20 Tage, 05.-24.10.2006
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Dienstag, 24. Oktober

Nun war er da. Tag X. Nach dem Mittagessen mussten wir nach Freiburg fahren, wo sie in den ICE steigen würde. Doch wir versuchten, nicht daran zu denken.

Ich weiß nicht mehr genau, was wir noch alles machten an diesem Tag. Es war nicht mehr viel. Sie packte all ihre Dinge zusammen. Ich schenkte ihr einen kleinen Stoffhund, an dem sie Gefallen gefunden hatte. Wir sprachen nicht mehr viel in diesen letzten Stunden.

Auf der Fahrt nach Freiburg fuhr ich 100 in einem Bericht, der, wie mir später auffiel, wohl auf 80 begrenzt war, und sah einen Blitz. Auch das erste Mal in meinem Leben. Ich hatte nicht auf die Verkehrsschilder geachtet. Wahrscheinlich waren meine Gedanken mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt.

Wir sprachen nichts, bis ihr ICE einfuhr. Auf dem Bahnsteig umarmten wir uns und wünschten uns verabschiedeten uns voneinander, zumindest bis zum nächsten Jahr. Sie lächelte. Worte waren nicht mehr nötig. Der Zug hielt, ich stieg mit ihr ein und legte ihren schweren Rucksack in das Gepäckfach, meine Augen suchten nach ihrem Platz, fanden ihn aber nicht. Ich hörte einen Ton. Schnell, schnell hinaus! Ich stolperte durch die Tür ins Freie. Meine Hand griff nach Hye-Suks. Eine letzte Berührung. Ich konnte den Arm gerade noch durch die schon schließende Tür zurückziehen und entgeistert das Mädchen hinter der Scheibe betrachten, das genau so verlassen aussah wie ich. Ein genervtes "Mann, kann man sich nicht vorher verabschieden?!" einer Schaffnerin ignorierte ich und lief eine Weile neben dem immer schneller werdenden ICE her. Ich winkte ihr, sah ihr nach... und dann war sie verschwunden.

Plötzlich war meine Stärke vorbei und seltsamerweise spürte ich Tränen meinen Augen. Erst jetzt, in genau diesem Moment, bemerkte ich, wie sehr sie mir ans Herz gewachsen war. Ich musste mir eingestehen, dass ich sie nun lange Zeit nicht mehr sehen würde. Ich fühlte mich allein, wie ich mich schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Auf der Rückfahrt hörte ich harte Rockmusik, damit ich nicht zuviel nachdenken konnte.

Später klingelte mein Handy. Es war Hye-Suk. Ich verstand kaum etwas, weil ich in meiner Wohnung extrem schlechten Empfang hatte. Aber sie sagte, dass sie wohlbehalten am Gate angekommen war. Das genügte mir. In Kürze würde sie in ihren Flieger steigen und 11 Stunden lang in ihre 9000 km entfernte Heimat zurückfliegen.

Ich versuchte mich abzulenken, indem ich meine Wohnung putzte. Aber es half alles nichts. Ich würde ein paar Tage brauchen, um mich wieder an mein Alleinleben zu gewöhnen.

Epilog

Mittlerweile ist der 13. November. Hye-Suk ist seit fast drei Wochen zurück in Incheon. Schon kurz nach ihrer Rückkehr hatten wir gechattet und uns wieder wie zuvor viele Mails geschrieben. Sie war gut angekommen und vermisste mich und Deutschland ebenfalls ein wenig.

Mittlerweile habe ich mich wieder an mein Alleinsein gewöhnt, die Arbeit half mir dabei. Auch wenn ich gleich am ersten Tag von einer Magen-Darm-Grippe für zwei Tage schachmatt gesetzt wurde. Wir beide hatten so viel Glück in diesen drei Wochen. Das Wetter war immer gut gewesen, wir wurden nicht krank, alles hat geklappt... Es war einfach eine schöne Zeit.

Hye-Suk bereitet nun ihr Interview vor, das am 17. November stattfindet. Danach wird sie warten müssen auf einen Job. Aber sie hat sich schon nach den Urlaubsaussichten erkundigt. Mehr als 4-7 Tage am Stück seien nicht drin in diesem Bereich. Dies wird unsere gemeinsame Zeit im nächsten Jahr natürlich einschränken. Aber wer weiß... Zukunft ist Zukunft.

Ich werde sehen, was sie mir bringt.


ENDE


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