20 Tage, 05.-24.10.2006
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Montag, 9. Oktober

300 Franken hatte ich abgehoben und hoffte, dass diese für Zermatt reichen würden. Die Schweiz ist teuer, was einer der Gründe sein mag (neben dem Wandern), dass hauptsächlich ältere Leute (und Japaner) im Sommer dorthin fahren.
Hye-Suk hatte eine Menge Energie, wie sie sagte, das Wetter am Zielort versprach bombig zu werden, und so konnte eigentlich nichts mehr schief gehen.

Doch trotz aller Energie sprach sie kaum während der Fahrt. Es war langweilig. Autobahn, Baustellenstau, nur Murks im Radio, und eine stille Frau auf dem Beifahrersitz. Was mochte sie denken? Warum sagte sie nichts? Warum warum warum? Verdammt!

Ich sagte ihr, dass sie mir sprechend viel besser gefallen würde, und dass es mir beim Fahren gegen die Langeweile helfen würde. Also sprachen wir eine Zeitlang über den nordkoreanischen Atomtest, der tags zuvor geschehen war. Sie hat das nicht sonderlich geschockt. Und offenbar ist es tatsächlich so, dass die Südkoreaner, die am nächsten an diesem gefährlichen Land leben, am wenigsten Angst vor dessen Entwicklung haben. Möglicherweise liegt es daran, dass die meisten Koreaner sich verbunden fühlen mit ihren ehemaligen Landsleuten im Norden, und es schon gewohnt sind, dass Kim Jong Il immer mal wieder seine Macht beweisen muss. Die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung ist sehr stark verbreitet in Südkorea, und Deutschland dient hier als gutes Vorbild.

Doch Politik ist kein allzu tolles Gesprächsthema für eine längere Zeit. Und so schwiegen wir uns weiter an, bis wir von einem Punkt aus endlich Berge sahen.

Obwohl Hye-Suk noch nie in ihrem Leben hohe Berge gesehen hat, hörte ich kein Wort der Begeisterung. Ich beobachtete sie und wusste nie so recht, was sie dachte. Es konnte doch nicht sein, dass sie so emotionslos war! Komm schon, Hye-Suk, zeig mal bitte, wie es dir gefällt. Zeig mal, ob es dich ankotzt oder dich überwältigt. Zeig es mir, bitte!

Sie tat es nicht.

Nachdem mich das Navigationssystem von der Autobahn hinunter und über viele kleine Straßen geführt hatte (wo es mehrmals die Route neu berechnen musste), tauchte plötzlich ein Berg vor uns auf und wir standen im Stau. Dann kam ein Kassenhäuschen. Und ich wusste nicht, was los war. Maut auf ner Landstraße? Vielleicht ein paar Franken? Als ich dann ein Gleis und mehrere Züge sah, dämmerte es mir. Ich musste 20 Franken bezahlen und erhielt ein kleines Informationsblatt. Autoverladung. Lötschbergtunnel. Ach so!

Nach einiger Zeit (die Ankunftszeitberechnung meines Navi sah das Warten auf einen Autozug leider nicht vor) fuhren wir mit dem Auto auf den Zug, der uns dann 15 Minuten lang durch den stockfinsteren Tunnel fuhr.

Das schien Hye-Suk nun endlich zu gefallen. Mit einem Auto auf einem Zug zu fahren. War auch das erste Mal für mich. Noch dazu, weil ich das im Voraus nicht gewusst hatte. Das Navi hatte nur "auf Fähre umsteigen" gesagt. Wie schön.

Nach dem Tunnel war es immer noch eine lange Fahrt bis nach Zermatt, das im tiefen Süden der Schweiz liegt. Da der Ort komplett autofrei ist, konnten wir nur bis Täsch fahren, um dort in einen Zug umzusteigen, der uns für läppische 18 Franken pro Person (immerhin hin und zurück) nach Zermatt brachte.

Gegen 13 Uhr waren wir dann endlich da. Netter Touristenort. Super Wetter. Menschen aus allen Teilen dieser Erde auf den Straßen. Vor allem viiiiiele Japaner. Bei bis zu 20 Grad war es uns allerdings viel zu warm. Und auch ich hatte extra meine Winterjacke mitgebracht, die ich bald wieder auszog und so mit mir herum schleppte - was sich allerdings als extrem unkomfortabel herausstellte.

Rund 90% der Häuser in Zermatt waren Hotels. Die restlichen Läden oder Restaurants oder beides. Die Preise auf den Speisekarten machten keine Lust darauf, die Lokale zu betreten. Hauptgerichte begannen bei rund 25 Franken. Ein vollwertiges Menü mit Dessert und Getränken konnte da locker auf bis zu 80 Franken für zwei Personen kommen. Das wollten wir unseren Geldbeuteln nicht unbedingt antun und begnügten uns vorerst mit den Brötchen, die ich mitgebracht hatte.

Und dann, endlich, sahen wir das Matterhorn, als wir über eine Brücke im Dorf gingen. Klar, dass hier ein paar Fotos zu machen waren.

Um ca. 14 Uhr standen wir in der Talstation der Seilbahn und ich bat um zwei Karten für das Glacier Paradise, dem höchsten Punkt, den man mit dieser Bahn erreichen konnte. Doch dummerweise meinte die Dame, dass wir davon kaum was hätten, da die letzte Talfahrt schon um 15:45 Uhr stattfände und man mindestens eine Stunde bräuchte, um nach oben zu kommen. Also kaufte ich nur eine Karte für die erste Station, Furi, die auch "nur" 16 Franken p.P. kostete. Sie riet uns, am nächsten Morgen nach oben zu gehen, aber eigentlich hatte ich keine Übernachtung eingeplant.

Die Fahrt mit der Seilbahn war ein weiteres erstes Mal für Hye-Suk. Sie genoss es zwar sichtlich, doch sagte sie kein einziges Wort auf dem Weg nach oben.

Oben angekommen...

...wanderten wir etwas herum, trafen einen netten Hund...

...sonst aber, dank Nachsaison, kaum Menschen auf den kleinen Wegen, auch die Restaurants hier oben waren alle geschlossen. Wir genossen die Aussicht...

...und beobachteten die Schafe, die wegen ihrer Glöckchen von weitem hörbar durch alle Gärten watschelten und jeden Grashalm sowie jede Blume, die sie finden konnten, in ihren Mägen verschwinden ließen...

...und ab und zu boten sich nette Ansichten wie von diesem kleinen Holzschuppen...

...doch wir sprachen wenig.

Und als wir schließlich auf einem dieser Hügel standen, ein paar Schlucke Wasser tranken, und die schneeweißen Bergspitzen betrachteten, war ich an einer Art Tiefpunkt angelangt. Ich hatte das Gefühl, dass ihr das hier nicht gefiel, obwohl ich mir sicher war, dass es ihr gefallen müsste. Und ich dachte auch, dass es möglicherweise wegen mir war, dass sie so wenig redete.

Ich sprach sie darauf an. Sie meinte, sie spräche generell eher wenig, aber es käme auf die Situation an. In Transportmitteln wie Seilbahnen oder U-Bahnen jedoch würde sie überhaupt nichts sagen. "It's a privacy thing", meinte sie. Sie will nicht, dass andere Menschen (die sie zwar nie wieder sehen würde) ihre Gespräche mitbekämen. Ich verstehe dies zwar nicht wirklich, aber es muss tief in ihrer Persönlichkeit verwurzelt sein. Typisch Koreanisch ist das nämlich nicht, wie mir an anderen Orten noch bewusster werden sollte.

Ich war nicht wirklich erleichtert, dass es nicht an mir liegen sollte, also sprach ich sie darauf an, ob wir wieder zurück fahren sollten. Und erst durch ihr Zögern auf diese Frage merkte ich, dass sie bleiben wollte, dass sie die Berge und den Schnee sehen wollte, genau wie ich auch. Immerhin ein Hoffnungsschimmer. Tau endlich auf, Hye-Suk! Sag mir, was dir gefällt und was nicht.

Und so entschloss ich mich (weil sie sich nicht entscheiden wollte), nach einem Hotel zu suchen (bzw. erst die Preise zu checken) und am nächsten Morgen die Seilbahn bis nach ganz oben zu nehmen.

Die Touristeninformation druckte uns mehrere Hotels aus. Die günstigen waren zwar mit Etagen-WC und -Dusche, aber das sollte uns wegen einer Nacht nicht abhalten. Nach einem Spaziergang...

...fanden wir unser Hotel...

...in dem wir zwei winzige Einzelzimmer für günstige 50 Franken pro Nacht bezogen. Der bierbauchige Hotelier, der sehr freundlich war, zeigte uns vorher die Zimmer sowie die Toilette. Im Lift, der zu klein war für drei Personen, stand Hye-Suk in einer Ecke und der Hotelier klemmte sich davor. Sie sah nur zu Boden, als der sie spitz im Schweizer Dialekt fragte: "Sind sie aus China?" Sie antwortete nicht, viel zu schüchtern das Mädel, also sagte ich "Nein". Er fragte "Taiwan?", ich wieder "Nein", und stellte ihn mit "Südkorea" zufrieden.

Wir ließen alle unhandlichen Dinge im Hotelzimmer, nahmen unsere Wertsachen jedoch mit, und machten uns auf die Suche nach etwas günstigem zu essen.

Nach einiger Zeit gaben wir die Suche auf und kehrten bei einem Italiener am Bahnhof ein. Dort bestellten wir eine Lasagne für uns beide ("wir sind nicht so hungrig") plus Getränke. "Zitronentee bitte", sagte ich, weil Hye-Suk gemeint hatte, den würde sie in Korea am liebsten trinken. "Zitronentee?", sah mich der Kellner fragend an. "Ach, ein Tee mit Zitrone!" rief er dann grinsend und verschwand. Äh, ja. Mit Tee ist das in Restaurants so eine Sache. Entweder Grün, Rot, Schwarz oder Pfefferminz. Sofern man diese Wahl überhaupt hat.

Beim Essen unserer Lasagne versuchte ich zu reden. Denn wenn Hye-Suk redete, dann nur unter vier Augen im (Hotel-)Zimmer, oder beim Essen. Ich wartete sehnlichst darauf, mich endlich wieder mit ihr zu unterhalten. Also fragte ich sie die verschiedensten Dinge, unter anderem über ihre Familie und ihren Bruder, von dem sie mir bisher noch nicht viel berichtet hatte.

Und dann, plötzlich, traten Tränen in ihre Augen. Es war ihr peinlich, aber sie konnte es nicht unterdrücken. Ich dachte über alles mögliche nach. Was war jetzt wieder geschehen? War es wegen mir? Wegen diesem Tag? Was war bloß falsch gelaufen? Oder sprach ich etwas an, was in ihr schlechte Erinnerungen hervorgerufen hatte?

Obwohl ich von der Situation total überwältigt war, weil ich damit nun überhaupt nicht gerechnet hatte, freute ich mich innerlich extrem. Es war das erste Mal, dass Hye-Suk starke Emotionen zeigte. Na endlich! Raus damit, ich hab kein Problem damit. Hier, ein Taschentuch. Du musst es mir nicht erzählen, wenn du nicht möchtest. Entschuldige, dass ich es angesprochen habe.

Nach einiger Zeit hatte sie sich wieder halbwegs gefangen und sie erzählte mir von ihrem älteren Bruder. Die Geschichte ist recht kompliziert und ich brauchte ein wenig, bis ich sie kapiert hatte. Es fällt mir nun auch schwer, sie vollständig wiederzugeben. Jedenfalls, ihr Bruder hatte sich nach seinem Studium in eine Frau verliebt und mit der aus Versehen ein Kind gezeugt. Doch weder er noch sie hatten Arbeit, und sie waren nicht verheiratet. Zudem zeigte er kaum Motivation, auf die notwendigen Examen zu lernen, damit er eine gute Arbeit finden könnte. Und all dies in Korea, wo genau diese Dinge das wichtigste überhaupt sind. Familie, Schule, Job.

Hye-Suk hatte öfter von ihrem Neffen erzählt, aber ich hatte mich nie über dessen Herkunft gewundert. Mittlerweile sei dieser über 5 Jahre alt. Und ihr Bruder muss 2 Jahre Militärdienst leisten. Dadurch sorgen nun Hye-Suks Eltern sowie die Familie seiner (mittlerweile) Frau gemeinsam für das Kind.

Mit all diesem Wissen konnte ich Hye-Suks Gefühlsausbruch verstehen, vor allem in Hinblick auf die koreanische Gesellschaft. Was muss das für ein Gefühl für ihren Bruder gewesen sein, als der zu seinen Eltern gehen und ihnen beichten musste, was geschehen war. Da war kurz vorher die Familie noch in Ordnung, und dann so etwas...

Nach dem Essen gingen wir durch die nächtlichen Straßen. Ich hatte keine Ahnung, wo wir hingingen, aber es fühlte sich gut an. Es fühlte sich sogar sehr gut an. Ich sprach mit Hye-Suk plötzlich über sehr persönliche Dinge, endlich! Endlich! Ich war so froh darüber, auch dass sie mir dies erzählte, dass ich mich ihr in diesen Minuten näher fühlte als die ganze Zeit zuvor.

Und auch Hye-Suk schien es, je länger wir gingen, zu gefallen. Vielleicht, weil sie mit jemandem darüber reden konnte, der Verständnis zeigte. Ich weiss es nicht...
Auf einem kleinen Platz vor dem Hotel hielt ich sie an und gebot ihr, mal nach oben zu sehen. Der Himmel war sternenklar. Zwar trübten die Straßenlaternen den freien Blick, doch auch so konnte ich endlich einer Frau die Sterne zeigen. Ich erklärte ihr ein paar der wichtigsten Sternbilder, und verriet ihr ein paar Dinge über das Universum, die für mich beeindruckend waren. Ich fand es toll, mit ihr da zu stehen, ganz allein, nachts, und mit ihr zu reden. Genau so hatte ich mir das vorgestellt, so hatte ich es mir erhofft.

In meinem Hotelzimmer wollte ich nicht viel nachdenken, schaltete den Fernseher ein und sah, wie ein sehr junger Mann bei "Wer wird Millionär" die Million gewann.

Sicher, eine Million ist ne tolle Sache, dachte ich mir. Doch was ich im Moment am meisten will, ist, eine schöne Zeit mit Hye-Suk zu verbringen. Dieser Abend war ein erster, großer Schritt in etwas tiefere Bereiche. Ich fragte mich, wie weit ich noch vordringen könnte, oder ob schon am nächsten Tag der große Reset-Schalter umgelegt und Hye-Suk wieder so emotionslos wie zuvor sein würde.


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