20 Tage, 05.-24.10.2006
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Freitag, 6. Oktober

Am Morgen war ich nicht wirklich ausgeruht, weil ich auf der Couch sehr schlecht geschlafen hatte. Nach einiger Zeit tapste Hye-Suk im Schlafanzug vorbei, begrüßte mich, und verschwand im Bad. Als sie schließlich zum Frühstück erschien, sah ich auch, dass sie nicht übertrieben hatte, als sie erzählte, sie sei recht dünn und wolle das ändern. Normalerweise hört man von Frauen ja genau das Gegenteil (und da manchmal gar: Je dünner, desto größere Komplexe, zu dick zu sein). Dass sie das durch das Essen von mehr Reis nicht ändern konnte, war ihr dann auch irgendwann aufgefallen. Also beschloss sie lediglich, mehr zu essen, und auf den entschlackenden Grüntee zu verzichten.

Ich muss zugeben, dass ich sie mir ein wenig anders vorgestellt hatte. Etwas mehr Körper, und vor allem lebhafter. In diesem Moment spielten immer noch meine Erwartungen an sie eine große Rolle. Diese blöden Erwartungen! Es wäre schön, wenn ich von diesen einmal lassen könnte, einfach alles auf mich zukommen lassen, den Tag zu leben, ohne gleich das beste oder schlimmste zu erwarten. Und dennoch verlor ich in diesen ersten Stunden die Hoffnung, dass ich mich tatsächlich in sie verlieben könnte. Und ich machte mir sogar Gedanken, ob ich nicht die falsche Entscheidung getroffen hatte.

Dennoch beschloss ich, tapfer zu bleiben und darauf zu hoffen, dass sie etwas aufblühen würde in den nächsten Tagen. Hier war alles so neu für sie, dass es ganz natürlich war, dass sie sich sehr schüchtern verhielt. In der Tat sollte sie von nun an fast jeden Tag irgendeine völlig neue Erfahrung machen. Viele erste Male.

Das erste erste Mal an diesem Tag bestand aus dem "continental breakfast", wie es bei denen von der Insel so schön heißt. Es war witzig, ihr zu erklären, wie man ein Brötchen schmiert, und dass es hunderte verschiedener Sorten Wurst und Käse gäbe, wobei sie nur zwei zur Auswahl hatte, zusammen mit zwei Sorten hausgemachter Marmelade. In Korea isst man selbst am Morgen schon warm. Reis mit Kimchi und diversem anderen Zeug. Von daher war dies eine Herausforderung für sie. Und da sie gerne Tee trank, was sie in Korea angeblich immer trinkt, kannte sie auch keinen Pfefferminztee, der ihr aber sofort schmeckte.

Nach dem Frühstück habe ich sie mit zu mir genommen, wo wir uns ein bißchen auf der Couch ausgeruht haben, um dann zu einem Spaziergang durch mein Dorf und dessen Umgebung zu starten. Sie kannte schon ein paar Dinge von Fotos, die ich ihr geschickt hatte, und ich wusste, dass ihr das sehr gefallen würde. Noch dazu war das Wetter absolut genial, und das, wo der Wetterbericht noch eine Woche vorher mehrere Wochen Kälte und Regen versprochen hatte. Dies hatte sich geändert. Es sollte schön werden, schöner als so mancher Oktober je gewesen war. Für uns? Wer weiß das schon.

Unser erster Stop war das "berühmte" Inzlinger Wasserschloss.

Von da aus wanderten wir den Hügel hinauf, von dem wir einen netten Blick auf das Dorf hatten:

Und sie hat auch mal wieder Kühe gesehen. Und nein, die kannte sie schon, obwohl sie aus der Großstadt kommt. Bei dem schnaufenden Bullen da hinter ihr waren wir aber dennoch froh, dass dieser Respekt vor dem elektrisch geladenen Zaun hatte.

Als wir so durch die Gegend spazierten, fragte ich mich oft, ob ihr all dies hier gefiel. Sie machte weder Anstalten in die eine noch in die andere Richtung. Sie ist kein Mensch, der laut "Wow, ist das toll!" ruft, wenn er etwas neues oder schönes sieht bzw. erlebt. Nein, sie genießt im Stillen. Und wie ich später erfuhr, genoss sie diesen Spaziergang mehr, als ich zu diesem Zeitpunkt geglaubt hatte. Es braucht Zeit, Menschen kennen zu lernen. Und mit jeder Minute lernte ich dazu.

Hye-Suk stammt aus einer der größten Städte dieser Erde. Und man könnte denken, dass sie, wie viele Städter, die Stadt benötigt, um sich frei zu fühlen. Wie sie dann allerdings auch meinen Eltern erklärte, lebt sie nur in der Stadt, weil dort ihre Eltern wohnen. Könnte sie frei entscheiden, würde sie aufs Land ziehen, irgendwohin, wo es ruhiger ist, die Luft besser und das Leben noch etwas langsamer. Damit liegen wir absolut auf einer Wellenlänge.

Mittags beschlossen wir, Instant-Nudeln aus Korea zu essen. Packung auf, heißes Wasser rein, das Päckchen mit dem Chilipulver reingeschüttet, ein paar Minuten warten, und dann genießen. Ausgesprochen "Lamyon". Lange asiatische Nudeln in einer Suppe, viele Gewürze, und eine zunächst eher unscheinbar wirkende, sich aber mit der Zeit extrem akkumulierende Schärfe. Ich habe keine Probleme mit scharfem Essen, nein, ich liebe es sogar, aber die Lamyon konnte ich nicht vollständig verdrücken, weil mein Rachen Feuer spuckte und ich aus allen Poren heraus schwitzte. Hye-Suk dagegen hatte absolut keine Probleme. Das nächste Mal sollte ich also nur das halbe Päckchen Gewürz hinein schütten... oder noch eine Menge trainieren.

Am Abend gingen wir zurück zum Haus meiner Eltern, wo meine Mutter ein gutes Essen für uns gekocht hatte. Dazu stoßen sollten neben meinem Vater, vor dem Hye-Suk am meisten Angst hatte (Väter sind in koreanischen Familien die höchsten Respektspersonen, und selbst Kinder haben sich vor ihnen zu verbeugen), meine Schwester zusammen mit ihrem Freund. Kein Wunder, dass sie da nervös war.

Dennoch gaben sich alle Mühe, die Situation aufzulockern. Auch mein Vater zeigte sich von seiner besten Seite. Er kramte sogar einige englische Sätze hervor, wo ich bisher dachte, dass er kaum etwas verstehen oder gar sagen könnte. Gesagt hat Hye-Suk an diesem Abend nicht viel, stattdessen jedoch genickt und immer "good" gesagt, wenn sie gefragt wurde, ob ihr etwas schmeckte oder nicht. Den Rotwein, den ihr meine Mutter eingeschenkt hatte, ließ sie stehen. Und vom Mineralwasser nahm sie nur einen kleinen Schluck. Ich fragte mich wirklich, ob sie auch etwas anderes trinken würde außer Tee. Dass sie insgesamt wenig trinkt, war mir aber bis dahin schon klar geworden.

Darauf angesprochen, was ihr bisher an Inzlingen und dessen Umgebung aufgefallen war, sagte sie, dass die Straßen extrem sauber seien und die Deutschen offenbar Blumen liebten. Dass dies leider nicht überall in Deutschland so ist, würde sie in der nächsten Zeit noch merken.

Als das Dessert vorbei und der Abend am Tisch länger wurde, und meine Mutter Hye-Suks Versuche, den Tisch mit abzuräumen, abgeblockt hatte, wurde mein Vater nervig. Er hatte eine halbe Flasche Rotwein im Körper, und immer, wenn er etwas angeheitert ist, fängt er an, ein Dauergrinsen aufzuziehen, das fast schon bedrohlich wirkt. Dazu stellt er Fragen, die er schon gestellt hat, und labert oft einfach nur Müll. Deshalb beschloss ich, dem ein Ende zu bereiten, und ging mit Hye-Suk in deren Zimmer.

Später erfuhr ich, was sie in dem Gespräch mit meinem Vater am meisten beschäftigt hatte. Er fragte sie, wann sie beginnen würde zu arbeiten, jetzt, nachdem ihr Studium beendet sei. An sich eine ganz normale Frage ohne Hintergedanken. Erst recht bei meinem Vater, der dies am nächsten Tag schon wieder vergessen haben würde. Doch für Hye-Suk war das so, als würde ein koreanischer Mann sie das fragen. Und wenn ein solcher diese Frage stellt, bedeutet dies oft einen Vorwurf in diese Richtung. Manche Dinge sind eben schwierig bei interkultureller Kommunikation. Ich versuchte sie in dieser Hinsicht zu beruhigen, aber ich weiß nicht, ob mir das gelang.

Meine Schwester hatte in den Tagen zuvor, auf Drängen meiner Mutter ("die muss unbedingt mal sowas sehen!"), zwei Karten für eine "Oktoberfest"-Party für uns besorgt. Ich war gleich dagegen, weil ich wusste, dass Hye-Suk eher schüchtern sein würde und auch nicht in Discos oder auf laute Parties geht. Doch machte ich es abhängig von ihrem Charakter. Wäre sie so wie Jinju (die ich in Edinburgh getroffen hatte und sehr extrovertiert war) gewesen, dann hätte ich mich überwinden können, mit ihr da hin zu gehen. Aber so? Nein, das konnte ich uns nicht antun, schon gar nicht gleich am dritten Tag. Meine Mutter wollte das nicht verstehen, weil sie immer glaubt, dass ich mich nur davor drücken möchte. Aber sie hat auch keine Ahnung, wie es auf dieser Party zugehen würde. Ein riesiges Zelt, darin extrem laute Guggenmusik der örtlichen Fastnachts- Vereine, viel fließender Alkohol... Nein danke, dann lieber noch ne Disco.
Ich sagte meiner Schwester, sie solle versuchen die Karten zurück zu geben. Leider klappte das nicht, wodurch ich 16 Euro Leergeld zahlte. Was solls. Wenn selbst meine Schwester Bedenken hat, dass es uns da gefallen würde (und was sich dann auch hinterher durch ihre Erzählungen bestärkte), dann war es die richtige Entscheidung gewesen.

Später am Abend saßen wir gemeinsam vor dem Computer und versuchten, günstige Unterkünfte in London und Paris zu finden. Es stellte sich schon da heraus, dass London sehr teuer war, und wir Einzelzimmer gleich vergessen konnten. Letztlich beschlossen wir, obwohl sie da noch zögerte, ein Zweibettzimmer zu nehmen. Sie überlegte ein wenig, aber meinte dann: "Ok, my father is not here, so... it's okay." Alle anderen Möglichkeiten unter 40 Euro pro Nacht wären Mehrbettzimmer gewesen. Und DAS wollte ich mir ganz gewiss nicht antun, denn in einer Großstadt sind die Hotelzimmer die einzigen Orte mit Privatsphäre. Dafür zahle ich dann auch 40 Euro statt nur die Hälfte. Paris ging dann wiederum. Wir fanden ein Zwei-Sterne-Hotel, dessen Einzelzimmer nur 32 Euro pro Nacht kosteten, incl. Frühstück. Na also! Natürlich wussten wir noch nicht, wie diese aussehen würden. Und wir hatten auch nicht so viel Ahnung, wie gut die Anbindung ans Zentrum sein würde. Doch was wäre das Leben ohne Risiko?

Mit diesen Gedanken im Kopf beschlossen wir den zweiten Tag. Ich fuhr nach Hause und ließ Hye-Suk sich von ihrem Jet-Lag erholen, der in ihrem Falle 7 Stunden betrug. In dieser Nacht war ich etwas zuversichtlicher, was unsere nächsten Tage betraf, weil ich mich langsam an das Mädchen gewöhnte und gespannt darauf war, was ich noch alles über ihren für mich doch recht ungewohnten Charakter herausfinden würde.


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