20 Tage, 05.-24.10.2006
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Freitag, 20. Oktober

Als wir morgens das Hostel verließen, diskutierten wir noch einmal kurz darüber, was wir wegen der Kaution tun könnten. Außer Anrufen und die Leute aus dem Bett klingeln fiel mir nichts ein, aber dazu hatte ich keine Lust und keinen Nerv. Sollten die ihre 15 Pfund eben behalten, ich konnte nach meiner Rückkehr ins Euroland eh nichts mehr damit anfangen. Wir legten den Schlüssel auf den Tresen und fuhren mit der U-Bahn in die Nähe des Ortes, wo wir mit dem easyBus-Shuttle zum Flughafen gebracht werden sollten.

Ich hatte extra genügend Zeit einkalkuliert. Gloucester Place war dummerweise kein Platz, sondern eine Straße, und noch dazu eine sehr lange. Ich hatte nur die Information "Gloucester Place, Bus Stop 19". Doch dort gab es sehr viele Bushaltestellen, an allen waren diverse Nummern angeschrieben, aber eben keine "19".

Blöderweise hatte ich im Morgengrauen, noch dazu regnete es ein wenig und ich war müde, trotz Plan Probleme, die richtige Straße überhaupt zu finden. Ich irrte von einer Ecke zur nächsten, zunächst langsam, doch mit der immer näher kommenden Abfahrtszeit schneller werdend, und beriet mich mit Hye-Suk, die aber natürlich auch nicht weiter wusste.

Ich fragte auch zwei Londoner, die mir begegneten. "Do you know this area?" fragte ich den ersten und wollte von ihm wissen, wo Gloucester Place war. Ich sprach es "Glausester", und er kapierte nicht, was ich wollte, bis ich es ihm zeigte. "Ah!", rief er, und sprach es "Glauster Place". Gut, man lernte ja nie aus. Doch kam nun zum Tragen, was mein Reiseführer über die Londoner geschrieben hatte: Sie helfen einem fast immer und gerne, wenn man nach dem Weg fragt. Dummerweise auch dann, wenn sie keine Ahnung haben. Dann schicken sie einen einfach in irgendeine Richtung, anstatt ihre Unwissenheit zuzugeben. Und so auch dieser Mann, der zunächst die Karte an der Bushaltestelle studierte (während mir die Zeit davon lief) und mir dann "It must be here" sagte und einfach dort hin zeigte, wo seiner Meinung nach die Straße lag. Na danke! Es wäre echt viel einfacher gewesen, wenn es mehr Schilder mit den Straßennamen gegeben hätte.

Als ich nur noch drei Minuten Zeit hatte und mitsamt Karte schon ziemlich durchnässt war, fragte ich eine Frau, die in einem Hauseingang stand. Die meinte, die Busse würden "da hinten" abfahren. Also ging ich nach "da hinten", immer auch ein Auge auf Hye-Suk werfend, die rund hundert Meter entfernt umherlief, während ich immer schneller rannte. Wenn wir diesen Bus verpassten, dachte ich mir, würden wir nicht mehr rechtzeitig zum Flughafen kommen. Und dann?

Als ich dann eigentlich dachte, so ungefähr am richtigen Ort zu sein, aber keine Ahnung hatte, auf welcher Straßen- und Kreuzungsseite die richtige Bushaltestelle sein sollte, ich auf die Uhr sah und schreiend bemerkte, dass der Bus in diesem Moment abfahren sollte, da sah ich ein orangenes easyBüsschen an einer roten Ampel halten. Ich rannte darauf zu und hielt den Fahrer erstmal an, der ziemlich überrascht drein blickte. Als ich wusste, dass er mich gesehen hatte, räumte ich die Straße. Er bog nach links ab und hielt an einer Bushaltestelle. Der Fahrer stieg aus, wahrscheinlich dachte er, mir sei irgendwas passiert, so verzweifelt wie ich ausgesehen haben musste, und bestätigte mir endlich, dass er nach Luton fahren würde. Waaah! Was war ich erleichtert! Da hatte ich eine halbe Stunde lang herum geirrt, der Verzweiflung extrem nahe, und dann stand ich genau zum richtigen Zeitpunkt am genau richtigen Ort. Die Welt ist doch manchmal wirklich verrückt...

Im Bus war ich so erschöpft, dass ich halb schlafend nicht viel von der Fahrt mitbekam, und es mir überhaupt nichts ausmachte, dass Hye-Suk nicht sprach. Trotzdem war ich froh, als wir am Flughafen waren und unsere Reise weitergehen konnte. Dieses Mal mussten wir Hye-Suks Handgepäck im Nachhinein zusätzlich einchecken, weil uns aufgefallen war, dass sie ihr Kosmetikzeugs da noch drin hatte, und man Flüssigkeiten ja nicht mehr mit in die Kabine nehmen durfte.

Und dann... hatten wir endlich Zeit um zu frühstücken. Ich war total fertig mit der Welt...

Die Sicherheitskontrollen hier in London waren extrem ausgeprägter als in den anderen Städten. Nachdem das Tor mal wieder gepiepst hatte, als ich hindurch ging (obwohl ich kein Metall außer meinem Hosenknopf am Körper hatte), wurde ich so gründlich abgetastet wie noch nie zuvor. Die ganze Prozedur dauerte mehrere Minuten. In jede Hosentasche fasste er hinein, betrachtete sogar mein Tempo-Päckchen von allen Seiten und durchsuchte das Mäppchen, in dem ich meinen Ausweis und meinen Führerschein verwahrte. Die Schuhe dagegen, die manche Leute auch ausziehen musste, interessierten ihn nicht. Er wollte nur die Sohlen sehen. Ich fragte mich mal wieder, warum nicht einfach ein handlicher Detektor benutzt wurde, um herauszufinden, wo genau am Körper sich das Metall befand? Ein kleines Messer hätte ich problemlos in meine Schuhe packen können...

Am Gate schließlich fiel dem Kontrolleur bei Hye-Suk eine kleine Diskrepanz auf, vor der ich mich schon ein wenig gefürchtet hatte. Koreaner können selbst bestimmen, wie die romanisierte Form ihres Namens aussehen soll. Als ich die Flugtickets bestellt hatte, war Hye-Suk zeitgleich dabei, ihren Reisepass zu beantragen. Ich dachte, sie würde die englische Variante "Hye Sook" benutzen und orderte die Tickets auf diesen Namen. Stattdessen entschied sie sich jedoch für die deutsche Aussprache "Hye Suk", wahrscheinlich weil ich sie in meinen Mails oft so geschrieben hatte. Hier in London war das aber der erste, dem das auffiel, und nach einer kurzen Erklärung ließ der sie glücklicherweise passieren. Sie solle einfach das nächste Mal darauf achten, den Namen korrekt anzugeben.

Der Flug nach Paris ging wort- und problemlos vorüber, und im Gegensatz zu London sah der Zoll nur kurz in ihren Pass und drückte dann ohne weitere Fragen den Stempel hinein. Endlich waren wir wieder raus aus diesem Irrenhaus, dachte ich mir. Bei den Franzosen ging eben alles ein wenig lockerer zu.

Wir nahmen den Zug in die Stadt, der 8 Euro kostete (das einzig komplizierte war der Ticketautomat, bei dem ich keine Option zum Wechseln der Sprache finden konnte), und waren wenig später in Paris. Dort nahmen wir die Metro, deren Tunnel hier rechteckig statt tubenförmig waren. Überhaupt fand ich die erste Fahrt durch den Pariser Untergrund etwas unheimlich. Keine Ahnung, an was das lag.

Bald darauf waren wir da. Paris! Und noch dazu gleich beim ersten Versuch am richtigen Ort. Das Hotel fanden wir auch innerhalb weniger Minuten, obwohl es sich in der Wegbeschreibung so kompliziert angehört hatte. Und ich fühlte mich gleich wohler als in London, weil das Leben hier tatsächlich ruhiger verlief. Die ganzen Leute, die uns begegeneten, wirkten nicht gehetzt wie die Londoner. Das Gefühl war einfach besser. Das einzige was mir ein wenig Sorgen machte war die Sprache, die ich nicht verstand und die auch nicht wirklich mochte.

Im Hotel stand ein dicker Mann vor dem Tresen, der sich mit einem Mann hinter dem Tresen unterhielt. Die beiden musterten uns, als wir herein kamen, und der Dicke nahm mir gleich die Hotelreservierung aus der Hand, ohne groß irgendwas zu sagen. Die beiden sprachen irgendwas auf Französisch, dann murmelte der Typ hinter dem Tresen: "Not here". Und beide grinsten. Hallo?!

Zum Glück sprach der Dicke, der offenbar der Hotelchef war, wie sich später herausstellte, ganz gut Englisch. Und während sich der andere über Hye-Suks Namen freute, den er mehrmals sichtlich amüsiert "Gang He sük" aussprach, klärte mich der Chef auf. In der zweiten Nacht müssten wir leider das Hotel wechseln, in ein anderes, nur zehn Minuten entfernt. Wegen eines Problems, auf das er in dem Moment wohl nicht genauer eingehen wollte, das die beiden aber sichtlich beschäftigte. Er sagte, er würde uns sogar da hin bringen. Ich war jedoch skeptisch, weil der Typ so mafiamäßig aussah. Zwar wirkte er oberflächlich sympathisch, machte auch den Witz, dass es zum Frühstück kein Kimchi gebe (er hatte offenbar koreanische Freunde). Dennoch war er mir suspekt.

Aber das Zimmer sah wirklich sehr gut aus für die 30 Euro, die es nur kostete. Wir waren halt nicht mehr in London.

Wir beschlossen, abends auf den Eiffelturm zu gehen, weil der nachts am schönsten sein sollte. Diese Aussicht blies dann auch unsere etwas gedämpfte Stimmung hinfort.

Da wir Hunger hatten, gingen wir an zahlreichen Brasseries und Restaurants vorbei, deren Speisekarten uns aber etwas schockierten. Essen war hier offenbar kaum billiger als in London. Also beschlossen wir, uns mit je einem Omelette zu begnügen. Die Limonade bestellten wir für uns gemeinsam, weil sie sage und schreibe 3,80 Euro kostete. Mit diesem kleinen Snack, der uns hungernd zurückließ, waren wir dann auch schon 15 Euro los. Übel.

In einem Geschäft kauften wir uns ein bisschen was zu essen, was nicht einfach war, da man das meiste ja irgendwie warm machen musste. Also blieb eigentlich nur Brot und Obst übrig. Beim Hinausgehen piepste es, und ich bemerkte, wie ein Mann aus dem Laden hinter einer Frau her rannte, die schnellen Schrittes und ohne sich umzudrehen oder sich etwas anmerken zu lassen, die Straßenseite wechseln wollte. Der Mann rief ihr hinterher, doch sie reagierte nicht. Dann holte er sie ein und zog sie recht rüpelhaft zurück zum Eingang. Die junge Frau wehrte sich auch nicht, sagte kein Wort. Auf dem Weg griff sie versucht unauffällig in ihre Tasche und ließ einen kleinen Lippenstift auf die Straße fallen. Der Wachmann bemerkte dies jedoch und hob ihn auf. Das war wohl nichts...
Nun war auch klar, warum der Laden so offen aufgebaut sein konnte. Er lud wirklich zum Stehlen ein - das dachte ich mir schon, als ich hindurch gegangen war. Und es war das erste Mal, dass ich eine Ladendiebin beobachtet hatte. Witzig.

Als es dunkel wurde, nahmen wir die Metro-Linie 8 Richtung Eiffelturm. Das war auch das, was mich an Paris am meisten interessierte. Deshalb fiel es mir nun etwas leichter, mich vom Hotelbett zu lösen.

Zunächst fanden wir den Turm gar nicht. Erst durch wiederholtes Kartenstudieren machte ich die richtige Richtung aus, und schon erschien er wie aus dem Nichts, hell leuchtend im Dunkel der Nacht.

Jede volle Stunde begann der Turm zudem für etwa 15 Minuten weiß zu glitzern. Und je näher wir kamen, desto romantischer und atemberaubender sah es aus.

Ohne zu glitzern war er natürlich auch nicht zu verachten:

Wir nahmen den Aufzug zur obersten Plattform, der 11 Euro kostete. Wir brauchten fast eine Stunde, um nach oben zu gelangen, weil extrem viele Leute aus dem gleichen Grund wie wir dort waren. Es gab drei Plattformen und somit drei Stationen, und an jeder gab es eine Schlange. Da Hye-Suk nicht sprach, aber immerhin sichtlich glücklich war, hatte ich genügend Zeit, um mir bescheuerte Dinge vorzustellen. Vor mir lief ein muskulöser Mann mit seiner nur halb so breiten Freundin. Der Pullover an seinem Rücken war in der Mitte leicht ausgebeult, und wenn er sich etwas nach vorne beugte, ragte unten ein Stückchen eines gebogenen Holzgriffs heraus, der mich sofort an einen Pistolengriff erinnerte. Der Typ versuchte auch, dieses Ding da drunter möglichst unauffällig zu verstecken, indem er seinen Pullover herunterzog oder sich aus dem Blickfeld der anderen drehte. Ich beschloss, ein Auge auf ihn zu werfen, falls er sich als Amokläufer herausstellen sollte, der plante, auf der Aussichtsplattform wild um sich zu schießen. Das erschien mir zwar extrem spekulativ, weil seine Freundin nicht den Eindruck machte, etwas von seiner Absicht zu wissen, und zudem küssten sich die beiden sehr häufig, und sie berührte auch mehrmals das Ding auf seinem Rücken. Als wir dann endlich in den Aufzug stiegen, hatte ich mich damit abgefunden, dass es wahrscheinlich nur ein Regenschirm gewesen war.

Dann waren wir endlich oben. Der Blick war der hellste Wahnsinn, so schön hätte ich mir das nie vorgestellt. Es windete zwar extrem, aber die Sicht auf das nächtliche Paris war wirklich atemberaubend. Mit einem Mal war mir klar, wieso der Reiseführer den Turm bei Nacht empfohlen hatte. Am Tag konnte das bei weitem nicht so spektakulär wirken.

Auch ein paar männliche Koreaner waren auf der Plattform, und das war unüberhörbar. Hye-Suk schien es gar richtig peinlich, weil diese Typen die lautesten waren. Aber als ich ihr Lächeln sah, war ich mir sicher, dass sie wirklich glücklich war in diesem Moment.

Als wir wieder unten angekommen waren, war es bereits nach Zehn. Wir machten noch ein paar Fotos und schlenderten wieder zurück zur U-Bahn.

Im Hotel angekommen waren wir so müde, dass wir ziemlich rasch einschlafen konnten. Das Bett war ja auch um einiges bequemer als in London.


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