20 Tage, 05.-24.10.2006
[ 05.10. ] [ 06.10. ] [ 07.10. ] [ 08.10. ] [ 09.10. ] [ 10.10. ] [ 11.10. ] [ 12.10. ] [ 13.10. ] [ 14.10. ] [ 15.10. ] [ 16.10. ] [ 17.10. ] [ 18.10. ] [ 19.10. ] [ 20.10. ] [ 21.10. ] [ 22.10. ] [ 23.10. ] [ 24.10. ]

Dienstag, 17. Oktober

Am Morgen fuhr uns meine Mutter zum Flughafen Basel, wo unser easyJet fast eine Stunde Verspätung hatte. Und wie immer an öffentlichen Orten war Hye-Suk überwiegend still - daran konnte auch die neue "Qualität" unserer Freundschaft (leider) nichts ändern. Denn still war sie auch während des Fluges, und still war sie auch in der Ankunftshalle in London Luton.

Doch bevor wir dort ankamen, war die Passkontrolle zu bewältigen. Obwohl die Schlange für "EU residentials" wesentlich länger war als für alle anderen, hatte ich die Kontrolle schneller hinter mir als Hye-Suk. Und ich beobachtete sie, wie sie ein paar Minuten lang mit der Frau am Schalter sprach - und mich schließlich zu sich winkte.

Dort angekommen fragte mich diese Frau in einem recht rüden Tonfall, wo wir her kämen, wo wir hingingen, wie lange wir bleiben wollten, und was wir hier wollten. Nicht dass ich schon jetzt das Gefühl hatte, dass wir bzw. Hye-Suk in diesem Land nicht erwünscht waren. Ihr Blick verriet Zweifel an unseren hehren Absichten, diese schöne Stadt zu besuchen, und sie fragte nach unseren Buchungsbestätigungen für die Weiterflüge sowie für unsere Hotels - in London und Paris. Das konnte ich ihr zwar alles geben, doch fragte ich mich langsam, was der ganze Trubel sollte. Dummerweise war ich zu nervös, um dies zu fragen, sodass sie uns noch damit löchern konnte, wie wir uns kennen gelernt hätten. Ich konnte das nicht glauben, warum fragte die denn so etwas? Ich antwortete ihr trotzdem, damit sie zufrieden war. Nach rund zehn Minuten, und nachdem sie Hye-Suks Pass dreimal untersucht hatte, drückte sie den Stempel rein und ließ uns ins Land. Unglaublich. Dachte die etwa, ich hätte Hye-Suk in Korea geklaut und wollte sie nun über Deutschland nach England einführen? Oder hatte sie das Mädchen mit einer Nordkoreanerin verwechselt, die ne Atombombe einschmuggeln wollte?

Als ich mich nach einigen Minuten wieder beruhigt hatte, sagte mir Hye-Suk, dass die Frau sie auch nach der Art unserer Beziehung gefragt hatte. Ob wir nur normale Freunde seien oder ob ich ihr "boyfriend" sei. Gehts noch?!

Da unser Flugzeug zu spät angekommen war und sich die Einreise durch die englische Paranoia etwas verzögert hatte, war unser übers Internet gebuchtes easyBus-Shuttle bereits abgefahren. Zum Glück konnten wir das problemlos verschieben, weshalb wir aber noch einmal eine Stunde warten mussten. Und als wir dann endlich in dem kleinen easyBus saßen, war Hye-Suk nur kurz darüber erfreut, zwei koreanische Mädchen zu sehen, bevor sie wieder still wurde - und dabei sollte die Fahrt eine ganze Stunde lang dauern. Hoffentlich waren wir bald in unserem Hotel!

Doch es gab auch positive Gedanken: Meine Schmerzen vom Vor- und Vorvortag waren komplett verschwunden. Ich spürte überhaupt nichts mehr. Yeah! Immerhin dieses Problem war keines mehr. Gut, dass ich tags zuvor nicht zum Arzt gegangen war.

Im Bus setzte sich glücklicherweise eine ältere Frau mit ihrem Mann neben mich, die zwar nicht gut reden konnte, weil sie eine Operation am Hals gehabt hatte, aber dies dafür umso lieber tat. Sie redete bestimmt 30 Minuten während dieser Fahrt. Unter anderen Umständen hätte ich sie wahrscheinlich als nervig empfunden, aber dieses Mal kam sie mir gerade recht. Sie war Amerikanerin und lebte mit ihrem Mann aus Südamerika in Florida. Zusammen besuchten sie ihren Sohn, der in London arbeitete, und hatten auch gleich noch eine kleine Europa-Tour mit angehängt, von der sie nun zurück waren. Als sie erfuhr, wie wir uns kennen gelernt hatten, enfuhr ihr ein schrilles "Oh, how wonderful!", und sie tippte ihren Mann an, der ganz still daneben saß, der dann aber nicht wusste, was ein "penpal" war, da seine Muttersprache wohl Spanisch war (und andererseits vielleicht sogar absichtlich nicht alles verstand, was seine Frau erzählte). "There are soooo many wonderful places on this earth, and we can be so grateful to see at least some of them." Yes. Indeed.

Gegen 15 Uhr erreichten wir Baker Street, stiegen aus dem Bus, verabschiedeten uns, und wussten erst einmal nicht, wohin. Doch schnell war die Subway gefunden, ein Ticket gelöst, und beim zweiten Versuch erwischten wir sogar die richtige U-Bahn. Es dauerte immer eine Weile, bis ich mich mit dem öffentlichen Verkehrsnetz fremder Städte vertraut gemacht hatte. Die könnten ja mal eine DIN-Norm einführen.

In Paddington Station angekommen sollten wir laut Wegbeschreibung den Ausgang Praed Street benutzen. Doch genau dieser Ausgang war durch ein gelbes Band abgesperrt, ein Polizist stand davor, und auf einem Schild stand: "Exit Praed Street is temporarily closed due to an incident." Aha, an incident. Bestimmt nichts schlimmes. Sicher nur irgendeine Bombendrohung. Die würden die Urheber sicher schnell ermitteln, bei so vielen elektronischen Augen in jeder Ecke und in jeder Bahn. Nein, da machte ich mir keine Sorgen, und fragte den Polizeimensch, wir wir zu unserm Hotel kommen konnten. Ich konnte mirs zwar dann nicht merken, ging aber einfach mal zu dem Ausgang, den er mir gewiesen hatte.

Draußen sahen wir die komplett auto- und menschenfreie Straße hinter dem Absperrband. Ein großer Mannschaftstransporter der Polizei parkte vor einem Haus. Wir suchten weiter nach unserer Straße, und fanden sie schneller, als ich erwartet hatte. Unser Hotel war in der Reihe das am schlechtesten aussehendste, zumindest von außen. Und ich stellte mich schon mal auf eine Enttäuschung ein.

Drinnen saß eine junge Frau an der Rezeption, die entweder depressiv oder auf Drogen war, oder nicht lange genug geschlafen hatte. Und auch von den Bauarbeitern im Hintergrund wurden wir argwöhnisch beobachtet. Dummerweise nahm die Tante keine Kreditkarten. Zum Glück hatten wir am Flughafen gerade genügend Geld abgehoben. Und als wir dann auch noch das Pfand für den Schlüssel entrichten mussten, kratzten wir missmutig jedes Pfund aus unseren Geldbeuteln zusammen.

Unser Zimmer lag im zweiten Stock. Wir mussten aber zuerst rausfinden, wie man diese seltsame Tür öffnete, die kein Schloss und keine sonstigen Aussparungen hatte. Als ich mich dagegen lehnte, ging sie auf, und wir standen in einem winzigen Vorraum vor der "richtigen" Tür. Offenbar Brandschutzgründe. Und als ich dann ins Zimmer trat, mit der winzigen Hoffnung, dass es sicher gut aussah, wurde ich von einem leicht modrigen Geruch und einem dreckigen Teppichboden wieder in die Realität zurück geholt. Mehr konnte man wahrscheinlich auch nicht erwarten, wenn man in einer extrem teuren Stadt wie London ein Zimmer zu einem so günstigen Preis (rund 25 Pfund) haben wollte.

Beim zweiten und dritten Blick jedoch stellte sich heraus, dass es so schlimm gar nicht war. Die Bettbezüge sahen nur so seltsam aus, weil sie ausgewaschen waren. Die Betten selbst waren sauber, ebenso das Waschbecken im Zimmer, und auch die Toilette und Dusche im Treppenhaus wurden regelmäßig gereinigt. Es waren zwar auch diese quietschenden Stahlrohr- Nachtlager mit Federkernmatratzen - jedoch (zum Glück!) nicht ganz so unbequem wie diejenigen in München. Auch zwei große Handtücher lagen freundlicherweise bereit, anscheinend keine Selbstverständlichkeit in Hostels.

Eigentlich war ich ziemlich geschafft (das ständige Herumreisen machte schon müde...), aber wir rafften uns dann doch auf, um für sie eine Zahnbürste zu kaufen.

In der Hauptstraße nahe unseres Hotels gab es dutzende kleinerer Läden, von denen jeder dasselbe anbot, und die ausnahmslos von Indern geführt wurden. In einem davon kaufte Hye-Suk ihre zu Hause vergessene Bürste, und an einem Geldautomaten füllten wir unsere Brieftaschen. Als Hye-Suk mit nur 40 Pfund zurück kam, lächelte ich und sagte ihr, dass sie damit in dieser Stadt keine zwei Tage verbringen konnte. Ich selbst hob 80 Pfund ab, und hoffte, dass diese reichen würden.

Nicht viel später beschlossen wir, etwas zu essen, und dann ins Hotel zurück zu gehen. Auf dem Weg hatten wir ein koreanisch-chinesisches Restaurant gesehen, das zwar (wie alle anderen) stattliche Preise hatte, mich aber lockte, weil ich unbedingt mal koreanisch essen wollte.

Hye-Suk bestellte sich chinesisches Essen, weil sie koreanisches zu Hause jeden Tag haben konnte. Und ich bestellte Takbulgogi, das war im Prinzip ein großer Teller fein geschnittenes Hähnchenfleisch mit Gemüse, auf einem in Holz gefassten eisernen Teller serviert, von dem das Fett noch in alle Richtungen spritzte, als er mir auf den Tisch gestellt wurde. Dazu hatte ich Kimchi bestellt, was hier extra kostete, in Korea aber normalerweise zur Standardbeilage jeden Essens gehörte.

Hye-Suk fand heraus, dass eine der Kellnerinnen Koreanerin war, und als sie dann endlich mal wieder in die Nähe unseres Tisches kam, sagte ich: "Sillehamnida, chokgarak chuseyo." Was bedeutete: "Entschuldigung, bringen Sie mir bitte Eßstäbchen." Sie lachte und wiederholte vorsichtshalber die beiden Worte, brachte mir dann aber das gewünschte. Ha, meine erste Bestellung auf Koreanisch! Immerhin ein Anfang.

Ein Anfang war auch das Essen mit den Stäbchen. Ich hatte das noch nie gemacht, und noch nie probiert. Und so stellte es sich als extrem kompliziert heraus. Witzig fanden es vor allem Hye-Suk und die beiden Kellner, die ab und zu grinsend vorbei gingen. Einer brachte Hye-Suk nach kurzer Zeit sogar ein zweites Paar Stäbchen, "so you can practise". Wie nett. Für Hye-Suk war es überhaupt kein Problem, die Dinger zu halten (klar, wenn man das schon seit 25 Jahren machte), aber mir rutschte das untere Stäbchen immer vom Mittelfinger herunter, und ich hatte extreme Koordinationsprobleme, weil das obere Stäbchen mal zu lang, mal zu kurz war, und sich die Spitzen nicht trafen, wenn ich zupacken wollte. Bis ich nach einer Viertelstunde oder so endlich den Trick halbwegs raus hatte und es mir gelang, auch die restlichen Stückchen in meinen Mund zu befördern.

Puuh. Das Essen war gut gewesen, und ich hatte auch mal wieder eine neue Erfahrung gemacht. Das war doch ein ganz guter Anfang, dachte ich mir, war aber trotzdem froh, als wir wieder im Hotel waren. Obwohl es noch nicht spät war, waren wir ziemlich geschafft. Also sahen wir kurz auf die Londonkarte und planten, wo wir am nächsten Tag hingehen würden, machten uns dann aber bereit fürs Bett, und gingen schlafen.


Hier gehts weiter!


[ 05.10. ] [ 06.10. ] [ 07.10. ] [ 08.10. ] [ 09.10. ] [ 10.10. ] [ 11.10. ] [ 12.10. ] [ 13.10. ] [ 14.10. ] [ 15.10. ] [ 16.10. ] [ 17.10. ] [ 18.10. ] [ 19.10. ] [ 20.10. ] [ 21.10. ] [ 22.10. ] [ 23.10. ] [ 24.10. ]