für neue Häuser aushoben. Aber gearbeitet wurde nicht. Stattdessen war ich... ganz allein. Und hatte das komplette Dorf für mich. Das mag daran liegen, dass die Koreaner schon fast so gehfaul sind wie die Amis. Was auch den starken Verkehr auf den Straßen erklären dürfte.
Jedenfalls wanderte ich dort oben ein wenig herum, fotografierte die Häuser, fotografierte mich, spielte ein wenig mit einer Lanze, fühlte mich wie ein König ohne Volk... und dann ging ich wieder hinunter.
Abends wollte ich mal wieder in ein Restaurant, aber die meisten waren leer. Und diejenigen, in denen Menschen waren, sahen so aus, als hätten sie nur Gerichte, die man nicht allein bestellen kann, was hier häufig der Fall ist.
Alles mit Grill auf dem Tisch ist normalerweise für mehrere Personen gedacht. Koreaner als Gemeinschaftsvolk gehen ohnehin nicht alleine essen.
Ich setzte mich in ein Restaurant, und der Inhaber machte mir klar, dass es hier nur was zu trinken gab, obwohl auf der Karte an der Wand auch Essen angeschrieben war. Hmm.
Also wieder raus, anderes Restaurant gesucht. Eine sehr alte Frau sprach mich an und redete auf mich ein. Ich verstand fast nichts. Ein netter Herr half etwas bei der Konversation. Sie dachte, ich sei ein Amerikaner und war dann ganz glücklich, dass ich Deutscher war.
Ich meinte zu dem Mann, dass ich ein gutes Restaurant suche, und er schickte mich in das, in dem ich gestern Abend schon gegessen hatte. Na dann. Die Leute dort erinnerten sich immerhin an mich, und das Essen war gut, auch wenn ich nichts neues probiert habe.
Morgen früh steht mir eine dreieinhalbstündige Zugfahrt bevor. Wahrscheinlich ein übler Bummelzug. Es geht zurück ans Meer, denn das Wetter soll endlich wieder besser werden.