20 Tage, 05.-24.10.2006
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Einleitung

Der auslösende Grund für diese Reise, die uns an über 10 verschiedene Orte in Deutschland, der Schweiz, England und Frankreich geführt hat, war Hye-Suk, meine Brieffreundin aus Südkorea. Ich kenne sie nun schon seit über einem Jahr, und eigentlich hatte ich immer gedacht, dass wir uns zum ersten Mal sehen würden, wenn ich eine Korea-Reise machen werde.

Doch wie das Leben so spielt, und da meistens alles anders kommt als man glaubt und erwartet, kam es, dass sich Hye-Suk im September kurzfristig dazu entschloss, mich für 3 Wochen in Deutschland zu besuchen. Sie hatte ihr Studium beendet, ihre wichtigen Tests abgeschlossen, und deshalb genügend Freizeit, um endlich mal rauszukommen. Ihre jüngere Schwester studiert schon seit über zwei Jahren in Kanada. Demzufolge hatte sie bei ihren Eltern noch was gut, worduch diese ihr trotz aller Bedenken diese Reise nicht verweigern konnten.

Glücklicherweise hatte ich noch genügend Urlaub zur Verfügung, um die ganze Zeit mit ihr zu verbringen. Als ob ichs geahnt hätte, sage ich mir manchmal. Überhaupt hatte ich mir schon Gedanken gemacht, was ich mit dem ganzen Urlaub denn anfangen sollte. Diese Frage wurde durch Hye-Suks Entscheidung kurzfristig beantwortet.

Die Wochen vor ihrer Anreise verbrachte ich damit, mir zu überlegen, was wir in diesen 3 Wochen tun könnten, und kam schon da zu dem Schluss, dass 20 Tage zwar eine lange Zeit seien, es aber dennoch stressig werden würde. Bloß nicht zuviel, sagte ich mir, da weder ich noch Hye-Suk Urlaub machen wollten, um Stress zu haben.

Deshalb bestand unser Reiseplan letztendlich aus meiner Umgebung im Südwesten Deutschlands, Zermatt in der Schweiz, einer einwöchigen Autoreise durch Süddeutschland, sowie einer Woche in London und Paris, damit auch das "europäische Feeling" nicht zu kurz kommen sollte.

Jetzt, wo ich das schreibe, sind die 20 Tage (leider) schon wieder um, und ich verbringe meine letzten Urlaubstage damit, die über 1000 Fotos zu sortieren, zu bearbeiten, und diesen Bericht zu schreiben. Etwa 360 Fotos haben es in diesen Bericht geschafft, und - wie von mir gewohnt - werden meine Texte recht ausführlich werden.

Von daher wünsche ich allen Lesern viel Spaß. Ich hoffe, dass es halbwegs interessant sein wird.

Donnerstag, 5. Oktober

An diesem Donnerstag war die Schon- und Träumfrist vorbei. Nachdem ich mich noch am Morgen mit diversen Computerproblemen bei einem Bekannten abgelenkt hatte, fuhr ich am Nachmittag nach Freiburg und stieg in den ICE Richtung Frankfurt Flughafen.

Während der Fahrt machte ich mir, wie ich das so gerne tue, tausend Gedanken über das, was geschehen würde. Nur noch ein paar Stunden und wir würden uns zum ersten Mal sehen. Sicher waren da die Bilder, wenn auch nicht viele, sodass ich zumindest wusste, dass sie mir nicht schon vom Aussehen her unsympathisch sein würde. Ein schlimmes Erwachen wie bei meinen beiden Blind Dates vor vielen Jahren (bei denen die Bilder der Mädels absichtlich schlecht waren) konnte und wollte ich somit gar nicht erst in mein Gehirn lassen.

Dennoch war da immer noch dieser ungewisse Faktor, der mich zweifeln ließ: Die Sympathie. Was würde passieren, sollte mir das Mädel nicht sympathisch sein? Ich müsste drei lange Wochen mit ihr verbringen, ich würde viel Geld ausgeben, und danach müsste ich mir an den Kopf fassen und mir Vorwürfe machen, warum ich so idiotisch gewesen war, mich auf etwas derartig risikoreiches überhaupt einzulassen.

Gedanken wie diese hatte ich zur Genüge während dieser Zugfahrt. Aber ich stellte mir auch den umgekehrten Fall vor: Was, wenn sie mir so sympathisch sein würde, dass ich mich in sie verlieben könnte? Was, wenn es uns beiden so ginge? Wäre das überhaupt wahrscheinlich? Anstatt mir darüber allerdings zu viele Hoffnungen zu machen, beschränkte ich mich letztlich auf einen guten und realistischen Kompromiss, der sich so formulieren ließ: Ich werde mit Hye-Suk eine schöne Zeit verbringen. Ganz einfach und offen, wie man sich eben fühlen sollte in einer solchen Situation.

Das Kribbeln in meinem Bauch, welches bei Abfahrt des Zuges noch kaum bemerkbar war, wurde stärker und stärker, als ich im Flughafen stand und nach dem Gate suchte, an dem sie ankommen sollte. Bedauerlicherweise kannte ich noch nicht einmal das richtige Terminal, und der Flughafen war riesig. Dazu musste ich lange suchen, bis ich eine Anzeigetafel entdeckt hatte, auf der ihr Flug eingetragen war. Um 18:34 Uhr landete die Lufthansa-Maschine aus Incheon, und einige Minuten später wusste ich zumindest die Nummer des Gates. Dennoch suchte ich mehr als zwanzig Minuten lang nach diesem Ort, und meine Nervosität begann gehörig an mir zu nagen.

Schließlich stand ich mit vielen anderen Wartenden vor dieser Tür mit einem davor liegenden Geländer. Und wartete. Und wartete. Zwanzig Minuten, eine halbe Stunde, vierzig Minuten. Meine Hände waren schweißnass. Was, wenn sie nicht durch diese Tür kommt? Was soll ich zu ihr sagen, wenn ich sie sehe? Werde ich sie sofort erkennen? Ich rief mir ihr Bild zurück ins Gedächtnis, und die Beschreibung ihrer Kleidung und ihres Rucksacks, die sie mir gegeben hatte.

Immer wieder ging die Tür auf und viele Menschen kamen mit mehr oder weniger suchenden Augen hindurch. Viele Asiaten darunter, vermutlich auch Koreaner. Immer wieder junge Frauen, und jeder schaute ich genauestens hinterher. Mir wurde immer wärmer, doch musste ich mich bewegen, um meiner Nervosität zumindest ein bisschen Ablenkung zu verschaffen. Die Zahl der Wartenden wurde immer kleiner, und schließlich waren es nur noch ein paar Wenige. Mittlerweile war schon fast eine Stunde seit Landung verstrichen, und ich begann, mir ernsthafte Sorgen zu machen.

Also überwand ich mich, einen koreanisch aussehenden Jungen anzusprechen, der ebenfalls zu warten schien. Er sprach sogar Deutsch, als ich ihn auf Englisch fragte, ob er auf jemanden aus Seoul warte. "Ja, auf meine Eltern", antwortete er. Gut. Gut! Ich war nicht allein. Sie war nur noch nicht angekommen. Alles in bester Ordnung.

Einige Minuten später klingelte mein Handy. Das konnte nur Hye-Suk sein, und mein Verdacht wurde bestätigt, als ich eine Nummer sah, die mit +81 begann. Zitternd nahm ich ab. Zum ersten Mal hörte ich meine Brieffreundin. Und ich verstand nicht, was sie sagte. Ich war zu nervös, sie war zu nervös, und letztlich gab ich ihr nur zu verstehen, dass ich auf sie wartete. Und ich war erleichtert, dass ihre Stimme mich nicht zurück zum Bahnhof gehen ließ.

Über eine Viertelstunde später kam dann ein dünnes Mädchen mit einem riesigen Rucksack durch die Tür, auf den ihre Beschreibung passte. Das musste sie sein. Ich atmete tief durch, überlegte mir noch einmal, wie unsere erste Konversation verlaufen würde (ich hatte mir extra was auf Koreanisch zurecht gelegt), und ging auf sie zu.

Ich sagte "Hye-Suk?", sie sah mich an, sah dann sofort wieder weg, sah mich wieder an, und machte sich dann wortlos auf den Weg Richtung Ausgang. Hallo? Einen Augenblick lang war ich nicht sicher gewesen, ob sie wirklich die richtige war, aber als sie mir dann ihre Tasche in die Hand gab, wurde mir bewusst, dass nur ihre Nervosität sie daran hinderte, mich anzusehen und den Mund zu öffnen.

So hatte ich mir unsere erste Begegnung wahrlich nicht vorgestellt. Alle Szenarien, die ich mir ausgemalt hatte (und das waren einige) deckten dieses Ereignis nicht ab. Ich wusste nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte, und beschränkte mich einfach darauf, mit ihr den richtigen Weg durch den Flughafen zu finden.

Wir setzten uns schließlich in ein Cafe, sie mir gegenüber. Wir bestellten Tee, und ich einen großen Salat, weil ich noch nicht zu Abend gegessen hatte. Es fiel ihr schwer, mir in die Augen zu sehen, weil das in Korea je nach Situation als unhöflich gilt und bei Konversationen eher vermieden wird. Ich dagegen bin so darauf fixiert, meine Gesprächspartner wissen zu lassen, dass ich an ihnen interessiert bin, dass ich mir schlecht vorkäme, würde ich ihnen nicht in die Augen sehen.

Nach und nach entspannte sich die Situation. Ich grinste die ganze Zeit, weil ich zwar wegen ihr etwas verwirrt war, ich aber dennoch glücklich war, dass sie hier war, und dass meine Nervosität langsam wich. Irritiert hat mich dennoch, als sie plötzlich vom Tisch aufsprang, in eine Ecke ging, und sich dort schneuzte. Weil man das in Korea am Tisch nicht macht. Sie sprach sehr wenig, und ihr Englisch war äußerst holprig, weil sie immer noch zu nervös war. "Are you nervous?" fragte ich sie. "Absolutely", war die Antwort.

Nun zahlte es sich immerhin aus, dass ich extra den späteren Zug zurück gebucht hatte. Sonst wäre es durch die Verspätung in der Gepäckausgabe enorm knapp geworden. Immer wieder versuchte ich im Zug, ein Gespräch aufzubauen. Doch letztlich scheiterte es wohl auch daran, dass sie viel zu müde war vom langen Flug. Und ich hoffte während dieser Fahrt, dass sie nicht so bleiben würde wie sie in diesem Moment war.

Von Freiburg aus waren es noch rund 40 Minuten mit dem Auto. Wir fuhren zum Haus meiner Mutter, die rund 15 Minuten von mir entfernt wohnt. Sie hatte Hye-Suk einen Schlafplatz angeboten, was eine gute Entscheidung war, und letztlich auch Hye-Suks Eltern beruhigt hatte. Alles andere wäre entweder zu teuer (Hotel) oder nicht wirklich angebracht (bei mir im Wohnzimmer) gewesen.

Als wir ankamen, war meine Mutter natürlich ebenfalls nervös. Sie hatte vor allem Sorge, weil sie kaum Englisch sprach und nicht wusste, wie Hye-Suk das deutsche Essen vertragen würde. Als die Tür aufging und ich eingetreten war, ging Hye-Suk einen Meter zurück und verbeugte sich tief vor meiner Mutter. Diese hatte damit absolut nicht gerechnet und wollte sich ebenfalls verbeugen, was dann insgesamt sehr lustig war, weil sich eigentlich nur die Jüngeren vor den Älteren zu verbeugen haben, zumindest in Korea.

Als Willkommensgruß gab es Sekt und ein wenig Salzgebäck. Hye-Suk ließ sich etwas Sekt einschenken, obwohl ich wusste, dass sie keinen Alkohol trank. Dass sie das Glas dann auch nicht anrührte, sollte nicht das letzte Mal gewesen sein. Wir unterhielten uns nur sehr kurz, und Hye-Suk überreichte meiner Mutter ein Geschenk, das aus einer großen Packung Ginseng-Tee bestand, für den Korea berühmt ist. Insgesamt war die Situation zu neu für uns alle, sodass wir uns schnell ins Bett begaben. Ich schlief diese Nacht auf der Couch, damit Hye-Suk am nächsten Morgen nicht allein sein würde, weil meine Mutter arbeiten musste. Ich schlief nicht gut, weil ich mir zu viele Gedanken machte und ich die erste Nacht in einem fremden Bett nie gut schlafe. Aber im großen und ganzen war ich gespannt, wie die 19 folgenden Tage verlaufen würden.


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