Gestern stand ich früh auf, weil ich noch zur Seokguram-Grotte wollte. Ich nahm einen Bus für 1,20 Euro und war damit etwas schneller beim Bulguksa-Tempel als am Tag zuvor mit dem Rad. Und vor allem kühler, da hier alle Busse - egal ob Stadt- oder Fernbusse - klimatisiert sind. Genau wie jedes Geschäft und jedes Hotelzimmer. Muss man auch, denn schon jetzt ist es hier extrem warm, und es ist noch nicht mal Hochsommer.
Von Bulguksa aus ging es mit einem Shuttlebus den Berg hinauf. Ich hatte zuvor ja den winzigen Gedanken gehabt, dort mit dem Rad hochzufahren. Sooo weit konnte es ja nicht sein, und Weitenangaben findet man ja nirgends. Der Bus wand sich dann um die 8 km den Berg hinauf, bei einer Steigung von sicherlich 7-10%. Gut also, dass ich es nicht versucht hatte...
Oben angekommen waren es noch 10 Minuten zu Fuß zur Seokguram-Grotte. Wieder waren kaum Touristen dort. Die Mehrzahl bildete eine Grundschülergruppe, die glücklich war, als sie von mir Gummibärchen bekamen. Seltsamerweise fragen die jungen Mädchen immer, ob ich eine Freundin habe. Und wenn ich dann "Nein" sage, kommt ein "Oooh" und manchmal ein "Why?". Öhm, sollte mir das jetzt zu denken geben?
Beeindruckend ist die Grotte eigentlich nur, wenn man bedenkt, wie die Erbauer die ganzen Steine da rauf geschafft haben. 30 Jahre soll der Bau von dem Ding dann auch gebraucht haben. Innen stand die Buddha-Statue wegen Vandalismus in der Vergangenheit hinter einer Glaswand, und nur wer beten wollte, bekam Zutritt. Fotografieren war eh nicht erlaubt, von daher gibts heute Mal ein "Katalogfoto" dieses Buddhas.
Mittags war ich zurück in der Stadt und bezahlte 2 weitere Nächte im Hotel. Zwar wollte ich diese Nacht im Tempel verbringen, hatte aber keine Lust, den riesigen Rucksack mitzuschleppen. Ich hatte ja auch keine Ahnung, wie beschwerlich der Weg sein würde. Hab ich halt 25 Euro Leergeld bezahlt. Was solls.
Da ich erst zwischen 16 und 17 Uhr in Golgulsa eintreffen sollte, ging ich noch etwas in der Stadt herum. Und als ich dann bei Pizza Hut vorbeischlenderte, dachte ich mir "Hey, mal wieder ne Pizza wär ja nicht schlecht - und billig wirds auch sein". Von wegen! Die Pizzen da kosteten 14 Euro aufwärts. Und dadurch kam es, dass ich mir ein Reisgericht für 7 Euro und einen O-Saft für 2,50 Euro bestellte, obwohl ich dasselbe für die Hälfte des Preises in irgendeinem kleinen Straßenrestaurant bekommen hätte.
Und dann einschließlich Ban-Chan, den vielen kleinen Schüsselchen mit diversen Köstlichkeiten. Hmm. Man sollte hier halt doch lokales Essen essen, was eh die bessere Wahl ist.
Nach etwas Herumfragen fand ich den richtigen Bus. Im Reiseführer stand, dass man den Busfahrer fragen sollte, an einer bestimmten Kreuzung anzuhalten, weil es dort keine offizielle Bushaltestelle gäbe. Nach der etwa 40-minütigen Fahrt stieg ich dann problemlos am richtigen Ort aus. Super, geht doch! Nach etwa 20 Minuten Gehen kam ich in Golgulsa an.
Dort füllte ich das Anmeldeformular für den "Temple Stay" aus, zahlte 35 Euro, und wurde gleich mal von einer fetten koreanischen Wespe durch mein T-Shirt hindurch in die Schulter gestochen. Und zwar so fest, dass sich zwei jeweils 1 cm große Blutflecke bildeten. Argh. Dabei hats noch nicht mal weh getan. Fiese Viecher. Übrigens gibts hier auch riesige Ameisen, die über 15 mm groß werden.
Bei der Anmeldung wurden mir ein paar Dinge erklärt, aber ich wusste zunächst mal nicht, was ich tun sollte. Also ging ich ein wenig über das Tempegelände und stieg den steilen Pfad zum lokalen Heiligtum hinauf - einem aus dem Stein gehauenen Buddha, der aus großer Höhe das Tal überblickt. Um dort hinauf zu kommen, musste man sich an Seilen hoch hangeln und durch einen engen Steindurchgang kriechen.
Um 17:30 Uhr gab es essen. Rein vegetarisch natürlich, denn als Buddhist könnte man ja als Tier wiedergeboren werden, das dann von jemandem gegessen wird. Das tolle an dem Essen hier ist aber, dass man vegetarisch essen kann und es sogar schmeckt

. Kein so überbackenes Gedöns wie bei uns, sondern Reis und Kimchi, ne Suppe, Tofu und eine Menge anderer Beilagen, von denen ich zwar kaum etwas kenne, aber von dem (fast) alles wirklich gut ist. Ich hatte gelesen, dass das Essen im Tempel still eingenommen wird, aber die jungen Leute, die dort waren, schien das nicht sonderlich zu jucken. Alles nicht so wild, dachte ich mir da noch... von wegen.
Nach dem Essen setzte ich mich irgendwo hin und redete ein wenig mit ein paar Leuten, die Englisch konnten. Da waren Jungs und Mädels dabei, die hier für mehrere Tage oder gar für 2-3 Monate im Tempel blieben. Einige waren aber etwas aus-der-Welt-gerückt, oder hatten das Tempelleben mittlerweile gar satt. Sonderlich kontaktfreudig war da niemand.
Um 19 Uhr gingen wir dann in eine Trainingshalle und beteten dort erst einmal eine halbe Stunde. Ich machte einfach mal das, was die anderen machten, fühlte mich aber noch ziemlich fehl am Platz. Und danach, um 19:30 Uhr, ging das Training los.
Die Mönche in diesem Tempel praktizieren Sunmudo, eine dem Taekwando ähliche Kampfsportart, die nur an ein paar wenigen Orten in Korea gelehrt wird. Außer den Mönchen gab es noch zwei junge Männer, einer aus Frankreich und einer aus Norwegen, die sich hier für 3 oder mehr Jahre "verpflichtet" hatten und nun den Trainingswilligen Sunmudo beibrachten.
Und eigentlich hatte ich gedacht, dass man da ein wenig zusieht und vielleicht ein paar Mediationsübungen mitmacht. Aber nix da. Da wird jeder Neuankömmling gleich voll integriert. Mit einer kurzen Mediation ging es los, dann machten wir Bodenübungen, und schließlich komplizierte Abfolgen von Tritten und Schlägen. Immerhin war ich nicht unbedingt der schlechteste von den Anwesenden, einige von den jüngeren Koreanern hatten auch schon sichtlich keine Lust mehr. Aber mein Gleichgewichtssinn war ziemlich übel, wenn man da mit einem Bein herumstand, das andere angewinkelt gegen das Knie gepresst, und man dann noch auf die Zehen stehen musste... heieiei.
Hinter uns übten die Langzeitler sowie ein paar Mönche die verrücktesten Sprünge und Tritte. Und dieses Trainingsprogramm dauerte 90 Minuten. Hinterher war ich total verschwitzt und total fertig. Da ich da natürlich keine Fotos machen konnte, gibts hiermit auch wieder zwei Bilder aus dem Internet. Das eine zeigt das Gebet, das andere einen Mönch bei einem Sunmudo-Sprung. Viele Leute waren aber nicht anwesend. Beim Training waren es ungefähr 10-15, davon 6 einschließilch mir, die unter einem Monat im Tempel blieben.
Der norwegische Sunmudo-Lehrer (der sicher nicht älter als 30 war) erklärte mir dann noch die Regeln fürs Beten, für den Aufenthalt im Tempel an sich, und die Abfolge einer Mediationsübung mit insgesamt 16 Schritten, die ich mir aber nicht merken konnte. Und er meinte, wenn ich nicht zum Morgengebet erschiene, dann müsste ich 1080 Verbeugungen vor Buddha machen und alle Tempelangehörigen müssten zur Strafe hungern. Natürlich mit einem Augenzwinkern, denn sooo genau nahmen die es da wahrlich nicht

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Nach dem Training half jeder mit, den Raum zu putzen, weil ne Menge Schweiß vergossen wurde. Und ein junger Koreaner lieh mir glücklicherweise ein Handtuch, sodass ich duschen konnte. Um 22 Uhr war "Licht aus" angesagt. Wo ich die letzte Zeit immer ein schönes Motelbett gehabt hatte, musste ich nun wieder auf dem Boden schlafen. Allerdings auf viel dünneren Decken als in Hye-Suks Haus. Sehr hart. Sehr übel.
Aber wenn es nur das gewesen wäre, wärs ja noch irgendwie gegangen, immerhin war ich müde. Doch nachts wurde ich immer mal wieder von irgendwelchen winzigen Viechern gestochen. Und jeder der 3 Koreaner, die mit mir im Raum waren, machte ein anderes Geräusch. Zwei schnarchten in verschiedene Tonlagen, und einer musste sich ständig irgendwo kratzen.
Jedenfalls konnte ich nicht schlafen. Und mein Rücken tat ziemlich weh.
Das einzig gute daran war, dass um 4 Uhr heute Morgen ein Mönch mit einem Holztrömmelchen (wie auf dem Gebetsbild zu sehen) vor den Schlafräumen umherzog und singend den neuen Tag begrüßte. Das bedeutete Aufstehen.
Von 4:30 bis 5:00 Uhr war das Hauptgebet im Schrein inklusive langen buddhistischen Gesängen und einigen Verbeugungen. Und danach setzten wir uns auf ein Kissen mit dem Gesicht zur Wand und machten eine halbe Stunde lang Sitzmeditation. Also 30 Minuten im Meditationssitz herumhocken und versuchen, nicht umzukippen und einzuschlafen. Heftig. Als ich dachte "Mann, ist das lang!" waren erst 15 Minuten vergangen...
Nach der Sitzmediation gingen wir eine halbe Stunde lang über das Tempelgelände. Laufmeditation. Und dann, um 6:20 Uhr, gab es endlich Frühstück. Danach hatten wir noch genügend Zeit, sodass ich mich ein wenig ausruhte (aber immer noch nicht schlafen konnte) und mit einem Kanadier sprach, der für 10 Tage nur wegen dem Tempelaufenthalt mit Sunmudo-Training hier nach Südkorea gekommen war.
Um 8:30 Uhr war dann wieder Training angesagt. Dieses Mal "passives Training" im Gegensatz zum "aktiven Training" am Abend. Dies bestand aus ein wenig Meditation und einer langen Reihe von Boden- und Stretchingübungen, die allesamt auch ziemlich schweißtreibend waren, aber nicht so heftig wie das Treten und Schlagen am Abend zuvor. Das ganze dauerte wieder 90 Minuten.
Danach gabs nochmal Sitzmeditation von 10:00 bis 10:30 Uhr, bei der ich, der Kanadier sowie einer der Ausbilder allerdings allein waren. Die anderen hatten sich bereits verdrückt. Wahrscheinlich wussten die, warum. Beim Morgengebet waren auch nicht alle erschienen, und wir durften trotzdem was essen.
Das wahrlich heftigste kam dann aber nach der Sitzmeditation, und wahrscheinlich war es das, vor dem die ganzen Leute geflüchtet waren: 108 Verbeugungen vor Buddha. Hammer. So eine Verbeugung geht folgendermaßen: Man legt die Hände zusammen in Gebetshaltung, verbeugt sich, sitzt auf seine Knie (auf ein Kissen), legt die Unterarme ausgestreckt vor die Kniee, beugt sich dann nach vorne und berührt mit der Stirn den Boden, dreht die Unterarme nach oben und hebt sie etwas in die Luft. Dann steht man wieder auf, ohne seine Hände zu Hilfe zu nehmen. Und das machten wir 108 Mal. Mann... nach 40x war ich schon fertig, nach 80x taten meine nackten Zehen heftig weh, und nach 108x war ich verschwitzt aber glücklich.
Zum Dank gab es Tee von der koreanischen Ausbilderin und ein Foto von mir, das mich beim Meditieren zeigt. Dann gabs Mittagessen und ich nahm den Bus zurück in die Stadt.
Jetzt bin ich echt fertig und werde heute sicherlich nicht lange auf bleiben. Meine Beine schmerzen, das rechte aufgrund meiner "Probleme" dort mehr als das andere. Dieser Temple Stay war anstrengend, aber extrem interessant. Die Menschen waren nett und es war schön, mal wieder mit ein paar Leuten zu sprechen. Und nun kann ich behaupten, mal beim Sunmudo-Training mitgemacht zu haben, einer echten buddhistischen Kampfkunst. Und obwohl der Kanadier meinte, dass man nach ein paar Tagen "reinkommen" würde, bin ich eigentlich ganz froh, das ich nur eine Nacht lang dort geblieben war

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Nur weiß ich jetzt noch nicht, was ich morgen mache. Aber kommt Zeit, kommt Rat. Mal schauen, wo mich der Wind (oder der Bus) so hintreibt.
P.S. Und jetzt hab ich auch mal eine dieser Bodentoiletten benutzt, weil die nix anderes hatten (genau wie laut Hye-Suk viele ältere Schulen). Das (einzig) gute daran ist, dass einem nach kurzer Zeit die Beine aufgrund der Hockhaltung so weh tun, dass man keine Sekunde länger als nötig auf dem Örtchen verbringt...