20 Tage, 05.-24.10.2006
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Donnerstag, 12. Oktober

Der Tag begann mit einer langen Autobahnfahrt Richtung Norden. Viele Baustellen verhinderten ein zügiges Vorankommen, außerdem waren wir etwas zu spät losgefahren, sodass wir immerhin gegen Mittag, nach rund 2,5 Stunden, in Heidelberg ankamen.

Ich fuhr um Hauptbahnhof, den ich gerade noch so ohne das Navi fand, wo wir erst einmal die Toilette besuchten. Dort kam man aber nur hinein, wenn man Geld in einen Automaten warf. Schleusenverkehr wie in der U-Bahn. Ein freundlicher Herr half immerhin, wenn man keine passenden Münzen zur Hand hatte.

Für Hye-Suk war diese Erfahrung etwas gänzlich Neues. Diese Erfindung war noch nicht bis nach Korea vorgedrungen. Und auch ich werde wahrscheinlich nie verstehen, warum es die Besitzer der öffentlichen Gebäude, in denen die Örtlichkeiten untergebracht sind, es nicht schaffen können oder wollen, die Toiletten selbst zu unterhalten. Was soll man denn tun, wenn man gerade kein Geld mehr bei sich hat? In die Unterführung gehen und sich dort in die Ecke stellen? Ach, deshalb der Geruch... Seis drum. Das einzig gute an den meisten Bezahltoiletten ist, dass sie sauber sind.

In der Touristeninformation ließ ich mich von einer sehr unfreundlichen und offenbar ihren Job hassenden älteren Frau ein wenig beraten, wobei sie nur sehr wortkarg auf meine Fragen einging. Ich verglich das im Kopf sofort mit der Information in Zermatt. Dort waren die Mitarbeiter wesentlicher engagierter und freundlicher gewesen. Aber vielleicht hatte die gute Frau auch nur einen schlechten Tag erwischt.

Nachdem sie mir einen Stadtplan für einen Euro verkauft hatte (in den meisten anderen Städten gibt es diese Faltblätter umsonst), fragte ich sie, wo wir denn günstig übernachten könnten. Sie seufzte nur auf diese Frage und sagte: "Das ist nicht so einfach in Heidelberg..." Hallo? Nicht so einfach? Das ist doch ein Touristenort, oder? Dazu noch Nachsaison. Und dann sollte es keine Übernachtungsmöglichkeiten für unter 60 Euro geben? Aber in der Tat hatte ich schon zu Hause im Internet gesucht und nichts wirklich günstiges in Heidelberg direkt gefunden. Also gab mir die Tante ein Heftchen mit Anzeigen von Gasthäusern in einem nahe gelegenen Ort. Diese stellten sich dann jedoch fast alle als Ferienwohnungen heraus, und diese konnte man nun mal nicht für nur eine Nacht mieten.

Aber alles kein Problem, dachte ich, eine Unterkunft würden wir schon finden. Also folgte ich dem Parkleitsystem und fand eine Tiefgarage irgendwo mitten in der Altstadt. Als wir wieder Tageslicht sahen und ein paar Schritte gegangen waren, sahen wir auch schon das Heidelberger Schloss, das mich wegen seiner hügeligen mitten-in-der-Stadt-Lage ein klein wenig an das Castle of Edinburgh erinnerte.

Wir bummelten ein wenig durch die schönen Gassen der Stadt und beobachteten die Menschen, die uns auf der Straße entgegen kamen. Viele junge Menschen waren darunter, weil Heidelberg eine beliebte Studentenstadt ist, aber auch viele Asiaten, darunter weit mehr Koreaner als an jedem anderen Ort zuvor. "Koreans love Heidelberg", meinte Hye-Suk. Dies sei die Stadt, die jeder Koreaner in Deutschland zu sehen hatte.

Hier fanden wir deshalb auch die erste Beschriftung eines Geschäfts im koreanischen Alphabet, statt, wie sonst, nur in Japanisch oder Chinesisch: paek-hwa-choem = Ladengeschäft.

Hye-Suk interessierte sich aber vor allem für das hier:

Ein riesiger Laden namens "Käthe's Wohlfahrt", der fast ausschließlich Weihnachtsschmuck und alles, was dazu gehörte, verkaufte. Immerhin kam ich so zu dem Vergnügen, auch mal wieder Krippen und andere hölzerne Souvenirs in den unterschiedlichsten Versionen sehen zu können.

Dann begannen wir den Aufstieg zum Schloss. An einer Kreuzung sah ich diesen lustigen Red-Bull-Mini, der zwar nicht unbedingt aerodynamisch, aber dafür umso interessanter gebaut war:

Der Weg nach oben war recht steil, und Hye-Suk hatte mit der zunehmenden Steigung merklich zu kämpfen. Immer wieder machten wir kurze Pausen...

...bis wir dann endlich das Schloss erreicht hatten und einen schönen Blick über die Stadt genießen konnten.

Zur Stärkung gabs Lebkuchen und Äpfel:

Dann sahen wir uns die verfallene Ruine weiter an:

Für den Eintritt zum Innenhof war wieder einmal Geld zu bezahlen, obwohl man dafür nicht wirklich viel geboten bekam. Hauptsächlich andere Ansichten auf die umliegenden Mauern.

Aber auch zwei berühmte Weinfässer. Ein großes...

...und ein riesengroßes, welches aber so groß war (und der Raum so dunkel), dass es nicht in Gänze zu fotografieren war. Dafür konnte man es über eine Treppe besteigen, einmal von der oberen Plattform (die früher als Tanzboden diente) 7 Meter hinab sehen, und auf der anderen Seite wieder hinuntersteigen. Wenn man Geld hatte, durfte man sich auch noch mit Wein eindecken. Aber nicht aus dem großen Fass. Denn obwohl dieser im Jahr 1751 erbaute Koloss 222000 Liter fassen könnte, war es nur ein paar Mal mit Wein gefüllt, bis man merkte, dass man es nie richtig dicht kriegen würde.

In das Schloss hinein durfte man leider nur als Mitglied einer Führung. Jedoch war es bereits später Nachmittag, und die letzte hatte vor wenigen Minuten begonnen. Also begnügten wir uns damit, noch kurz auf die Toilette zu gehen, bevor wir wieder in die Innenstadt zurückkehrten. Und selbst hier war das stille Örtchen nicht kostenfrei. Wo es meist ja noch so ist, dass einfach ein auf Münzen wartendes Tellerchen bereitsteht, war es hier ein älterer Herr, der rigide seine 80 Cent pro Benutzung eintrieb. Als ich im Vorraum auf Hye-Suk wartete, redete ich ein bisschen mit ihm und half ihm bei der Verständigung mit einer Japanerin, die lustigerweise mit Schweizer Franken bezahlen wollte. "Die Leute versuchen es mit allen Tricks", sagte er lächelnd. "Ich höre das dutzende Male am Tag. Ich hab kein Geld, ich hab keine Euro. Da darf man nicht nachgeben! Ich sag immer: Einmal nachgeben heißt immer nachgeben. Aber nicht mit mir!"
Ich hatte ja keine Ahnung, wie stressig und kommunikativ der Job eines Klowächters sein konnte.

Wieder draußen sah ich die Japanerin, die wild mit ihrem Mann herum gestikulierte, der sich schließlich dazu überreden ließ, mit ihr auf die Toilette zu gehen.

Ach, fast hätte ich das Panorama vergessen:

Zurück in der Innenstadt, sitzend auf einem der zahlreichen Plätze, machte ich mir ernsthafte Gedanken über unsere Unterkunft. Ich suchte den Zettel, den ich tags zuvor zu Hause ausgedruckt hatte, bis mir einfiel, dass ich ihn im Drucker liegen gelassen hatte. Also rief ich meine Mutter an, die mir die Telefonnummern der Gasthäuser nannte. Ich plante, an diesem Tag noch nach Rothenburg weiter zu fahren und dort zu übernachten. Doch leider waren beide Adressen schon ausgebucht. "Don't get nervous", sagte Hye-Suk, doch das änderte nichts daran, dass ich genau das wurde.

Also suchte ich die zweite Touristeninformation, die in der Innenstadt lag, und fragte das dort sitzende Mädchen dieselbe Frage. "Da haben Sie wohl keine Chance in Heidelberg...", meinte sie freundlich. Zwar gäbe es "irgendwo da hinten" eine günstige Unterkunft, aber wahrscheinlich nur mit Mehrbettzimmern. Da wir mobil seien, sollten wir doch "einfach" mal im Umland suchen, da fänden wir bestimmt etwas. Ja, ganz toll. Sollte ich jetzt etwa diverse Dörfer abklappern, bis ich ein Hotel in unserer Preisklasse gefunden hatte?

Nicht mit mir. Ich brauchte Internet. Auf dem Stadtplan waren die Adressen von mehreren Internet-Cafes angegeben. Nach längerer Suche fand ich eines, das aber nur W-LAN anbot, was mir wenig half. Und das andere konnte ich nicht finden, weil der Stadtplan kein Straßenregister hatte. Also versuchte ich, die Adresse in mein Navi einzugeben, doch das hatte zwischen den Häusern nur schlechten Empfang. Als wir die entsprechenden Straßen dann mehrmals auf und ab gegangen waren, fand ich das Cafe endlich in einer Seitenstraße. Das war ja ganz leicht, Mensch! Es war zudem modern ausgestattet und kostete nur 1,50 Euro pro Stunde.

Jetzt, mit Internet und Handy, war die Suche um einiges einfacher. Ich fand ein günstiges Hotel für 39 Euro pro Einzelzimmer, das in irgendeinem Kaff in der Nähe lag. Und ich buchte auch gleich noch ein Zweibettzimmer in Rothenburg. Somit waren die Unterkunftsprobleme endlich gelöst und ich konnte aufatmen.

Jetzt mussten wir nur noch zu Abend essen. Das war stressiger als man denken könnte. Ich hatte ja noch im Hinterkopf, dass die Dame Sauerkraut essen wollte, also wollte ich auch ein Lokal finden, welches dies auf der Karte hatte. Dummerweise waren die guten Restaurants alle überfüllt, andere hatten kaum Auswahl an Speisen, und so gingen wir die Straße mehrmals auf und ab, bis wir uns endlich irgendwo hinein setzten. Dummerweise war unser Platz direkt in der Nähe eines Lautsprechers, und weit und breit war keine Bedienung in Sicht, auch nicht nach 10 Minuten. Und da Hye-Suk ja immer noch am liebsten sprach, wenn wir irgendwo saßen, wollte ich mir das nicht durch zu laute Musik verderben lassen. Also gingen wir wieder hinaus und fanden endlich ein ruhiges Restaurant, in dem sie Schweinebraten mit Knödel und Sauerkraut bestellte und ich mir den Kann-nie-schiefgehen-Klassiker Wienerschnitzel mit Pommes.

Dort gab mir Hye-Suk dann zu verstehen, dass sie das überhaupt nicht toll fand, dieses ewige Suchen nach einem Restaurant. Ihre Stimmung war dementsprechend. Ja super, dachte ich mir, vielleicht hättest du einfach die Entscheidung treffen sollen? Ich weiß ja, dass ich mich schlecht entscheiden kann und immer nach dem besten Kompromiss suche, was oftmals schwierig ist. Und überhaupt, es dauerte zwar ne Weile, aber immerhin hatten wir nun einen Schlafplatz und bekamen was zu essen. Ich versuchte sie dennoch wieder aufzuheitern, was mir aber nicht sonderlich gut gelang. Dazu fand sie den Schweinebraten nicht gerade gut, und Sauerkraut schmeckte ihr ebenfalls nicht (was ich ja verstehen konnte). "But it's a good experience", meinte sie. Und da hatte sie allemal recht.

Nach dem Essen redeten wir nicht lange, obwohl sich ihr Groll auf mich immerhin wieder etwas gelegt zu haben schien. Ich machte noch ein Abschiedsfoto vom Schloss...

...und wir gingen zum Auto, wo ich die Adresse des Hotels in mein Navi tippte. Wieder einmal war ich froh darum, so ein Gerät zu haben, denn ich hätte nicht gewusst, wie ich sonst aus der Innenstadt von Heidelberg heraus den kleinen Ort Bammental hätte aufspüren sollen, noch dazu bei Dunkelheit.

Im Hotel verlief alles reibungslos, die Zimmer waren okay, und die Betten nicht zu unbequem. Ich hoffte nur, dass die Stimmung an den folgenden Abenden besser sein würde als an diesem. Und nahm mir jetzt schon vor, Hye-Suk in Rothenburg die Auswahl eines Restaurants zu überlassen...


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