20 Tage, 05.-24.10.2006
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Donnerstag, 19. Oktober

Am Morgen wurden wir von einem Handygeräusch geweckt. Hye-Suk untersuchte ihr Gerät, überlegte eine Weile, und war dann plötzlich extrem happy. Sie sagte mir, dass dies die automatische Bestätigung dafür war, dass sie ihr Examen bestanden hatte. Mehrmals checkte sie die SMS und konnte kaum glauben, was sie da las. Es war, als wäre ein riesiger Stein von ihrem Herzen gefallen.

Hye-Suk hatte Jura studiert. Danach hat man in Korea mehrere Möglichkeiten, wie man weiter vorgehen konnte. Die erste bestand darin, das Anwaltsexamen zu absolvieren. Wenn man dies bestand, konnte man im höheren Staatsdienst anfangen, Richter oder Anwalt werden. Zweimal hatte sie es versucht, und war beide Male durchgefallen. Die Durchfallquote beträgt bei diesem Test etwa 97%, d.h. nur 3% schaffen es.

Da sie keine Motivation hatte, es auch noch ein drittes Mal zu versuchen, und sie eh nicht wusste, ob das der Weg war, den sie wirklich gehen wollte (sie hatte nur wegen ihrem Vater Jura studiert), bewarb sie sich für einen anderen Test. Dort betrug die Durchfallquote "nur" 80-90%. Wenn man ihn bestand, hatte man damit quasi einen Job beim Staat sicher, in etwa so wie die Beamten bei uns. Die Vorteile dieses Beamtenstatus gegenüber Jobs in der Industrie sind bessere Arbeitszeiten und höhere Sicherheiten wie ein Kündigungsschutz (der in der koreanischen Privatindustrie nicht wirklich existiert). Dafür muss man sich allerdings auch mit einem geringeren Gehalt zufrieden geben.

Hye-Suk hatte durch diese SMS nun die Gewissheit, Arbeit zu bekommen. Sie wusste nicht wo und wann, es könnte bis zu einem Jahr dauern, aber dass sie einen Job kriegen würde, stand nun fest. Vorausgesetzt, sie besteht das Interview, das Mitte November stattfindet...

In dieser guten Stimmung fuhren wir mit der U-Bahn in die Richtung von Buckingham Palace. Hye-Suk wusste nicht, was ihr noch gefallen könnte in London, weshalb ich einfach mal diesen Vorschlag gemacht hatte.

Als wir dort ankamen und Hye-Suk nicht übermäßig begeistert schien, begann es auch noch zu regnen. Mir wurde bewusst, wie viel Glück wir bisher in diesem Oktober gehabt hatten. Kein einziges Mal in dieser Zeit, als wir draußen gewesen waren, hatte es geregnet. So etwas war sehr selten für diesen Monat. Ich hatte aber einen Regenschirm dabei, sodass dieser nur wenige Minuten anhaltende Schauer kein Problem darstellte.

In Richtung Innenstadt passierten wir dieses Tor, bei dem die mittlere Zufahrt nur für die Queen geöffnet wurde...

...und erreichten schließlich den berühmten Trafalgar Square. Es windete ziemlich stark, doch der Wind vertrieb auch die dunklen Wolken.

Berühmt ist Trafalgar Square unter anderem wegen seiner zahlreichen Tauben. Gerade als wir dort ankamen, hörten wir Kinderschreie vom Platz vor der National Gallery. Dort flogen hunderte Tauben gemeinsam von einem Punkt zum anderen. Den Grund konnte ich auch schnell ausmachen: Ein Taubenfütterer (im ersten Bild rechts zu sehen mit der Tüte) war dabei, tausende Körner auf dem Platz zu verteilen.

Menschen stellten sich mitten in die Flugbahn der Vögel hinein und ließen sich dabei fotografieren. Ich versuchte es auch kurz, bekam es dann aber mit der Angst zu tun, fühlte mich in Hitchcocks "Die Vögel" versetzt, als dutzende Tauben auf mich zuflogen und erst kurz vor meinem Gesicht auswichen. Wie schafften die das nur? Kein Mensch wurde von den Tieren getroffen, obwohl sich viele bewegten oder sogar herum rannten. Sicher musste es ab und zu zu Unfällen koommen, dachte ich mir, denn es gab bestimmt auch halb blinde oder alte Tauben, die nicht mehr so gut im Ausweichen waren. Und die Viecher waren schnell!

Wir setzten uns erst einmal, aßen etwas, beobachteten das Treiben auf dem Platz, und fühlten uns mehrmals an den verrückten Morgen erinnert. Vor allem Hye-Suk musste immer wieder daran denken, achtete aber zugleich darauf, bloß nichts darüber zu sagen, wenn Leute in der Nähe waren.

Weiter ging es Richtung Picadilly Circus...

Nun sprach Hye-Suk mal wieder das Thema Abendunterhaltung an. Dieses Mal mussten wir einfach was finden. Immerhin waren wir in London. Wir gingen an diversen Theatern vorbei, wussten aber nicht, was uns gefallen könnte. Durch ein Faltblatt wurden wir schließlich auf das Musical "Footloose" aufmerksam, das genau das zu sein schien, was Hye-Suk sehen wollte: Rockmusik, Tanz und Theater.

Auf dem Leicester Sqare stand eine Ticketbude, in der wir zwei Karten kauften. Sonderpreise, nur 25 Pfund. Und er hätte sogar zwei super Plätze für uns. Na genial. Damit war die Sache auch geschafft, und wir freuten uns darauf, waren aber zugleich schon viel zu müde vom vielen Gehen in den letzten Tagen, sodass wir nicht so recht wussten, was wir bis zum Abend noch machen sollten. Hye-Suks war nicht mehr wirklich in der Stimmung für Sightseeing. Und ich eigentlich auch nicht.

Also nahmen wir zunächst einmal die U-Bahn und fuhren zwei Stationen weiter, von wo aus wir dann in Richtung Aldwych bummeln wollten, wo unser Musical stattfinden sollte.

Witzig fand ich an der U-Bahn, dass sie tatsächlich wie eine Röhre geformt war, bei der nicht viel Abstand blieb zwischen dem Zug und den Wänden. Der Name "Tube" für die Bahn war daher leicht zu deuten.

Insgesamt fand ich London zwar sehr interessant, aber das Gefühl in dieser Stadt gefiel mir nicht wirklich. Mir war es bereits aufgefallen, gleich nachdem wir angekommen waren. Die Stadt war viel zu hektisch. Die Menschen schienen zu rennen. Geschäftsleute kamen einem entgegen, die laut telefonierten, viele andere waren mit iPods ausgerüstet, die sie aber auch nicht verlangsamten. Ständig wurde man überholt, man sah sich immer genötigt, sein Tempo zu erhöhen und zugleich immer penibelst auf der rechten Seite zu gehen. Ganz zu schweigen vom Benutzen der U-Bahn während der Rush Hour... Nicht zuletzt ein Grund dafür, dass wir so schnell müde wurden. Ich könnte dort nicht leben, niemals. Ich würde zugrunde gehen.

Auf unserem Weg durch die Straßen fielen mir zwei Dinge auf. Zum einen waren da die Kinos, die mit ihren großen Filmplakaten über den Eingängen einen Look hatten, den ich von Deutschland nicht kannte.

Und ich fand einen Job, den ich in keiner anderen Stadt bisher gesehen hatte und der mir sowas von unsinnig und vor allem extrem langweilig vorkam: Der Job des Schilderhalters. Hier ein schönes Beispiel. Der Junge schlief die halbe Zeit, aber immerhin hatte der einen Stuhl.

Und hier, drei Schilderhalter auf einem Bild:

Es waren überwiegend junge Leute, die diese Arbeit verrichteten. Ich hätte gern gewusst, wieviel man ihnen pro Stunde zahlte, aber ich traute mich nicht, einen dieser sehr mürrig und extrem gelangweilt aussehenden Menschen anzusprechen. Später erzählte mir ein Freund, dass der Grund für diese Schilderhalterei möglicherweise gesetzliche Ursachen hatte: Sicher war es verboten, einfach so irgendwo ein Schild auf die Straße zu stellen - aber es war nicht verboten, einen Menschen mit einem Schild auf die Straße zu stellen. Das klang schlüssig, aber ich weiß nicht, ob diese Erklärung stimmt.

Viele Aufführungsorte bekannter Musicals konnten wir in den Straßen sehen:

Auch unseres, Footloose:

Monthy Pythons "Spamalot", in heutigen Zeiten ein sehr doppeldeutiger und nur allzu aktueller Begriff...

Und natürlich der gute Godot:

In Chinatown gingen wir an zahlreichen chinesischen, japanischen und koreanischen Restaurants vorbei, und ich wunderte mich mal wieder darüber, dass es in so vielen Großstädten Chinatowns gab, aber keine Koreatowns, Japantowns, Russiatowns oder Europetowns.

Von der High Society sahen wir nur diese zwei Riesenlimos auf der Straße:

Nachdem wir durch Soho gebummelt waren, was wir nicht sonderlich toll fanden, suchten wir uns ein Restaurant und bekamen dort ein ordentliches, wenn auch etwas geschmackloses Essen für insgesamt 35 Pfund für zwei Personen.

Und dann war es endlich soweit. Der Konzertraum war nicht sehr groß, aber dafür sehr hoch, sehr alt, und schien insgesamt recht gemütlich. Im hinteren Bereich waren die Logen, die vier Stockwerke hinauf reichten. Unsere Plätze waren in der vierten Reihe von vorne, extrem nahe an der Bühne. Und ich hatte gemeint, "4. von hinten" gehört zu haben. So war es uns natürlich auch recht.

Als das Musical dann losging, waren wir zunächst extrem erschrocken, weil uns mit einem Mal der Nachteil an diesen Plätzen bewusst wurde: Wir saßen nur ein paar Meter von einer riesigen Lautsprecherbox entfernt, aus der nun ein Rocksong in Discolautstärke dröhnte. Glücklicherweise gewöhnten wir uns im Laufe der zwei Stunden daran, aber ich hatte hinterher dennoch ein Zischen im Ohr.

Das Musical war extrem gut gemacht. Die Story war simpel (ein tanzbegeisterter Jüngling kommt in eine amerikanische Kleinstadt, in der das Tanzen verboten ist, und versucht, alles zu tun, damit dies wieder erlaubt würde), aber die Tänze der zahlreichen Darsteller waren so überwältigend, dass mir mehrmals die Spucke wegblieb. Zudem kannte man die Songs aus den Achtzigern, die hier so genial in Szene gesetzt wurden. Einfach perfekt. Und schauspielern konnten die auch noch ziemlich gut. Ich bekam die Story größtenteils mit, auch wenn ich manchmal Probleme hatte, alles zu verstehen, aber für Hye-Suk war es sichtlich schwer, die Dialoge mitzukriegen. Doch auch sie war sehr angetan von diesem Musical, und abends redeten wir noch eine Weile über bestimmte Dinge, die ihr aufgefallen waren. Zum Beispiel, dass die Hauptdarstellerin und der Hauptdarsteller jeweils blond und blauäugig waren. Dass sie eine andere Tänzerin viel besser fand, und dass sie gerne mal wie diese in extrem kurzen Hot Pants so sexy tanzen würde... hmm! Wie war das noch mit "I would never wear a Bikini" in einem unserer Chats?

Nach diesem sehr genialen Abend gingen wir durch die nächtliche Nacht. Ganz langsam schien sie die Furcht vor der Öffentlichkeit zu verlieren, denn sie redete mit mir. Zwar nicht mehr, als wir in der U-Bahn waren, aber immerhin. So fühlte sich das doch schon um einiges besser an.

Zurück im Hotel stellten wir an der Rezeption fest, dass wir morgen früh ein Problem haben würden. Die war erst ab 9 Uhr besetzt, aber wir mussten schon viel früher los, um unseren Bus Richtung Flughafen zu erwischen, damit wir mittags in Paris sein konnten. Wie sollten wir da unsere Kaution zurück bekommen?

Im Zimmer stellten wir fest, dass all unsere Dinge, die wir ausgepackt hatten, an einem leicht anderen Ort standen und teilweise zusammen geräumt waren. Offenbar war geputzt worden. Aber neue Handtücher? Fehlanzeige.


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