20 Tage, 05.-24.10.2006
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Samstag, 14. Oktober

Der Abschied aus Rothenburg fiel uns nicht so leicht, obwohl es ein wenig neblig war - aber wir stärkten uns mit einem guten Frühstück, und fuhren los. Mit zweieinhalb Stunden war die Fahrt sehr lang und anstrengend. Immerhin war die Nacht okay gewesen, ich hatte sehr gut geschlafen.

In München ließ ich mich von meinem Navi zum Hauptbahnhof lotsten, wo ich das Auto in ein Park&Ride-Parkhaus der Bahn stellte. Witzig war, dass man mit dem Wagen in einen Aufzug fuhr, der einem dann in die oberen Stockwerke bugsierte. Wir wussten, dass wir uns zuerst um eine Unterkunft kümmern sollten, damit der Rest des Tages möglichst stressfrei verlaufen konnte..

Im Bahnhof mussten wir jedoch zunächst auf die Toilette. Hier war es so, dass die öffentlichen Toiletten in der Hand einer Toilettenkette waren, deren Name zwar modern klang, mir jetzt aber partout nicht mehr einfallen will. Alles war extrem modern gestylt, und zur Durchschreitung der Drehkreuze hatte man einen Euro (oder 1,20?) zu bezahlen. Männer konnten auch eine Abzweigung zu den Pissoirs benutzen, die nur mit 60 Cent zu Buche schlug.
Unglaublich...

Auf unserem Weg durch die Bahnhofshalle sprach mich ein Mann an und fragte, ob wir eine Unterkunft suchten. Ich nickte, doch der Typ erschien mir sehr suspekt. Er redete nur gebrochen Deutsch, er hatte einen osteuropäischen Akzent, und war ziemlich erpicht darauf, uns "schöne Privatzimmer sehr gunstig fur nur 20 Euro" anzudrehen. Hinfahren würde er uns auch noch. Nee nee, dachte ich, nachher landen wir noch in den Händen der russischen Mafia und werden ausgeraubt und geschändet... hach, große Städte eben...

Gegenüber des Bahnhofs gingen wir in das easyInternetCafe, um an einem PC nach einer Unterkunft zu suchen. So easy war das alles dann aber auch nicht. Einem störrischen Automaten trichterten wir 1,80 Euro ein, bis dieser uns eine Nummer ausdruckte, mit der wir eine Stunde lang surfen durften. Das Cafe war riesig, über 400 Plätze waren vorhanden. Doch die meisten Flachbildschirme machten keinen allzu modernen Eindruck mehr. Ihre Farben waren allesamt verblasst, viele flackerten und hatten Aussetzer oder blinde Stellen.

Ich suchte etwas im Internet, doch fand auf Anhieb nichts wirklich passendes. Also sah Hye-Suk in ihrem Reiseführer bei den Budget-Unterkünften nach. Ein "Hotel Helvetia" sei mit 25 Euro sehr günstig, außerdem war es angeblich ein 2*-Haus, sodass ich Hoffnung hatte, ein halbwegs ordentliches Zimmer zu bekommen. Noch dazu lag es direkt in der Nähe des Bahnhofs.

Die junge Frau am Telefon sagte, dass sie leider kein Zimmer mehr hätte, aber dafür eines in einer nahe gelegenen Pension, das sie uns geben könnte. Okay, so lange das irgendwie zu finden war und wirklich nur ein paar Minuten Fussweg entfernt, sollte uns das egal sein. Der easyInternetPC war ohnehin gerade aus unerfindlichem Grund vollständig abgestürzt, sodass wir uns auf den Weg machten.

Doch als wir an der im Reiseführer genannten Adresse ankamen, fanden wir dort nur eine verschlossene Tür und einen nach Pisse riechenden Eingangsbereich. Na toll. Ich rief also wieder an und fragte, ob die Adresse noch korrekt sei. War sie natürlich nicht. Der Eingang sei nun eine Straße weiter. Doch leider verstand ich die Dame nicht sehr gut wegen des Straßenlärms und ihrem starken Akzent, sodass ich irgendwann einfach nur noch "Ja" sagte.

In der anderen Straße, die sie mir genannt hatte, fand ich dann allerdings auch kein Hotel Helvetia. Nur diverse Backpacker-Hostels. Nervös ging ich mehrmals die Straße auf und ab, bis ich wieder merkte, dass Hye-Suk böse wurde. Sie konnte das nicht ausstehen, wenn sie Wege sinnlos gehen musste. Also rief ich erneut an, allerdings mit Hye-Suks geliehenem Handy (mit sehr hohen Gesprächsgebühren), weil meinem der Akku leer gegangen wr, und erfuhr, dass das Hotel auch einen anderen Namen hatte. Irgendwas mit "agers".

Gut gut. Ich war nicht weit entfernt vom "Wagers" (englisch gesprochen), einem Backpacker Hostel. Dort drin konnte sich allerdings niemand erinnern, jemals mit mir gesprochen zu haben. "Wenn sie es hätten, wüsstens Sie es", meinte ich nur, und fragte dann, wo denn das Hotel sei, das früher mal Helvetia hieß. "Ach, Sie meinen das Yagers!" Ach ja! Natürlich! Das sei gerade ein paar Meter weiter...

Das war vielleicht ein Tag, dachte ich mir, hoffentlich würde der noch besser werden... Endlich im Yagers angekommen (war Helvetia wohl doch ein zu altmodischer Name gewesen) musste ich gar nichts sagen. Das Mädel hinter dem Tresen erkannte mich sofort an meinem suchenden Blick. Wie in Hostels offenbar so üblich bezahlten wir unsere Zimmer im Voraus und mussten noch ein Sicherheitspfand in Höhe von 20 Euro für den Schlüssel hinterlegen. Dann erhielten wir von ihr einen Plan, wie wir zu dieser Pension kommen sollten. Nun gut.

Sehr weit war es tatsächlich nicht. Mir fiel nur auf, dass wir uns hier offenbar mitten im Türkenviertel von München befanden. Nicht dass ich mich wirklich schlecht gefühlt hätte, aber von den netten Gassen in Rothenburg war das plötzlich Welten entfernt...

Wir fanden die "Pension" sofort, direkt hinter einem türkischen Gemüseladen, an dem ein Verkäufer ständig irgendwelche türkischen Parolen durch die Gegend schrie. Und als wir dann unser Zimmer öffneten, sahen wir zwei Betten und... Gepäck von einem jungen Mann und einer junge Frau. Argh!

Also erstmal kurz ausgeruht und wieder mit Hye-Suks Handy angerufen. "Oh my god, you are kidding", sagte das Mädel im Affekt, als ich ihr von dem Gepäck erzählte. Und nun wusste ich auch, welchen Akzent ihre Stimme hatte. Ich unterhielt mich nun hauptsächlich in Englisch mit ihr, weil sie das besser konnte als Deutsch. Sie versprach das zu klären und mich zurückzurufen, was allerdings nicht ging, weil ich ja mit Hye-Suks Handy mit koreanischer Nummer... also sollte ich nochmal anrufen. Was ich brav tat. Ja, da gab es wohl eine Doppelbuchung, sorry, sorry... sie könne uns den Schlüssel bringen, aber dazu müssten wir noch ne halbe Stunde warten, bis sie dort raus könne, oder ich könne ihn schnell holen... was ich dann genervt tat. Hye-Suk bewachte das Gepäck.

Das Mädel entschuldigte sich bei mir und ich erhielt als Ausgleich für meine Mühen eine Hand voll Biergutscheine für die Yagers-Bar. Wie toll!

Das zweite Zimmer war dann auch endlich leer. Aber dennoch... es war eben Hostel-Standard: Extrem quietschende Stahlrohr-Gestell-Betten mit Federkern-Matratzen, die in den Rücken drückten, ein leicht miefender Raum und natürlich Etagen-Bad, aber dafür nen Kühlschrank. "Immerhin kostets nur 25 Euro", seufzte ich. Wir waren halt nicht mehr in Rothenburg.

Mittlerweile war es bereits 15 Uhr. Also machten wir uns auf in die Stadt. Doch zunächst hatten wir Hunger, und für den schnellen Hunger waren wir ja schon im richtigen Viertel. Ein Türke lotste uns schon in sein Restaurant, als ich nur kurz hinein schielte. Es war schön traditionell gestaltet, und ganz hinten saß die gute Mama und schälte Gemüse. Mit einem Wink von ihr verzogen sich die kleinen Kids von den guten Plätzen, sodass wir uns hinsetzen konnten. Hye-Suk aß hier dann ihren ersten Döner. Doch ich merkte schon, dass ihre Stimmung nicht mehr so der Bringer war. Und meine auch nicht.

Nach dem Essen nahmen wir die U-Bahn zum Marienplatz. Ich kaufte jeweils Tageskarten, weil ich dachte, dass wir sicher abends noch ein wenig herumfahren würden.

Als wir aus dem Untergrund kamen und über den Platz gingen, fühlte ich mich verloren und erdrückt. Soooo viele Leute! Es war Samstag, und da sei es hier wohl am schlimmsten. Man konnte kaum gehen, wurde von allen Seiten angerempelt, der ganze Platz war vollgepackt. Schrecklich!

Dennoch bummelten wir weiter zur Frauenkirche...

...und fanden irgendwo noch eine neuere, aber extrem reich geschmückte Kirche, an deren Namen ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann, weil andere Erinnerungen wichtiger sind.

Hye-Suk war müde, wollte nicht mehr wirklich gehen. Also liefen wir zum Viktualienmarkt, wo wir uns auf eine Bank setzten und diskutierten, was wir tun sollten. Sie redete leise davon, dass sie irgendein Festival oder eine Aufführung interessieren würde. Schön und gut, sicher gibts hunderte interessanter Dinge in Münchens Nachtleben, aber wie finden? Ich entschloss mich, zurück zum Bahnhof zu gehen und dort nach einem Eventkalender zu schauen.

Dort bekam ich dann auch einen am Zeitschriftenstand. Es war ein kleines Büchlein, das Geld kostete, und mir dennoch nicht wirklich weiter half. Wir saßen da und ich blätterte in dem Teil herum, ohne dass mir etwas tolles ins Auge sprang. Ich sah nach, was in den diversen Theatern lief, aber das waren alles deutsche Stücke, und die würde Hye-Suk nicht verstehen, schon gar nicht, wenn es da teilweise noch um politisches Zeug ginge, wie einige Titel vermuten ließen. Alles, was halbwegs interessant klang, war an diesem Abend aber ohnehin nicht verfügbar. Irgendwann hatte Hye-Suk genug und meinte, sie würde nun gerne ins Hotel gehen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Was war denn nun wieder verkehrt?

Also zurück ins Hotel... schweigend. Ich war genervt. Nun waren wir also in München, zahlten ein Heidengeld für Parkhaus und Unterkunft, und dann wollte die Dame noch nicht mal wirklich was sehen in der Stadt. Nicht dass ich unbedingt scharf drauf gewesen wäre. Ich mag keine großen Städte. Wenn, dann höchstens mit Leuten, die sich auskennen und mich mitziehen können. Aber allein, oder gar als "Führender", fühle ich mich verloren und extrem unwohl, vor allem nachts.

Im Türkenmarkt kaufte ich mir noch eine Schale Erdbeeren und ein paar Zwetschgen für zusammen gerade mal 1,40 Euro oder so. Das kam mir so billig vor, dass ich mich kaum traute, die Dinger zu essen. Sonderlich gut waren sie tatsächlich nicht, genießbar jedoch allemal.

Nachdem wir im Hotel ein bisschen geredet hatten, fand ich Hye-Suk dann wieder sympathischer. Sie brachte auf den Punkt, wie ihr die Stadt gefiel: "Rothenburg was like a dream, and München is reality." In der Tat, in der Tat...

Wir beschlossen, nicht mehr wegzugehen am Abend. Was anderes hatte ich auch nicht erwartet. Stattdessen bereiteten wir uns darauf vor, ins Bett zu gehen. Hye-Suk wusch noch einen Teil ihrer "secret clothes", die sie dann im Stahlschrank zum Trocknen aufhängte, immer so, dass ich sie nicht sehen konnte.

Als wir im Bett lagen, sprachen wir über viele, überwiegend private Dinge. So gefiel sie mir, unter vier Augen, wenn sie aus ihrem Leben berichtete. Es wäre schön, dachte ich mir, wenn sie auch in der Öffentlichkeit so reden würde wie an diesem Abend.

Und dann schliefen wir. Oder versuchten es zumindest. Mir war das Bett viel zu unbequem, das Zimmer zu hell, der Lärm von der Straße zu laut, und meine Gedanken kreisten um viele Dinge, nicht zuletzt um Hye-Suk. Was mochte sie bloß denken? Würde ich noch dahinter kommen?


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