20 Tage, 05.-24.10.2006
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Mittwoch, 11. Oktober

Als ich morgens, nicht zu früh, in die Wohnung meiner Mutter kam, konnte ich Hye-Suk nirgends finden. Erst als ich dann im Wohnzimmer einen Schritt zu viel getan hatte, sprang sie plötzlich hinter dem Schrank hervor, um mich zu erschrecken. Wir beide fingen herrlich an zu lachen, und ich fühlte, dass von nun an alles etwas leichter sein würde.

Wir setzten uns vor den Computer, um Informationen über Heidelberg und Rothenburg herauszusuchen, die beiden Orte, die wir in den nächsten Tagen unter anderem besuchen wollten. Ich druckte zwei Übernachtungsmöglichkeiten für Rothenburg aus, weil ich dachte, wir würden erst dort übernachten, bzw. dachte, es sei kein Problem, in einer Touristenstadt wie Heidelberg eine Bleibe zu finden, sollte dies denn nötig werden.

Gegen Mittag fuhren wir in Richtung Freiburg. Und gerade als wir dort ankamen, hatte sich der Nebel weitestgehend verzogen.

Das Münster war leider, wie seit Jahren immer wieder, kräftig eingerüstet. Der saure Regen nagt doch leider viel zu stark am alten Stein...

Auf dem Münsterplatz fand ein Markt statt...

...auf dem es natürlich auch das gab, für das Deutschland (mit) am berühmtesten ist: Würste.

Natürlich war Hye-Suk extrem daran interessiert, endlich mal eine deutsche Wurst zu probieren, weil sie im Supermarkt schon Augen gemacht hatte, wie viele verschiedene Sorten Wurst es in Deutschland zu kaufen gibt.

Also kaufte ich mir eine Currywurst und sie sich eine Bockwurst. Wir verzogen uns in eine ruhige Seitenstraße, setzten uns auf eine Treppe, und genossen unser Mittagessen.

Wie man auf dem Bild sehen kann, schmeckte ihr die Wurst überraschend gut. Nach dieser kleinen Mahlzeit spazierten wir etwas durch die Straßen von Freiburg, wobei sie wieder überwiegend ruhig war, aber nicht ganz so ruhig wie noch in den Tagen zuvor.

Die Freiburger "Bächle" sind charakteristisch für diese Stadt. Sie stammen noch aus dem Mittelalter. Da die Menschen damals die Angewohnheit hatten, all ihre Exkremente einfach aus dem Fenster hinaus zu schütten (aus den Augen, aus dem Sinn?), dienten diese Rinnen nicht nur zur Gebrauchtwasserversorgung sondern wohl auch als Klospülung. In anderen Städten gab es diese Rinnen nicht, weshalb die wohlhabenderen Menschen im Sommer, wenn es besonders übel stank, auf ihren Landsitz zogen...

Leider führten die Bächle an diesem Tag kein Wasser:

Nach diesem Rundgang gingen wir in das Innere des Münsters. Während mich bei Kirchen eher die Architektur von außen und von innen interessiert, war Hye-Suk am meisten fasziniert von den farbigen Kirchenfenstern:

Wobei mir Details wie diese hier auch sehr gut gefielen:

Nach einem Rundgang durch die Kapellen im hinteren Bereich bestiegen wir den Turm, wobei Hye-Suk, die beim Treppensteigen müde wurde, vorschlug, hier doch mal einen Lift einzubauen.

An den diversen Graffiti an den Hölzern im Glockenturm war zu sehen, dass auch schon Koreaner hier gewesen waren. Davon mal ganz abgesehen, und total am Thema vorbei, gefiel mir Hye-Suk an diesem Tag äußerst gut. Mit dem blauen Basecap und ohne Brille sah sie viel lebhafter und süßer aus als an den Tagen zuvor.

Ich hatte mich auch schon gefragt, warum sie immer Kopfbedeckungen trug. Und sie erklärte mir, dass die Sonne sie sonst zu stark blenden würde, was ich nicht ganz nachvollziehen konnte. Doch als sie mein Gesicht beobachtete, rief sie, ich hätte einen Schatten über meinem Auge, hervorgerufen durch die kräftige Einbuchtung, die bei asiatischen Gesichtern fast nicht vorhanden ist. Überhaupt fand sie mein Gesicht extrem interessant, aber dazu... später mehr.

Vom Turm aus hatte man trotz Gerüst einen schönen Blick über Freiburg, der Hye-Suk aber offenbar kaum interessierte.

Stattdessen saß sie da und ruhte sich aus. Jetzt waren wir extra da rauf gestiegen, und sie wollte nicht einmal nach unten schauen!

Immerhin, letztlich konnte sie sich dann doch noch aufraffen und machte ein paar Fotos, bevor wir den Rückweg antraten.

Von diesem Haus hatte ich ihr bereits eine Postkarte geschickt. Von daher fand ich es witzig, sie nun davor stehend abzulichten:

Nachmittags saßen wir in einem Cafe und aßen zwei riesige Eisbecher. Hye-Suk schaffte ihren nicht, sodass ich als Gentlemen natürlich gerne mithalf.

Überhaupt, sie konnte mir endlich auch über eine längere Zeit (d.h. mehr als zwei Sekunden) in die Augen sehen, ohne dass sie sich verschämt wegdrehte oder ich auf diverse andere Teile starren musste, damit sie sich nicht unwohl fühlte. Als ich dann aber mit meinem Freund Joachim telefonierte, um ihn zu fragen, ob er am Abend schon etwas vor hätte, wurde sie doch nervös. Dennoch, natürlich wollte er sie auch mal sehen, und verzichtete dafür sogar auf ein Fußballspiel.

Als wir wieder zurück in meiner Wohnung waren, wollte Hye-Suk erst einmal ihre "geheime Wäsche" waschen, was sie bei mir tat, weil meine Mutter keinen Trockner hatte. Ich dachte mir, hey, nicht so tragisch, ich weiß wie BHs und Slips aussehen, aber natürlich sah ich weg und gab ihr meine Wäsche (damit es sich lohnte) und Anweisungen zur Bedienung. Sie half mir dann auch noch beim Zusammenlegen und Sockenpaare-Suchen, und zeigte sich amüsiert über ein paar meiner Slips, die noch in der Wäsche lagen ("Hey, what's that?"), und ich fand noch einen von ihren, den sie aber extrem schnell verschwinden ließ.

Wir aßen die Kimchi- und Reis-Reste, übten ein wenig Yoga (ja, ich konnte mir die Übungen echt nicht merken, und außerdem war es mir fast peinlich, ihr gegenüber diese seltsamen Haltungen einzunehmen - sofern mir das überhaupt gelang), und dann führte ich ihr mein Heimkino vor. Auf der großen Leinwand sahen wir uns einen Teil der Meeresdokumentation "Deep Blue" an, welche die wahrscheinlich besten Aufnahmen aus der Welt der Meere und Strände dieser Erde enthielt. Doch, wie so oft, konnte ich nicht feststellen, ob es ihr gefiel. Kein Wort der Begeisterung. Höchstens mal ein "delicious!", wenn ein Tintenfisch durchs Bild schwamm.

An einem späteren Tag erfuhr ich dann von ihr, dass ihr dieser Film wirklich sehr gefallen hatte. Zu diesem Zeitpunkt wunderte ich mich darüber, wieso mir das nicht aufgefallen war. Es gab da wohl noch einiges über ihren Charakter zu lernen.

Abends besuchten wir dann meinen Freund Matthias in dessen Wohnung. Seine Frau, deren zwei kleine Kinder, und Joachim sollten ebenfalls da sein. Während der Fahrt war Hye-Suk extrem nervös. Gleich zwei neue, fremde Männer! Da halfen auch all meine Beschwichtigungsversuche nichts mehr. Faszinierend fand ich jedoch, dass sie nun nicht mehr still nervös, sondern hibbelig nervös war. Soll heißen: Sie witzelte etwas herum, sagte sie sei nervös, schrie ab und zu mal einen Seufzer durch meinen Wagen, hatte sich dann aber beruhigt, als wir vor dem Haus parkten.

Am Tisch mit meinen Freunden war die Situation dann auch wesentlich entspannter, als selbst ich mir erhofft hatte. Wir lachten extrem viel und alle versuchten, hauptsächlich Englisch zu sprechen, was mir und Joachim gut gelang, Mirjam, Matthias' Frau, allerdings vor Schwierigkeiten stellte. Das machte jedoch nichts, da sie (im Gegensatz zu ihrem Mann) extrem gerne sprach, und einfach irgendwas sagte, ohne zu viel darüber nachzudenken. Das wünsche ich mir auch manchmal, wenn ich eine Fremdsprache spreche. Denn meist ist es doch besser, irgendwas zu sagen, auch wenn man sich wegen der Grammatik nicht ganz so sicher ist, als sich vor jedem Satz ewig zu überlegen, wie man diesen nun korrekt aussprechen sollte.

Genau das ist nämlich mein Problem. Im Cafe in Freiburg hatte mich Hye-Suk gefragt, ob wir mal Koreanisch sprechen sollten. Ich fand das eine tolle Idee, weil wir das bisher noch nicht gemacht hatten. Sie fragte nur, wie es mir ginge, und ich wusste verdammt nochmal die Antwort, aber ich wollte sie aus irgendeinem Grund nicht aussprechen, weil ich dachte, sie könnte falsch sein. So geht es mir oft, und hinterher hasse ich mich dafür.

Trotz allem war Hye-Suk am Tisch zwar interessiert dabei, stellte aber fast keine Fragen, und beschränkte sich darauf, die Fragen an sie zu beantworten. Wobei vor allem Mirjam, wie ich merkte, darauf achtete, sie nicht mit zu vielen Fragen zu überrumpeln.

Mirjam und Matthias hatten an diesem Tag Maroni (Edelkastanien) gesammelt, die wir gemeinsam aufschlitzten und in den Ofen stellten, um sie hinterher zu essen. Ich muss zu meiner Schande gestehen, noch nie Maroni gegessen zu haben, obwohl in jedem Winter in den städtischen Straßen diverse Händler mit ihren dampfenden Maroni-Kesseln herumstehen. Andererseits muss ich nun auch sagen, dass ich damit nicht viel verpasst habe. Und Hye-Suk? Die kannte Esskastanien, was mich ein klein wenig überraschte. Aber es sei wohl eine recht beliebte Speise an Chuseok, dem koreanischen Erntedankfest (was dieses Jahr Anfang Oktober stattfand und als wichtigster koreanischer Feiertag 3 Tage lang dauert - und dieses Jahr war sie das erste Mal nicht dabei gewesen).

Nach dieser ungewohnten Geschmacksexplosion (wer Ironie findet, ...) spielten wir eine Runde Kniffel (auch als Yahtzee bekannt), was wiederum (natürlich) ein erstes Mal für Hye-Suk war. Auch ich hatte dieses Würfelspiel schon lange nicht mehr gespielt. Matthias gewann, aber auch nur, weil er als einziger genügend Glück hatte, einen Kniffel (fünf gleiche Zahlen) zu werfen. Hye-Suk wurde zweite. Und ich immerhin nicht letzter.

Ich lieferte Hye-Suk in der Wohnung meiner Mutter ab und versuchte in dieser Nacht gut zu schlafen, weil ich in den nächsten Tagen viel Auto fahren musste, was mir vor allem wegen meinen seltsamen Schmerzen im Bein schon etwas Sorgen bereitete.


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